
Abgemähte Felder bieten Kindern ideale Startplätze. Daher der Mythos vom Herbst als Drachenzeit.

Herbstlich: Dieser Facettendrachen erinnert an ein Kastanienblatt oder an einen Weihnachtsstern.
Drachen-Drang
Die Drachenszene vernetzt sich gut im Internet, tauscht sich dort aus, zum Beispiel auf www.flyingblog.de, und versorgt sich mit Material.
Und auf www.drachenforum.net können Internet-User sogar digital einen Drachen farblich designen.
Drachen-Events:
• 19. September 2010: "Internationales Drachenfest" in Potsdam
• 10. Oktober 2010: Internationaler Drachenflugtag "One Sky One World" für den Frieden, im Britzer Garten

Kitesurfer im Tempelhofer Park: Die riesige Fläche ist ein Paradies für Drachen-Fans.

Die Decke des Drachenladens "Flying Colors" ist komplett mit Drachen zugehängt.

Profi-Teil: ein Kastendrachen.
Der Herbst ist die Zeit der Stürme und des Drangs, Drachen steigen zu lassen – auch mitten in der Großstadt: ein Einblick in die Szene der Berliner Drachenfans, ihre Motivation, Lieblingsplätze, Events – und warum der Mythos von der herbstlichen Drachenzeit ein Irrtum ist.
Carmens grüner Drachen knattert durch die Luft, schießt plötzlich pfeilartig nach oben, saust kurz darauf in die Tiefe, um dann wieder vom Wind beseelt seine Kreise zu ziehen. Die 31-Jährige ist eine von zig Menschen, die sich im Görlitzer Park vom bunten Treiben der farbigen Flugobjekte in den Bann ziehen lassen. Mit dabei: ihr siebenjähriger Sohn, den die junge Frau ebenfalls für Drachen begeistern will. "Damit ich endlich einen guten Grund habe, selbst wieder mal die Leine zu halten." Genüsslich jagen die beiden das grüne Gefährt durch die Luft, das entfernt an eine Schlange erinnert: ein lang gezogener Einleiner, der spiralenförmige Figuren in den Himmel malt.
Bei Simon und Alex, einem frischverliebten Pärchen aus der elften Klasse, stehen beim Drachenvergnügen ganz andere Dinge im Vordergrund. Sie albern in kläglichen Versuchen mit einem Mickey-Maus-Drachen herum. "Den haben wir bei Karstadt gefunden und dachten, wir probieren es mal aus." Jedes Mal, wenn der behäbige und nicht wirklich flugfreudige Drachen wieder auf die Wiese klatscht, ziehen die beiden sich gegenseitig damit auf, dass der eine nicht gut genug hochgeworfen oder der andere nicht schnell genug die Leine gezogen hat.
Die Profis: Auf dem Flugfeld Tempelhof
Bei den Drachenprofis läuft das ganz anders – zum Beispiel auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof: Auf der neu erschlossenen Fläche für Drachen-Enthusiasten finden sich auch konzentriertere Gemüter der Szene zusammen – mit mehreren Lenkdrachentypen und reichlich Reparatur-Equipment. Und natürlich beurteilen sie fachsimpelnd die Windverhältnisse.
Die 26-jährige Sarah, die eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau macht, lenkt am liebsten "Riesenmatten-Drachen" ohne Gestänge: "Manchmal kriege ich auch dabei noch Angst, dass ich die Matte nicht unter Kontrolle bekomme. Dann hat man aber auch einen kleinen Adrenalinschub, der das Ganze ja spannend macht."
Viel erfahrener lenkt Florian seinen Drachen. Der 25-jährige Mathematikstudent ist seit seinem 14. Lebensjahr Drachenfan. Im Winter baut und näht er selber Drachen zusammen. Im Moment sei er aber "voll auf Powerkiten mit Surfen oder Jumping". Vor allem hat er den Trickflug intensiv praktiziert, mit Lenkdrachen samt Gestänge: "Dazu gehört alles, was über Loopings und Achten hinausgeht, wie auf der Stelle drehen oder wie ein Jojo eindrehen. Man kann aber auch im Team ganze Figuren-Choreographien am Himmel produzieren."
