Stadt & Szene

Der Himmel ist mein Dach

Wie lebt es sich ohne Wohnung, ohne Familie, ohne Geld? Schätzungsweise 7.000 Menschen führen in Berlin ein Leben auf der Straße. Hermann ist einer von ihnen. Wir haben ihn einen Nachmittag begleitet.

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Hermann hat unserer Autorin Einblick in sein Leben als Obdachloser gewährt.

Fast zärtlich streichelt Hermann, 54, über den Sattel seines roten Fahrrades. Fast sieht es so aus, als ob er in den Urlaub fahren wolle, in den Wald: Rucksack auf dem Rücken, Schlafsack, Zelt und Sporttasche auf dem Gepäckträger, eine schwarze Tasche voller Bücher rechts am Lenker. In den Wald will er tatsächlich – nur ist dieser nicht sein Urlaubsziel, sondern sein Zuhause.

Freiwillig im Freien

Hermann lebt im Grunewald. Für das Obdachlosen-Dasein hat er sich bewusst entschieden. „Für mich ist das ein Abenteuer", sagt er lächelnd und entblößt dabei eine Zahnlücke. „Ich habe mir das freiwillig ausgesucht.“

Schon in seinem früheren Leben war er abenteuerlustig. "Bei der Bundeswehr war ich Teamleiter der Abwehr“, erzählt er, während er sein Rad auf dem Bürgersteig zur Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo schiebt. Auch nach dem Dienst blieb er rastlos, reiste gern und viel. „Ich habe immer Angst, etwas zu verpassen“, erklärt er und sein Blick schweift in die Ferne. Jahrelang sei er durch die Weltgeschichte gefahren. Finanziert habe er seine Reisen als Proband für Pharmastudien, dazu habe er unterwegs gejobbt. „Ich habe 200.000 Mark nur für Reisen ausgegeben.“

Aus seinen Worten klingt ein wacher Verstand. Hier spricht keiner benebelt vom Alkohol, hier erzählt ein Freigeist, ein Aussteiger. Sein rotes Käppi, seine dicke Daunenjacke sind gepflegt und riechen nicht, die braunen Lederschuhe wirken fast elegant, seine Hände sauber, der Händedruck ist fest, aber nicht erdrückend. Dass er obdachlos ist und auf der Straße lebt, würde dem gelernten Einzelkaufmann für Fotooptik niemals über die Lippen kommen. Und doch ist er es geworden, als er auf einer seiner Reisen all seine Papiere und sein Geld verlor. Endstation Berlin.

Spenden-Stellen:


Mit einer Spende oder durch eine ehrenamtliche Mitarbeit können Sie die Einrichtungen für Obdachlose unterstützen:

• Bahnhofsmission Berlin
am Bahnhof Zoologischer Garten
Jebensstraße
10623 Berlin
Telefon: 313 80 88
Online-Spende über www.berliner-stadtmission.de

• Notunterkunft
Mob - Obdachlose machen mobil
Spenden über www.strassenfeger.org
Hier können Sie sogar spenden, indem Sie Ihren Online-Einkauf über die Seite tätigen.

• Kältehilfe Berlin
www.kaeltehilfe-berlin.de
Bank für Sozialwirtschaft
GEBEWO - Soziale Dienste -
Konto Nummer: 33 60 102
BLZ 100 205 00
Verwendungszweck: „Kältehilfe“

Mehr als 7.000 Menschen leben auf der Straße

Wie viele Menschen in der Hauptstadt ohne Wohnung leben, kann keine Behörde genau beziffern. Die Daten werden an unterschiedlichen Stellen gesammelt. In den Bezirken, Jobcentern, Hilfseinrichtungen. „Hier gibt es eine Lücke“, räumt Regina Kneiding, stellvertretende Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, ein. Nach Auskunft der Berliner Stadtmission besitzen etwa 11.000 Menschen in Berlin keine eigene Wohnung, Schätzungen zufolge sind davon 4.000 über die Bezirksämter untergebracht. Der Rest lebt wie Hermann auf der Straße.

