Stadt & Szene

Tafelrunde zur Mittagsstunde

Die Feste feiern wie sie fallen – insbesondere zu Zeiten der Ritter ein begehrtes Motto. Schnell verwandelten sich gemeinsame Abendmahle in ausgiebige Essgelage, bei denen Spaß und Geselligkeit regierten. Doch Augen und Gaumen kommen auch heute noch in den Genuss mittelalterlicher Speisen – Burgfeste und Gasthäuser in und um Berlin machen es möglich.

Bild vergrößern Zitadelle Spandau Zauberer

Anzünden statt anzapfen: Seit mehr als 30 Jahren zelebriert die Zitadelle Spandau Mittel­alterfeste.

Bild vergrößern Zitadelle Spandau Tonnengewölbe

Dann geht es in den Tonnen­gewölben der Festung zünftig her.

Bild vergrößern Met-Fred

Weinhefe statt Spucke: „Met-Fred“ Fred Göde erklärt seinen Gästen, wie Met heutzutage gebraut wird.

Mittelalterlich essen


Zitadellen-Schänke
Am Juliusturm 1
Berlin-Spandau
Tel.: 334 21 06
www.zitadellenschaenke.de

Tafelrunde
Mittelalterliches Gasthaus, Erlebnisrestaurant
Nachodstraße 21
Berlin-Wilmersdorf
Tel.: 211 21 41
www.tafelrunde-berlin.de

weitere Adressen


Prinz Eisenherz im Filmpark Babelsberg
Erlebnisgastronomie mit Minnesängern, Feuerschluckern, Gauklern
Eingang Großbeerenstraße,
Potsdam-Babelsberg
Tel.: 0331 / 721 27 17
www.prinz-eisenherz.info

Ritterhof Kampehl
Ritterschlag mit Ess- und Trinkgelage
Kampehl 25, Dosse OT Kampehl
Tel.: 033970 / 138 54
www.ritterhof-kampehl.de

Scharfenberger Krug
Scharfenberg 8, Wittstock
Tel.: 03394 / 71 24 17
www.scharfenberger-krug.de

Zur Roßschwemme
Mittelalterliche Rittermahle und Tafelrunden
Am Mühlentor 2, Templin
Tel.: 03987 / 509 50
www.muehlenseeperle.de

Bild vergrößern Tafelrunde

Willkommen im Mittelalter: In der „Tafelrunde“ in Wilmersdorf wird lediglich mit dem Messer gegessen. Statt Gabel gibt es Brot zum Tunken.

Mittelalterlich feiern


Oster-Kloster-Fest in Chorin
mit Mittelalterdorf
Amt Chorin 11c (am Kloster Chorin)

Wann: 28. März bis 1. April 2013
Öffnungszeiten:
Do. 15-19 Uhr, Fr.-Mo. 10-19 Uhr
Eintritt: Eröffnungstag: 3 €, Kinder 1 €, danach: 9 €, Kinder 5 € (Kinder unter „Schwertmaß“ frei)

Ein Osterspectaculum mit mittelalterlichem Schauspiel, Handwerk und Essen veranstalten unter anderem:

Burg Rabenstein : 29.3. bis 1.4.13
Zitadelle Spandau: 30.3. bis 1.4.13
Burg Beeskow: 30.3. bis 1.4.13

Ritterfeste im Frühjahr


Schloss Britz
3. bis 5. Mai 2013

Schloss Diedersdorf
4. und 5. Mai 2013

Schloss Oranienburg
18. bis 20. Mai 2013

Museumsdorf Düppel
19. und 20. Mai 2013

BUGA-Gelände in Potsdam
18. bis 20. Mai 2013

Krongut Bornstedt in Potsdam
1. und 2. Juni 2013

Steinerne Wände. Holztische, die sich unter dem Gewicht knusprigen Ochsenbratens und warmen, duftenden Festungsbrotes fast biegen. Teller aus Zinn, von den „Knechten“ mit reichlich Spanferkel beladen. Mägde, die bei schwachem Kerzenschein Met in Bullenhörner gießen. Bänkelsänger, die das Lied der hohen Minne anstimmen. Und eine Gästeschar, die dem Fleisch mit dem Dolch zu Leibe rückt und sich „ergötzed an Speys und Trank“. Seyed willkommen im Mittelalter!

Deftiges und ein Schnaps aus der Eisenkelle

Der Herold bereitet den Besuchern, die der Bus vor der Zugbrücke ausgespuckt hat, einen ritterlichen Empfang am Burgtor. In Kettenhemd und Stulpenstiefeln, mit Helm und Schwert bewaffnet, geleitet er sie die Stufen hinab ins Tonnengewölbe, wo Hellebarden und schwere Rüstungen als Zierrat dienen.

Seit mehr als 30 Jahren zelebriert man in der Spandauer Zitadellen-Schänke Mittelalterfeste. Nichts für Leute, die Übersichtlichkeit auf dem Teller schätzen oder einen empfindlichen Magen haben. Deftiges kommt auf den Tisch – in Massen. Braten vom Brandenburger Weideochsen oder kräftig gewürzte Rosmarinkeule. Vorher selbstgebackenes Brot, Schmalz, Flammkuchen, nachher flambierte Bratäpfel. Sieben Gänge hat das Menü – da braucht‘s schon mal einen in der Eisenkelle servierten Schnaps, um nicht schlapp zu machen.

Zurück zu den alemannischen Wurzeln

„Highlight ist der Spießbraten mit Senfpfefferkruste“, erklärt Juniorchef Benjamin Ziegler (36). Das Ganze zubereitet aus Schweinenacken. Oder die Blutwurst, die vom „Ritter der Blutwurst“ aus Rixdorf angeliefert wird, mit grobem Kartoffelstampf, roten Zwiebeln, Apfelspalten, Senf. Ein typisch mittelalterliches Gericht? So genau weiß Ziegler das nicht.

