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Bild vergrößernPortrait

Mit dem "Erfinderladen" bietet Marijan Jordan Tüftlern eine Plattform, ihre Produkte zu testen.

Produkte von morgen


Erfinderladen, Lychener Str. 8, Mo. – Fr. 11 – 20 Uhr, Sa. 12 – 20 Uhr. Im Internet unter www.erfinderladen-berlin.de

Bild vergrößernStuhlsocken

Witziger Kratzschutz für den Boden: Stuhlbein-Socken.

Bild vergrößernDosensafe

Sieht täuschend echt wie eine Getränkedose aus – ist aber ein Versteck für Wertsachen.

Bild vergrößernHalter

Gut zweihundert verschiedene Produkte sind im "Erfinderladen" erhältlich.

Wer in das Schaufenster an der Lychener Straße 8 blickt, bleibt unwillkürlich stehen. Denn im "Erfinderladen" liegen Produkte, die es eigentlich noch gar nicht gibt.

Eine pinkfarbene Kinderjacke mit integriertem Rucksack beispielsweise, damit die Kleinen ihre Tasche nicht verlieren. Ein Bierhocker aus Holz, den ein Mann aus der Lausitz erfunden hat. Auf dem Hocker kann man nicht nur sitzen, sondern auch sechs Bierflaschen transportieren.

Kreative Verstecke für Wertsachen

Oder Getränkedosen, Schraubenzieher und Batterien, die genauso aussehen und genauso viel wiegen wie echte, innen aber hohl sind und als Versteck für Wertsachen oder Bargeld taugen. Was außerdem auffällt: Die Stühle in dem Geschäft tragen bunte Söckchen. Die sehen nicht nur witzig aus, sondern sorgen auch dafür, dass der Boden nicht verkratzt. Ausgedacht haben sich das zwei junge Berliner Produktdesigner.

"Erfinderladen" heißt das Geschäft mit dem ungewöhnlichen Sortiment. Es soll "eine Quelle der Inspiration, eine Galerie zukünftiger Produkte und ein Ladengeschäft sein", sagt Geschäftsführer Marijan Jordan. Zusammen mit seinem Partner Gerhard Muthenthaler berät der Österreicher mit der Firma "Erfinderhaus" seit 13 Jahren Tüftler und hilft ihnen, ihre Erfindung zum Patent anzumelden, zu vermarkten und Produzenten dafür zu finden.

Erfinderladen als Testmarkt

Vor einem Jahr haben die beiden den Erfinderladen in Prenzlauer Berg eröffnet. Ein logischer Schritt: "Viele Erfinder blitzen bei Einkäufern großer Handelsketten ab, weil sie die Produktionskapazitäten nicht liefern oder einfach zu teuer produzieren", sagt Jordan. Sein Laden soll eine Plattform sein für solche Produkte, die bisher nur in kleinen Stückzahlen produziert werden, eine Art Testmarkt.

Für den Berliner Stefan Neser, der die Idee zu den Geheimverstecken hatte, weil er beim Campen nie wusste, wo er die Wertsachen deponieren sollte, wenn alle gleichzeitig baden gehen wollten, hat es sich schon gelohnt, mit seiner Erfindung im Erfinderladen präsent zu sein. "Dadurch sind die Medien auf mich aufmerksam geworden, und heute produziere ich in meiner Werkstatt in Neukölln 60 Geheimversteckprodukte in Kleinserien", sagt er. Neben dem Erfinderladen beliefert er inzwischen auch Campinggeschäfte und solche für Sicherheits- und Geschenkartikel. Der Schweizer Zoll hat sich bereits Muster der Geheimverstecke schicken lassen.

Auch im Sortiment: Der kleinste Rucksack der Welt

Erfinder können ihre Schöpfungen im Erfinderladen auf Kommissionsbasis verkaufen, vorausgesetzt sie sind bereits durch Gebrauchsmuster oder Patente geschützt und passen in den Laden. Gut zweihundert verschiedene Produkte sind erhältlich, die meisten wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfunden, aber auch der kleinste Rucksack der Welt aus den USA hat es ins Sortiment geschafft. Zusammengefaltet ist er gerade mal so groß wie eine Faust, geöffnet bringt er es auf immerhin zwanzig Liter Fassungsvermögen.

Manches im Laden ist eher designorientiert oder eine schöne Spielerei wie die iPod-Schutzhüllen aus Feuerwehrschlauch, Trikots für Fußballkicker-Spiele oder das Button-Sortiment für Schwangere, das man sich zum jeweiligen Monat passend auf den Bauch pinnen kann, um nervigen Fragen wie "Hast Du zugenommen?" gleich von vornherein zu begegnen.

Wecker mit Bewegungssensor

Vertreten sind aber auch echte Innovationen: Beispielsweise ein elektronischer Lippenstift gegen Herpes, ein Wecker, der mit Hilfe eines Bewegungssensors erkennt, in welcher Schlafphase man sich gerade befindet und einen dann in einer leichten aufweckt, sowie "Knickfix", ein Metallband mit Querrillen, aus dem sich der Nutzer ganz einfach Haken, Halterungen und Winkel jeder Form zurechtbiegen kann.

Der hintere, schwarz gestrichene Raum des "Erfinderladens" ist eine Art Museum. In den Vitrinen werden allerdings keine Schätze der Vergangenzeit gezeigt, sondern Produkte der Zukunft. "Es handelt sich um Prototypen, die man noch nicht kaufen kann", erklärt Brit Lehmann, die Ladenmanagerin.

Viele Erfinder haben unrealistische Vorstellungen

Ein Sudoku-Würfel steht ebenso im Regal wie Anti-Aggressionsstäbe namens "Pomm-Pomm" und eine tragbare, zusammenfaltbare Blumenvase. Anhand eines zusammenklappbaren Mini-Grills wird gezeigt, welchen Weg eine Erfindung vom Prototyp bis zum ausgereiften Produkt nimmt. Produzenten und potenzielle Lizenznehmer können sich Termine geben lassen und werden dann mit den Erfindern zusammen gebracht.

Oft müssen die Erfindungen aber noch verändert werden. Der Laden diene auch dazu, den Erfindern zu helfen, ihr Produkt zu verbessern oder ihnen klarzumachen, in welchen Märkten es Erfolg haben könnte, sagt Lehmann. "Die Vorstellungen der Erfinder sind da oft unrealistisch", weiß der Experte, dem fast jeden Tag neue, skurrile Produkte vorgestellt werden.

Viele deutsche Erfindungen kämen aus dem handwerklichen Bereich. Osteuropäer tüftelten eher spielerische Sachen aus wie einen Kugelschreiber mit integriertem Wortspiel. Das meiste, was im Laden landet, wurde von Männern erfunden. Aber die Frauen holen auf: "Sie konzentrieren sich auf Bereiche wie Design und Fashion", erzählt Jordan. Und damit gute Ideen nicht verloren gehen, sondern im besten Fall zu einer neuen Erfindung werden, gibt es im Erfinderladen auch die Duschnotiz zu kaufen. Dahinter verbirgt sich ein wasserabweisender Notizblock mit Folienstift. Damit können Geistesblitze, die einem unter der Dusche kommen, flugs notiert werden.

Kontakt zum Autor: Eva Schmid


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Zuletzt aktualisiert: 29.12.2010 · Fotos: Sarah J. Eick (5)