Den Betroffenen stehen nach Angaben des Kälte-Telefons 415 Notschlafplätze für Obdachlose zur Verfügung. Die Zahl der Übernachtungen steigt, allein für den letzten Winter zählte die Berliner Kältehilfe 69.500 Übernachtungen. Ein Obdachloser starb bei den Minustemperaturen.

Vor dem Gang zur Stadtmission zeigt uns Hermann seinen Schlafplatz im Grunewald. „Ich kann ein ganzes Waldgebiet mein Eigen nennen“, sagt er und lächelt. Seit zweieinhalb Jahren schläft er unter freiem Himmel. Zwischen Tannen und Laub breitet er jeden Abend eine Schicht Zeitungspapier unter seiner Isomatte aus, um die Kälte fernzuhalten, bevor er in seinen Schlafsack schlüpft. „Noch geht es ohne Zelt“, sagt er. Wenn sich die Temperaturen aber nachts um den Gefrierpunkt bewegen und bald weit darunter fallen, bedeutet das Schlafen im Freien Lebensgefahr.

Anlaufpunkt für Obdachlose: die Bahnhofsmission

Täglich führt ihn sein Weg in die Stadtmission am Zoologischen Garten. Am Hinterausgang des Bahnhofsgebäudes schlägt dem Besucher strenger Urin-Geruch entgegen. Etwa 200 Meter weiter sammeln sich die Hilfebedürftigen bereits ab 10 Uhr vor der Evangelischen Bahnhofsmission und warten auf die Essensausgabe. Viele Passanten machen einen Bogen um das Haus in der Jebensstraße 7, ohne zu ahnen, dass sich im Inneren ein freundliches Bild darbietet.

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7.000 Berliner leben ohne Dach über dem Kopf in der Stadt. Letzten Winter starb ein Obdachloser in der Kälte.

Etwa 50 Personen sitzen heute in dem hellen Speisesaal. Die Helfer eilen von einer Ecke zur nächsten, Teller klappern und die Schlange an der Essensausgabe wird nicht kürzer. „Das ist ein fleißiger Laden hier, sagt Dieter Puhl, Leiter der Einrichtung. Neben Hermann kommen täglich ungefähr 500 Menschen hierher, um eine Zeit lang im Warmen zu sitzen, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen und mit anderen Obdachlosen zu reden. Die größte und älteste Bahnhofsmission in Berlin ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Obdachsuchende.

Die Schlange soll kürzer werden, doch es werden immer mehr

Neben sieben festen Mitarbeitern kann die Einrichtung auf etwa 70 ehrenamtliche Helfer zählen. „Wir haben eine starke Mannschaft“, sagt Puhl. Dennoch sei es schwierig, die 21 Schichten in der Woche abzudecken, erzählt er, denn die ehrenamtlichen Helfer sind eben nur in einem gewissen Umfang zu unterschiedlichen Zeiten verfügbar, während die Bahnhofsmission 24 Stunden täglich geöffnet hat. In einer knapp acht Quadratmeter großen Kammer werden Schlafsäcke, Schuhe und andere Kleidungsstücke für den Notfall gesammelt.

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Die Bahnhofsmission am Zoo ist für viele Obdachlose Zuflucht vor der Kälte. Doch es gibt viel zu wenige solcher Einrichtungen.

Darüber hinaus beraten die Helfer die Gäste und vermitteln sie an weiterführende Einrichtungen. Hier sei aber der Anspruch eine Utopie, erzählt Puhl. Die Schlange soll eigentlich kürzer werden. Aber es kommen eher mehr. „Es gibt in unserer Größenordnung einfach zu wenig solcher Einrichtungen in Berlin“, beklagt Puhl. Berlin ist ein großer Anziehungspunkt für Wohnungslose. Die Stadt hat zwar ein gutes Hilfesystem, bietet aber auch einen Deckmantel der Anonymität, unter dem die Obdachlosen abtauchen können. Die fehlenden offiziellen Zahlen belegen, wie gut das funktioniert.

