Stadt & Szene

Runter von der Straße, rauf auf die Bühne

Die Berliner Kontakt- und Beratungsstelle KuB organisiert ein Theaterprojekt für obdachlose Jugendliche. Wer fleißig mitprobt, bekommt Essen, einen Schlafplatz und Gage.

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Das Theaterprojekt will obdachlose Jugendliche von der Straße holen.

„Wir fangen jetzt an“, versucht Margareta Riefenthaler die Jugendlichen zu animieren, die sich Freitag um 16 Uhr in der Berliner Kontakt- und Beratungsstelle (KuB) am Zoologischen Garten eingefunden haben. Keine Reaktion. Flo hört Musik, Ahmad verdrückt noch einen Pfannkuchen und Cara ist mit ihrem Handy beschäftigt. Die Tür geht auf und zu, rauchende Jugendliche schlendern durch den Raum, sprechen mit Sozialarbeitern oder holen sich einen Saft.

„Toly, wir fangen mit deinem Monolog an“, versucht es Riefenthaler erneut. Die 17-Jährige mit den rot gefärbten Haaren und dem Piercing in der Oberlippe springt auf und stellt sich in die Mitte des Raumes. Während sie ihre Rolle der frustrierten Ehefrau Paula übt, laufen die Gespräche im Raum weiter – aber davon lässt sie sich nicht irritieren. „Mehr Energie im letzten Satz. Denk an jemanden, auf den du richtig wütend bist“, sagt die Regisseurin. „Kein Problem, dann stell ich mir meinen Vater vor“, erwidert Toly.

Anlaufstelle für obdachlose Jugendliche

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Seit 16 Jahren leitet Margareta Riefenthaler das Theaterprojekt in der KuB, einer Anlaufstelle für obdachlose Jugendliche in Berlin. Sie bekommen hier etwas zu essen, können Wäsche waschen, duschen und ein paar Nächte unterkommen. Die Mitarbeiter helfen weiter, wenn es um Behördenfragen geht, finden freie Plätze in betreuten Wohneinrichtungen oder vermitteln zwischen Kids und Jugendamt. Außerdem können sich die Jugendlichen ärztlich behandeln lassen und einmal in der Woche kommt eine Tierärztin, um die pelzigen Begleiter zu untersuchen. Darüber hinaus hat die KuB ein breites Angebot an Freizeitaktivitäten, wie Malen oder Töpfern, Musikproduktionen oder eben das jährlich stattfindende Theaterprojekt, das unter anderem von der Stiftung Berliner Sparkasse gefördert wird.

Das größte Problem ist der Hunger

Aufführungen

Die Aufführungen von „Whisky und Brot“ finden am 6., 7. Und 8. März 2015 um jeweils 19 Uhr in der Berliner Volksbühne und am 9. März 2015 um 20 Uhr im Grünen Salon statt.

Eintritt: 10 EUR / erm. 5 EUR

Tickets unter 030/240 65 777 oder ticket.volksbuehne-berlin.de

Die Kontakt- und Beratungsstelle ist seit sieben Jahren Teil des Berliner Notdienstes Kinderschutz des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg, existiert jedoch bereits seit 1971. „Obwohl wir offiziell zum Jugendamt gehören, möchten wir nicht wie eine Behörde wirken, denn mit Ämtern haben die meisten Jugendlichen hier schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Robert Hall, seit über 20 Jahren Leiter der KuB. „Unser Angebot ist niedrigschwellig und anonym. Hier wird niemand gezwungen. Vielmehr bieten wir Hilfe an und versuchen, die Jugendlichen, von denen die meisten Zuhause Gewalt, Missbrauch und Verwahrlosung erfahren haben, von der Straße wegzuholen.“

Mit einem alten VW-Bus fahren er und sein Team regelmäßig zum Alexanderplatz, in die Jebenstraße am Bahnhof Zoo oder zum Görlitzer Park. Dort verteilen sie Essen und warme Getränke, bieten Gespräche an und erzählen von den aktuellen Projekten in der KuB. „Das größte Problem ist der Hunger“, sagt Robert Hall. „Die Jugendlichen haben oft zu wenig zu essen und schnorren bringt heute auch nicht mehr so viel wie vor zehn Jahren.“

Es kann immer passieren, dass jemand nicht mehr kommt

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Im Café der Einrichtung proben die Nachwuchsschauspieler inzwischen eine Gruppenszene. „Lauter!“, fordert Margareta Riefenthaler den 13-jährigen Flo auf. Aber der findet seinen Text doof und schlägt eine Änderung vor. „Ok, wenn dir das leichter über die Lippen kommt, machen wir es so“, sagt Regisseurin Riefenthaler, die von den Jugendlichen nur Gretel genannt wird. Die gebürtige Österreicherin lobt viel, fordert von ihren Protagonisten aber auch Professionalität. Sie veranstalte schließlich kein Schultheater, sondern ein Stück für Berliner Theaterbühnen.

Die Jungs und Mädchen arbeiten gerne mit ihr zusammen, dennoch fordern die Proben viel Geduld. Drei mal die Woche für jeweils vier Stunden treffen sie sich. Bevor es losgeht, essen alle zusammen. Ob überhaupt jemand auftaucht, weiß Margareta Riefenthaler vorher nie so genau. „Es kann immer passieren, dass jemand plötzlich gar nicht mehr kommt“, sagt sie. „Dann muss man improvisieren und die Rollen neu verteilen.“

Vor ein paar Jahren sprang beispielsweise die Hauptdarstellerin am Tag der Aufführung ab – und Kiki für sie ein. „Ich hatte eigentlich eine Nebenrolle“, erzählt Kiki. „Die wurde gestrichen und ich musste innerhalb von drei Stunden den anderen Text lernen.“ Bei der aktuellen Produktion agiert die 24-Jährige als Regieassistentin, denn vor einem Jahr wurden die Regeln verschärft und die Teilnehmer dürfen maximal 17 Jahre alt sein. Eine Auflage vom Bundesjugendministerium, das Gelder für das Projekt bewilligt.