Sein Faible für die fliegenden Ungetümer begründet Florian folgendermaßen: "Es ist vielseitig, und man kann sich unbegrenzt darin weiterentwickeln." Andere – wie zum Beispiel Michael Steltzer, Eigentümer des ersten Drachenladens "Flying Colors" in Berlin – erklären ihre Drachenbegeisterung vor allem mit dem Traum vom Fliegen: "Es sind aber auch die Faszination der Technik, die Farben und die Zugkräfte", sagt Steltzer.
Das Material: Bis zu 130 Kilo belastbar
Über Material, Farbe und Konstruktion können Drachen-Profis unentwegt fachsimpeln: Es gibt Lenkdrachen, die 120 Stundenkilometer schnell fliegen, und Drachenleinen, die 130 Kilo ziehen. Kohlefaserstäbe sind besonders leicht, aber die meisten Drachen bestehen aus Bambus und Papier.
Der teuerste kostet bei "Flying Colors" um die 1.600 Euro. Teuer an solchen wertvollen Investitionsobjekten sind nicht nur das Material und die Verarbeitung, sondern auch das Design und der Name des Designers. Es gibt sogar Drachensammler, wie Steltzer erläutert: "Manche dieser Drachen haben auch eine Wertsteigerung."
Der Mythos: Warum der Herbst nicht die beste Jahreszeit ist
Dabei räumt der Drachen-Profi gleich noch mit einem weit verbreiteten Irrtum über das Drachen steigen lassen auf: Die meisten Menschen würden denken, der Herbst sei die ideale Zeit dafür, weil dann der Wind am stärksten sei. "Das stimmt aber nicht – das ist im Frühjahr. Im Herbst sind die schwächsten Winde", erklärt Steltzer.
Der Grund für den weltweiten Mythos, den Herbst mit Drachen steigen lassen zu verknüpfen, sei ein anderer: "Es hängt mit der Landwirtschaft zusammen – im Herbst sind in Mitteleuropa die Felder frei. Im fernen Osten ist die Drachenzeit im Frühsommer, denn dort sind dann die Reisfelder frei."
Die Szene-Events: Drachenfeste und mehr
Eine große Rolle spielen die regelmäßigen Events, zu denen sich die Drachenbegeisterten treffen – die sogenannten "Drachenfeste". Im Mai zum Beispiel waren im Tempelhofer Park die verschiedenen Drachen-Spielarten zu bewundern, darunter auch Powerkiten, das nicht nur auf dem Wasser mit Surfbrett, sondern auch auf dem Land mit Rädern funktioniert. Beim sogenannten Landkiten oder auch Kite-Jumping lassen sich die Sportler von den Zugkräften zu gigantischen Sprüngen in die Höhe bugsieren.
Während in Tempelhof mehr die sportlichen Drachenfans auf ihre Kosten kommen, spielt bei dem Asiatischen Frühlings-Drachenfest in den Mahrzahner "Gärten der Welt" mehr das ästhetische Drachen-Vergnügen eine Rolle. Besucher können dort "japanische Drachenketten, indonesische Kampfdrachen, chinesische Seidenvögel und vietnamesische Fabeldrachen" beobachten. Aber auch im Herbst gibt es wieder die Chance, bei einem solchen Event dabei zu sein: Am 19. September steigt in Potsdam das "Internationale Drachenfest", und am 10. Oktober findet im Britzer Garten "One Sky One World", der Internationale Drachenflugtag für den Frieden, statt.
Die Hotspots: Berlins größte Flugfläche
Dem Tempelhofer Park räumt Michael Steltzer eine große Bedeutung für Drachenfans ein: "In Berlin erleben wir jetzt eine Renaissance, weil wir mit der riesigen Fläche bereichert worden sind: Zweimal zwei Kilometer, das ist bombastisch, und der Wind ist dort gleichmäßig."
Andere schöne Flächen für Berliner Drachenfans sind der Hahneberg in Spandau, der Große Bunkerberg im Volkspark Prenzlauer Berg, der Freizeitpark Marienfelde, die großen Wiesen auf der Domäne Dahlem, der Schlosspark in Charlottenburg und die Hasenheide in Neukölln. Steltzers persönlicher Lieblingsplatz ist der über 80 Meter hohe Teufelsberg im Grunewald – und das nicht nur wegen der Aussicht: "Auf seinem Plateau wird der Wind verdichtet und stärker."
Kontakt zum
Autor:
Pamo Roth
(Website)
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Zuletzt aktualisiert: 02.09.2010
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Fotos:
colourbox.com (2), Flying Colors/Dirk Meinhardt (2), Christoph Schieder, Pamo Roth