„Wir kochen so, wie es die Oma gemacht hat. Die hat die Rezepte von ihrer Oma und dann sind wir ja ganz schnell bei den alten Alemannen“, meint er mit einem Augenzwinkern. Viele Gäste würden sich schlicht nach regionalen, rustikalen Speisen sehnen. „Zurück zu den Wurzeln, nach zu viel Pizza und Thai-Curry.“

Brot als Gabel-Ersatz

Knechte und Mägde – bekleidet mit Wickelschürzen, wie sie vor 400 Jahren in Tavernen getragen wurden – kredenzen die Speisen. Einfach zu essen sind diese allerdings nicht. Einziges Besteck: ein Dolch, also ein langes scharfes Messer. Zum Tranchieren des Bratens, der grundsätzlich nur in ganzen Stücken auf den Tisch kommt. „Wir reichen kräftig Brot – als Gabel-Ersatz“, so Ziegler. „Und Suppe wird geschlürft“, sagt Uwe Schild (48), seit 21 Jahren Chef der Wilmersdorfer „Tafelrunde“.

Der Klassiker in seinem Mittelalter-Restaurant: Spanferkel. Dass die Menschen im Mittelalter abgenagte Knochen hinter sich warfen, sei übrigens nicht wahr, räumt Schild mit einem Gerücht auf. „Wenn auch die Tischsitten rauer waren.“ So auch bei der „Tafelrunde“, wo Mägde die „Manns- und Weibsbilder“ mit familiärem „Du“ auffordern, das Kuhhorn mit dem Met endlich dem Nachbarn zu reichen und den Trinkspruch „Auf die Gesundheit“ auszubringen. Wer es schafft, dem (geleerten) Horn einen Ton zu entlocken, darf sich gewiss sein, dafür zum „Ritter der Tafelrunde“ geschlagen zu werden.

Göttertrank beim Oster-Kloster-Fest

Ein anderes als ein mittelalterliches Restaurant zu führen, kann sich Uwe Schild nicht mehr vorstellen: „Hier ist man viel dichter am Gast dran und merkt ganz schnell, ob es ihm gefällt.“ Oft buchen bei ihm größere Gruppen – der Familienclan zum runden Geburtstag oder das Kollegium zum Betriebsjubiläum.

Anders bei Ritter- und Mittelalterfesten: Da sind es meist Familien mit Kindern, die sich den Leibesfreuden in den Garbrätereien hingeben. In Chorin beim Oster-Kloster-Fest beispielsweise: Beim Ritterspektakel lassen sich mit Ferkel und Knoblauchfladen, Apfelwecken, frischem Brot aus dem Ofen, Kräutersud und Bohnentrunk so manche Spezialitäten probieren. Und natürlich Met.

Am Stand von Fred Göde aus Wittenberg kann man dann über den „Göttertrank“ erfahren, dass ihn schon die Germanen bei kultischen Festen als Rauschtrunk schätzten. Der Gärvorgang gestaltet sich heute allerdings etwas anders. „Die alten Völker spuckten zwecks besseren Gelingens in den Ansatz aus Quellwasser und Honig“, weiß „Met-Fred“. Die Enzyme des Speichels leiteten den Gärprozess ein. „Was früher die Spucke war, ist heute die Weinhefe.“

Hirsebrei für die Lohnknechte

Ebenso wie Göde kommt Carsten Lyhs, „Meister des tierischen Mittelalters“, Jahr für Jahr nach Chorin. Bietet er in seiner „Schaubräterey“ auf Mittelaltermärkten landauf, landab „Spieße von Wild und gezähmter Sau“ an, ist er beim Oster-Kloster-Fest diesmal nur mit seiner Fladenbäckerei vertreten. Die Fladen sind schnell gemacht: Maismehl, Wasser, Gewürze – auf heißer Platte ausgegossen und gebacken wie Crepes. Dazu reicht Lyhs selbstgemachte Dips. Mit frischem Gemüse oder Tomatenbutter. „Und in Chorin mit Bärlauch, das ist einfach die Zeit.“

Im Mittelalter sei viel Wild gegessen worden, erzählt der 43-Jährige. Von den Adligen. „Lohnknechte, wie ich einer war, bevor ich mich mit meinem Mittelalterstand selbstständig gemacht habe, aßen eher Hirsebrei. Nur den könnte man heute niemandem mehr anbieten.“ Wobei Hirse gut sättige, wie der Bernauer Mittelalterexperte Holger Herzog bestätigt, der in Chorin mit seiner Schauspieltruppe „Trivium“ das Mittelalter lebendig werden lässt. Allerdings sei Hirse eher etwas für den robusten Magen gewesen. „Falsch ist aber die Behauptung, das habe nach nichts geschmeckt“, korrigiert er die Meinung des Volkes. Kräuter habe man schon im Mittelalter „spannend eingesetzt“. Unter anderem Kerbel, „um Schärfe reinzukriegen“.

Ein typisches Mittelaltergericht findet man jedoch kaum auf den Speisekarten: Tauben, zubereitet mit Feigen und Datteln. „Die galten als wohlbekömmlich“, weiß Herzog aus seiner Lektüre mittelalterlicher Kochbücher. Selbst gegessen hat er den Vogel aber noch nicht – „aus Mangel an Gelegenheit“.


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Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Zuletzt aktualisiert: 28.02.2013 · Fotos: Tafelrunde (2), Berlin-Motive.de (2), Met-Fred

 

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