"Crossboccia" verwandelt die ganze Stadt in eine gigantische Spielwiese: Ob in U-Bahnen, Treppenhäusern oder an Uferböschungen – gespielt werden kann es überall. Sogar auf Häuserwänden, Rutschen und Bänken. Die Trendsportart hat das Potenzial, ganze Generationen von Schulhofkindern neu an den Ball zu bringen, meint unser Autor. Er hat es selbst ausprobiert.

Profi am Crossboccia-Ball: Hans Pagel aus Friedrichshain zeigt, wie's geht.

Alles bespielbar: Auch Treppenhäuser, Parkbänke und Ufer-Böschungen sind für Crossboccia-Spieler keine Hindernisse.
Spielwiese Berlin
Mehr über Crossboccia: www.crossboccia.com. Über den Online-Shop der Seite können auch Bälle gekauft werden: Ein Set mit 3 Bällen und einem Zielball kostet 19,99 Euro.
Eine weitere Berliner Crossboccia-Truppe trifft sich unregelmäßig im Schlossgarten Charlottenburg und im Volkspark Friedrichshain. Mail-Kontakt über: Anna Lisa Senftleben

Entdecken beim Spielen ganz neue Seiten Berlins: "Richi" Krause (links) und Hans Pagel.
Skurril, skurril
Mehr über ungewöhnliche Sportarten und Freizeitaktivitäten in Berlin lesen Sie in unserem Beitrag "Sportliche Extratouren": Zum Beispiel geht es um Hüpfstelzen, Slacklining, Parkour und Base-Jumping.

