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Hallo, wer spricht?

Bild vergrößernTim Renner, Chef von MotorFM

Tim Renner, Chef von MotorFM.

Früher gab das Radio vor, was man zu hören hatte. Das ist lange her: Wer heute keine Lust auf Mainstream-Programme hat, der schaltet um auf individuelle Spartenpogramme. Oder wandert zur wachsenden Podcast-Fangemeinde ins Internet ab.

Die jungen Hörer laufen weg

Der Mann heißt Tim Renner und nicht Kassandra. Dennoch weiß er mehr als andere oder sagt einfach laut, was viele sonst höchstens denken: Dass es zum Beispiel langweilig ist, immer auf Nummer Sicher zu gehen.
Renner hat die Musikbranche gewarnt. In seinem Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ prophezeite er dem Business schon vor zwei Jahren, daß sich die Hörgewohnheiten radikal wandeln würden. Die Gegenwart gibt ihm Recht: Gerade haben sich die Fachleute zum jährlichen „Radio Day“ in Köln getroffen, um die aktuelle Situation zu analysieren und mit Schrecken festgestellt, dass ihnen die jungen Hörer abhanden kommen. Das tägliche Pogramm für die Ohren wird immer mehr zur individuellen Sache.

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Sender für Musik jenseits der Charts: MotorFM.

Immer mehr Alternativen zum Mainstream

„Selbst schuld“, meint Renner. Wer möglichst viele ansprechen wolle, der setze „nicht auf Neues oder Kantiges“, sondern auf altbekannte Hits. Hörer mit eigenen Vorstellungen und differenziertem Geschmack machen da nicht mehr mit, weil es zum Mainstream immer mehr Alternativen gibt: Sie schalten um zu den Spartenkanälen. Oder wandern ins Internet ab, wo man inzwischen sein eigenes Programm per Podcasting herunterladen und sogar gestalten kann.

Töne, die man selten hört

Tim Renner hat beides im Angebot. Dank Motor FM, einem Sender für Musik jenseits der Charts. Seit Februar 2006 kann man ihn auf der ehemaligen Frequenz des Privatsenders 100,6 hören und sich dazu einmal wöchentlich neue Musikstücke auf seinen MP3-Player laden. Die Netzeitung liefert Kurznachrichten, ansonsten bleibt viel Platz für Kulturtipps, Bandporträts und natürlich Musik. Von Rammstein bis Mouse on Mars, Tocotronic über Blumfeld oder PJ Harvey – Töne, die man auf anderen Frequenzen selten hört.

 
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„Morningstar“ bei Radyo Metropol FM: DJ Hakan.

Teddy für die ganze Familie

Natürlich hängt das Angebot auch von der Zielgruppe ab. Bei Radio Teddy, mit dem sich Motor-FM bis vor kurzem noch eine Frequenz teilte, ist der ideale Hörer eher klein, entsetzlich neugierig und schwankt in seinen akustischen Vorlieben irgendwo zwischen Tokio Hotel und jener „Bärenhöhle“, aus der allabendlich ab 18 Uhr Geschichten zum Einschlafen dringen. Anschließend treffen sich auf 106,8 die Eltern zum „Familientalk“: Man plaudert, berät sich über Schulprobleme oder tauscht praktische Tipps. Als „Sender für die ganze Familie“ hat man im August 2005 begonnen und präsentiert deshalb bis in die Abendstunden alles kindgerecht. Wem das, etwa im Fall der stündlichen Nachrichten, zu wenig ist, der muss zwischendurch immer mal wieder umschalten.

Hörer-Telefon steht selten still

Während der Sendungen steht das Hörer-Telefon im Studio selten still – Interaktion ganz im Sinn von Programmdirektor Uwe Schneider, der früher selbst Gitarrist der Berliner Band „Teens“ war: Denn ohne einen Dialog zwischen Machern und Zuhörern weiß der eine nicht, wie sein Programm ankommt, während der andere schon zur nächsten Sendestation zappt.

Bild vergrößernKofferradio

Brücke zwischen den Sprachen und Kulturen

Zum Beispiel zu Radyo Metropol FM. Seit 1999 liefert Deutschlands erster türkischsprachiger Radiosender ein Programm für hier lebende Türken. Mit Informationen aus dem regionalen Alltag, Comedy, Weltnachrichten in Deutsch und Musik verschiedenster Jahrgänge. Die jüngste kommt von DJ Hakan, der als „Morningstar“ täglich im Studio auflegt. Metropol FM versteht sich „als Brücke“ zwischen den Sprachen und Kulturen. Dafür gab es 2003 nicht nur den Kulturpreis der Boulevard-Zeitung „B.Z.“, sondern auch immer mehr Frequenzen: Nach 94,8 für Berlin kamen u.a. Ludwigshafen, Stuttgart und Mainz hinzu. Seit April dieses Jahres sendet man nun auch in Koblenz und erreicht damit knapp 450.000 türkische Hörer.

Radiosender
rs2 UKW 94,3
Radyo Metropol UKW 94,8
Radio Paradiso UKW 98,2
Kiss FM UKW 98,8
Motor FM UKW 100,6
Radio Teddy UKW 106,8

Was ist Podcasting?
Eine ausführliche Erklärung finden Sie hier.

Podcasts
Verzeichnis von Podcast zu den unterschiedlichsten Themenbereichen.
Die Erlebnisse von Friedrich Witt
Alltagsgeschichten von Larissa Vassilian

Philharmonische Anekdoten im Internet

So viel Breitenwirkung käme Friedrich Witt gerade recht. Ein halbes Jahrhundert lang war er Solobassist bei den Berliner Philharmonikern, und seinen Kontrabass streicht er noch immer. Nun allerdings im heimischen Wohnzimmer am Wannsee. Oder bei seinem Sohn in Prenzlauer Berg, der die klassische Musik zusammen mit Witts erzählten Anekdoten aus philharmonischen Zeiten ins Internet stellt.

Podcaster locken täglich mehr Fans ins Netz

Hunderte solcher Podcaster haben das deutsche Internet inzwischen erobert und gestalten selbst Programme, die sich andere auf ihren Computer oder MP3-Player herunterladen können. Manches davon hat bereits Kultcharakter und lockt täglich mehr Fans ins Netz. Larissa Vassilian zum Beispiel: Jeden Abend setzt sich die 29-jährige Münchnerin in flauschigen Pantoffeln ans Mikrofon und erzählt von zu Hause absurde Alltagsgeschichten. Und die Profis lernen von solchen Amateuren: Seit Mai 2006 bietet nun auch die Schaubühne begleitende Podcasts – eine Art virtuelles, modernes Programmheft mit Interviews und Anekdoten rund um Proben. Kantiges halt, das sonst im täglichen Programm zu kurz oder gar nicht vorkommt.