„Man muss was aus seinem Leben machen“

Wir bleiben mit Hermann zum Mittagessen. Er setzt sich an einen Gruppentisch mitten im Raum, vor sich eine Tasse Kaffee und ein Tablett mit einer kleinen Schüssel Tomatensuppe und einem großen Teller, gefüllt mit zwei belegten Broten, einer Mohnschnecke, und einem Apfel. Kurze Zeit später setzt sich Alex zu ihm, ein stämmiger Blonder um die vierzig. Alex war Transport- und Staplerfahrer, seit zweieinhalb Jahren ist er arbeitslos, bezieht Hartz IV und wohnt in einem kleinen Zimmer in einer Dreier-WG.

„Die meisten haben eine Wohnung“, erzählt Hermann, während er in seiner Suppe rührt, „nur ich wohne draußen“. Er ist gern etwas Besonderes. Wenn Hermann erzählt, hängen die anderen Gäste der Bahnhofsmission an seinen Lippen. Hermann bettelt nicht, weder auf der Straße noch beim Amt: „Die stellen so viele Forderungen an einen“, sagt er. Jetzt ist er unabhängig und plant seinen Tag selbst. „Man muss eben was draus machen“, sagt er und wischt sich mit der Serviette die Suppenreste vom weißen Vollbart. „Die meisten stehen vor dem Supermarkt und hauen sich die Whiskeyflaschen rein“, meint er grimmig, während er die Brote und die Mohnschnecke in seinem Rucksack verstaut.

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Mit einer Spende oder durch ehrenamtliche Mitarbeit können Sie wertvolle Hilfe leisten. Viele Einrichtungen machen sogar Online-Spenden unkompliziert möglich.

Alle Verbindungen zur Gesellschaft gekappt

Hermann will wieder los. Er schiebt sein Fahrrad über den Hardenbergplatz in Richtung S-Bahnhof und erzählt, wo es ihn jetzt hinzieht: „Jeden Tag gehe ich in die Hauptstadtbibliothek und lese.“ Spionage-Geschichten seien ihm am Liebsten.

Für andere mag sein Leben wie ein Krimi klingen: unbekannt, unheimlich, unerhört. Warum er seine Arbeitsstelle aufgegeben hat, auf Reisen ging, um letztlich im Wald zu leben, kann er nur schwer erklären. Vielleicht hat schlichtweg der Freigeist in ihm alle Verpflichtungen gekappt: Geld, Bindungen, Besitz. Doch seinen Traum vom Reisen hat sich Hermann bewahrt. „Ich versuche, wieder an Sponsoren zu kommen“, sagt er mit einem spitzbübischen Lächeln. Dann verabschiedet er sich und verschwindet in der Menschenmenge.


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Autorfoto
Autor: Ninja Priesterjahn


Zuletzt aktualisiert: 01.10.2014 · Fotos: shutterstock (2), Ninja Priesterjahn, Bahnhofsmission (2)

 

Kommentare

von hubi am 12/18/15 um 11:34

stehe selber vor der Obdachlosigkeit, habe alles verloren und weiß nicht weiter, was tue ich bloß

 

von Redaktion Berliner Akzente am 12/18/15 um 11:50

Lieber "hubi", Ihre scheinbar ausweglose Situation so kurz vor den Feiertagen klingt fürchterlich. Aber sicher gibt es einen Weg, wie Sie wieder Hoffnung schöpfen können - niemand muss in Deutschland obdachlos werden. Es gibt in Berlin (und überall im Land) viele Anlaufstellen, die Sie unterstützen können. Beispielsweise der Berliner Krisendienst unter Tel. 030/390 63 00 oder die Schuldenhilfe des Arbeiter-Samariter-Bund unter Tel. 030/21307-111. Wir wünschen Ihnen alles Gute!

 

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