Das französische Boule-Spiel stand Pate für den neuen Trendsport Crossboccia, den der Student Timo Beelow aus Wuppertal erfunden hat.
"Hier, bitteschön", ruft Hans Pagel und drückt mir drei sandsack-artige, lila farbige Bälle in die Hand. "Crossboccia go!", sagt der 22-jährige Friedrichshainer und geht vom Laden im Simon-Dach-Kiez raus auf die Straße, wo wir die neue Trendsportart spontan ausprobieren.
"Machen und lachen – alles mega-easy"
"Die Regeln sind sehr schnell erklärt. Hauptsache: Machen und lachen – mega-easy", meint Hans' Kumpel Richard Krause (22), der sich lieber Richi nennt und im Hinterraum an einem neuen Regal aus alten Heizungsrohren bastelt. Seine Jeans hängt auf Halbmast, das weiße T-Shirt macht ihn etwas blass, der Blick wirkt nachmittags um halb drei noch müde, so als sei er eben erst aufgestanden. "Bin ich auch", sagt er.
Gemeinsam führen Richi und Hans das Label "Revdes" für Streetwear-Mode, und wenn mal kein Kunde in dem kleinen Ladenlokal die Kleiderständer durchstöbert, die beiden nicht an ihrer Internetseite werkeln oder eine Messe vorbereiten, dann spielen sie Crossboccia, eine Weiterentwicklung des französischen Boule-Spiels. Stundenlang. "Boule geht nur auf Kiesboden – Crossboccia funktioniert überall", sagt Hans, weiße Sneakers, silberne Achtzigerjahre-Digital-Uhr am Arm und ein Konterfei von Tom Selleck aus der TV-Serie "Magnum" auf dem grauen Hoodie.
Sogar Bänke und Fenstersimse sind bespielbar
Auf der Straße, in der U-Bahn, an Ufer-Böschungen, zwischen den Beeten im Park oder auf der Rutsche eines Spielplatzes – die ganze Stadt wird für die beiden Jungs zur Spielwiese. Denn die mit Kunststoffgranulat gefüllten Bälle kullern nicht ständig beiseite, sondern bleiben nach dem Wurf überall am Fleck liegen. Sogar Bänke, Fenstervorsprünge und Treppen können so bespielt werden. Boule in 3-D sozusagen. Völlig unabhängig von einem Spielfeld. Und das probieren wir gleich aus.
Erste Runde: Hans wirft als erstes den kleinen, weißen Zielball ("Marker"). Die großen Bälle der Spieler müssen wie beim traditionellen Boule oder Boccia so nah wie möglich neben ihm landen. Wer am nahesten dran ist, darf seine anderen beiden Bälle gleich hinterher werfen. Das Spiel dauert so lange, wie die Spieler Lust haben. Hans gewinnt natürlich. Zweiter Versuch. Diesmal über Bande – dafür muss die saubere, gelbe Häuserwand herhalten.
Ähnliche Freiheit wie bei "Parkour"
Crossboccia beschert Spielern eine ganz neue Freiheit. Architektonische Begebenheiten, wie Treppen, Rampen oder Häuser-Erker, stellen keine Hindernisse mehr dar. Im Gegenteil. Sie bieten ähnlich wie die aus Frankreich stammende Sportart "Parkour" – bei der junge Sportler alles erklimmen, was ihnen in den Weg kommt – sogar ganz neue Herausforderungen.
Doch beim direkten Vergleich mit Parkour sträubt sich Richi: Parkour sei wesentlich gefährlicher, da es auch immer mit einem Verletzungsrisiko verbunden ist. Schließlich könnten die Läufer beim Erklimmen von Häuserwänden abstürzen. "Aber die Stadt entdecken wir auf diesem Weg schon neu." Jede Ecke wird gecheckt, ob sie nicht eine interessante Spielfläche bietet.
Kopf bis Knie: Spieler nutzen sämtliche Körperteile
Und wenn das "Über-Bande-Spielen" allein zu langweilig wird, bauen die Jungs kurzerhand zusätzlich Holzkisten mit ein, in die der Ball abschließend versenkt werden muss. So sind ganze Schwierigkeits-Parcours möglich. Zudem kommen nicht nur die Hände zum Einsatz, die Spieler nutzen sämtliche Körperteile: Füße, Ellenbogen, die Knie und sogar den Kopf.
Entdeckt haben die beiden gebürtigen Berliner Crossboccia im Juli dieses Jahres auf einer Messe, auf der sie ihre T-Shirts und Streetwear-Pullover präsentieren wollten. Direkt nebenan zeigten einige Jungs aus Wuppertal Crossboccia an einem Stand, erinnert sich Richi. Die fanden die T-Shirts der beiden Berliner gut und die Berliner die Bälle. Also tauschten sie ein paar Shirts gegen ein paar Bälle – und schon waren die Jungs ganz im Ballfieber.
Erste Berliner Meisterschaft auf der YOU
Erfinder von Crossboccia ist der Student Timo Beelow aus Wuppertal, der mit der Sportart eine "neue Ära im Kugelsport" gekommen sieht. "Viele kennen Boule oder Boccia lediglich aus dem Sommerurlaub, wo man meist mit bunten Plastikkugeln bewaffnet am Strand einen kleinen Zielball jagt, oder verbinden hiermit ältere Herren, die auf Dorfplätzen mediterraner Länder spielend bei einem Glas Rotwein den Tag ausklingen lassen", meint er auf seiner Internetseite www.crossboccia.com. Crossboccia würde Boule und Boccia nun revolutionieren, weil es das Spiel unabhängiger, actionlastiger und kreativer macht.
Europaweit haben seit Juni 2009 bereits 20.000 Spieler ein Bälle-Set gekauft. "Ich denke schon, dass da noch mehr geht", meint Richi. Auch das ZDF war schon bei den Berliner Spielern und hat einen Beitrag über ihre Ballkünste gedreht. Und auf der Jugendmesse YOU auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof vom 1. bis 3. Oktober 2010 in Berlin sind die Crossboccia-Erfinder mit einer 200 Quadratmeter großen Eventfläche präsent. Hier können Messebesucher fleißig üben für die erste Meisterschaft im Crossboccia auf Berliner Boden, die "Crossboccia Berlin Open", bei der als Höhepunkt am 3. Oktober dann die besten Spieler antreten.
Selbst Großmütter spielen mit
Zweite Runde: Nun zielen wir auf die gelbe Häuserwand. Sanft prallen die hart geworfenen Bälle ab und kullern in die Nähe des weißen Zielballs. Diesmal meine mehr und Hans' weniger. Schon beim zweiten Spiel gewinne ich. So leicht könne es eben gehen, sagt Hans und nimmt es sportlich. Oft würden Passanten stehen bleiben, viele würden neugierig nachfragen und einige sogar spontan mitspielen.
Selbst Großmütter hatten die beiden bereits als Spielgefährten. Daher kann sich Richi gut vorstellen, dass der Sport schon bald ganze Schulhöfe erobert oder vielleicht auch von Krankenkassen als Reha-Sport angeboten wird. "Es ist ja so leicht und braucht lediglich einen halbwegs sauberen Untergrund." Selbst bei Regen kann Crossboccia gespielt werden. Denn das Granulat der Bälle saugt kein Wasser auf. Oder die Spieler weichen einfach in ein Treppenhaus aus.
Noch ist die Trendsportart in Berlin ein Geheimtipp
In Berlin ist das Pendant zu Crossgolf und Parkours derzeit noch ein Geheimtipp. Eine weitere Gruppe trifft sich außerdem noch im Volkspark Friedrichshain und im Schlosspark Charlottenburg. Ob zwei, drei oder fünf Spieler: Dank der unterschiedlich farbigen Bälle sind der Spielerzahl so gut wie keine Grenzen gesetzt. Auch die Dauer ist variabel.
Jetzt wollen Richi und Hans einen gemeinnützigen Verein in Berlin gründen, um Crossboccia voranzutreiben. Ehrgeiziges Ziel: Sich zu vernetzen, um Wettbewerbe auszurichten. "Aber davor müssen wir noch den ganzen Papier-Scheiß klären", meint Richi und werkelt wieder an dem Regal für seinen Streetwear-Laden weiter. Genug gespielt für heute.
Kontakt zum
Autor:
Jörg Oberwittler
(Website)
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Zuletzt aktualisiert: 04.10.2010
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Fotos:
crossboccia.com (3), Jörg Oberwittler (2)