Theater statt trinken

Kontakt- und Beratungsstelle

Fasanenstraße 91
10623 Berlin
Tel: 6100 6800

info@kub-berlin.de
www.kub-berlin.de

17 – genau so alt war Kiki, als sie von zuhause abgehauen ist. „Ich hatte keine schöne Kindheit“, bringt sie es knapp auf den Punkt. „Meine ältere Schwester ist behindert und wurde von unserer Mutter bevorzugt – ich habe immer nur den Stress abbekommen.“ Irgendwann hat es ihr gereicht und sie ging mit einer Freundin nach Berlin. Am Anfang schlief Kiki abwechselnd draußen, bei Bekannten oder in der KuB.

Seit drei Jahren hat sie eine eigene Wohnung, die sie mit ihren beiden Hunden teilt und seit eineinhalb Jahren geht sie sogar wieder zur Schule. Wenn Kiki im Mai ihren mittleren Schulabschluss in der Tasche hat, möchte sie auch noch das Abitur machen. Und dann Veterinärmedizin studieren – das hat sie sich fest vorgenommen.

An der KuB gefällt der Schülerin, dass die Mitarbeiter immer ein offenes Ohr haben. „Und dank der Projekte“, sagt Kiki. „hat man auch etwas besseres zu tun, als draußen rumzuhängen und zu trinken.“ Davon profitierte auch Ahmad, als er letztes Jahr vor dem prügelnden Vater floh. Der Krisennotdienst half ihm nicht weiter. Ein weiterer Versuch, von zuhause abzuhauen, endete in einem Waisenhaus in der Nähe von Warschau, ehe die Polizei ihn zurück nach Berlin brachte und Ahmad in der KuB ankam.

Wer probt, hat eine Schlafplatzgarantie

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Das Ziel: Eine Aufführung vor Publikum in der Volksbühne.

Da die Anzahl von Tagen, die die Jugendlichen in der Einrichtungen übernachten können, aus Platzgründen auf monatlich zwölf begrenzt ist, entschloss sich der 16-Jährige, bei dem Theaterprojekt mitzumachen. Denn für den Probenzeitraum bekommen die Schauspieler eine Schlafplatzgarantie, Abendessen und Probengeld. Die Bezahlung orientiert sich daran, wie häufig der Einzelne anwesend ist und wie gut er mitarbeitet.

Ahmad hat dank der KuB-Mitarbeiter mittlerweile eine eigene Wohnung. Trotzdem kommt er immer noch fleißig zu den Proben. „Das macht mir richtig Spaß und ich lerne viel“, sagt er. „Außerdem waren die KuB-Leute für mich da, als ich ganz unten war – jetzt möchte ich gerne etwas zurückgeben.“ Seine Rolle als gestresster Geschäftsmann, der sich zu einer Art Anführer aufschwingt, gefällt ihm gut: „Es war die einzige Figur, die wirklich zu mir passt.“

Kein Mitleid, keine Stigmatisierung

Für mehr Chancengleichheit


Die Stiftung Berliner Sparkasse fördert das Theaterprojekt der KuB Berlin mit einer Spende in Höhe von 7.100 Euro. Mehr zur Stiftung der Berliner Sparkasse erfahren Sie in unserem Beitrag "Kindern Zukunft geben" und unter

www.berliner-sparkasse.de/stiftung

Die Komödie mit dem Titel „Whisky und Brot“ handelt von einer Gruppe schiffbrüchiger Kreuzfahrtpassagiere, die zeitgleich mit einigen Forschern auf einer einsamen Insel stranden. Wie schon in den letzten Jahren hat Regisseurin Margareta Riefenthaler das Stück geschrieben. „Ich wollte etwas, das nichts mit dem Alltag der obdachlosen Jugendlichen zu tun hat, denn es geht weder um Mitleid noch um Stigmatisierung, sondern um Theater“, sagt sie.

Von den Aufführungen der letzten Jahre war das Publikum begeistert – und die Schauspieler waren stolz auf ihre Leistung. „Sogar diejenigen, die am Anfang nur wegen des Geldes mitmachen, merken während der Zusammenarbeit, was alles in ihnen steckt“, sagt Riefenthaler „Das gibt ihnen Selbstvertrauen und sie lernen, dass es sich lohnt, etwas durchzuziehen.“

Flo ist dran und übt seinen neuen Text. „Ich hab keine Lust, wenn alle mich dabei angucken“, sagt er. „Das wird bei der Aufführung aber auch so sein“, antwortet Margareta Riefenthaler. „Such dir einen Punkt in der Ferne, den du fixieren kannst.“ Also noch mal. Dieses Mal trägt Flo mit lauter Stimme vor. Abgang! Applaus! Und ein großes Lob von der Regisseurin – da muss sogar der sonst so coole 13-Jährige lächeln.

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Autorfoto
Autor: Pauline Krebs


Zuletzt aktualisiert: 04.02.2015 · Fotos: shutterstock (2), http://www.shutterstock.com/gallery-320989p1.html?cr=00&pl=edit-00 / 360b

 

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