
Melanie Tönnies leitet den Berliner Lomo-Store in der Friedrichstraße.
Lomography Gallery Store
Friedrichstraße 133 (Mitte)
Mo - Sa: 10 - 20 Uhr
Infos unter Tel.: 0174 / 166 93 51
www.lomography.de
Sei spontan, schieß aus der Hüfte, pfeif auf einen durchgestylten Bildaufbau: So fotografieren Lomo-Anhänger. Warum Hobby-Knipser weltweit auf verwackelte, unscharfe und fehlerhafte Fotos abfahren und mit billigen Plastikkameras die analoge Fotografie retten.
Im "Lomography Gallery Store" in der Friedrichstraße tut sich Großes: Deutschlands erster und zugleich weltweit der größte Laden für lomografische Geräte samt Zubehör ist der Treffpunkt der Lomoszene. Diejenigen, die zum Stöbern und Fachsimpeln hierher kommen, sind angetreten, die analoge Fotografie zu retten.
"Diese Entwicklung ist mir zuwider"
Dass dieses Genre im Digitalzeitalter dem Tod geweiht ist, damit will sich Margot Redder (48) nicht abfinden. "Wenn bei uns früher Familienfeiern anstanden, durfte ich manchmal mit der guten Voigtländer meines Vaters fotografieren", erinnert sich die Kreuzbergerin an Kindertage. Diese Liebe zur Fotografie hat sie sich bewahrt. "Aber dass heute jeder Depp meint, er sei ein begnadeter Fotograf, ist mir zuwider."
Auch Margot Redder kaufte sich vor fünf Jahren eine Digitalkamera, hat am Rechner mit ihrem Bildbearbeitungsprogramm stürzende Linien ausgeglichen, Fotos nachgeschärft, Farbwerte verändert. "Irgendwann hat mich dieser Perfektionismus nur noch genervt. Dadurch geht den Bildern jegliche Spontaneität verloren", sagt die Sonderschulpädagogin.
Aus Protest eine Lomo-Kamera gekauft
Als sie den Lomo-Shop entdeckte, entschied sie spontan: "So ein Ding kauf’ ich mir." Aus Protest. "Die Philosophie der Lomografen gefällt mir, dass hier Spontaneität zum Prinzip erklärt wird." Intuition statt durchgestylter Bildaufbau, Improvisation statt Perfektion, lautet das Credo der Lomojünger.
Eine Möglichkeit, die Entfernung einzustellen, suchen Hobby-Knipser an ihren Kameras vielfach vergeblich. Es reicht zu wissen, wo der Auslöser sitzt. Zehn Gebote – nachzulesen im Store an der Friedrichstraße – hat die "Lomografische Gesellschaft" aufgestellt. "Schieß aus der Hüfte!", lautet da beispielsweise eine Regel. Wobei sich das Regelwerk mit seinem zehnten Gebot selber ad absurdum führt: "Kümmere dich nicht um irgendwelche Regeln!"
Die Kamera einfach drauf halten
Besonders dieses Gebot beherzigt Margot Redder bei ihren gelegentlichen Lomotouren. "Dann ziehe ich abends durch die Straßen, fotografiere Straßenschilder oder halte mit der Kamera einfach drauf, wenn vor 'Curry 36' Leute in der Warteschlange stehen."
Melanie Tönnies, die den Berliner Lomo-Store leitet, beschäftigt sich seit Jahren mit analoger Fotografie. Zwanzig Kameras liegen bei der 29-Jährigen, die in Hannover Soziologie und Anglistik studiert hat, zu Hause im Schrank. "Die älteste ist von 1937." Ist vielleicht doch auch eine Digitalkamera dabei? "Mein Handy hat eine digitale Kamera", sagt sie und lacht. Durch einen Zeitungsbericht ist sie auf die Lomografie aufmerksam geworden. "In dem Artikel stand, dass die Wurzeln der Lomo in Russland liegen. In den Optisch-Mechanischen Werken in Leningrad, denen die Lomo ihren Namen verdankt, wurden die handlichen Kameras in den Achtzigerjahren massenhaft hergestellt."
Wiener Studenten entdeckten die Lomo-Kamera wieder
Anfang der Neunzigerjahre entdeckten dann Wiener Studenten auf einem Flohmarkt in Prag eine alte Lomo LC-A und waren begeistert von den Fotos, die sie damit schossen. Gerade wegen der kleinen Mängel. 1992 gründeten sie die "Lomografische Gesellschaft" – die Keimzelle einer inzwischen weltweiten Bewegung. Zwölf Shops haben die Wiener weltweit ins Leben gerufen, von Paris und London über New York bis Tokio, wobei die Stores für sie nicht einfach Läden sind, sondern Sitz der "Lomografischen Botschaft". Und die deutsche Botschaft residiert in der Friedrichstraße.
Während ihres Studienaufenthalts in England kaufte Melanie Tönnies ihre erste Lomo. "Plötzlich habe ich angefangen, fehlerhafte Bilder schön zu finden", sagt sie. Ein Bild mit Lichtflecken drauf habe doch eine ganz eigene Ästhetik, schwärmt sie. Eine, die sich mehr und mehr durchsetzt. "In der Werbung findet man heute oft Fotos mit Lichteinfall. Da wird genau darauf gesetzt, dass das unterbewusst der Sehgewohnheit der Leute entspricht, die ja früher vielfach fehlerhafte Fotos aufnahmen." Auch ist es der Überraschungseffekt, den Melanie an der Lomografie schätzt. "Man experimentiert 'rum und sieht nicht sofort, was auf dem Bild drauf ist. Ich warte oft ganz gespannt auf die Entwicklung der Filme."
"Zur Jugendweihe Mitte der Achtziger habe ich eine Lomo bekommen", erzählt die gebürtige Treptowerin Heike Frohberg. "Damals habe ich mich oft geärgert, dass viele Bilder unscharf wurden und die Farben manchmal total verfälscht waren", erinnert sich die Dekorateurin. "Aber als ich vor ein paar Monaten meine alten Fotoalben hervorgekramt habe, fand ich diese verwackelten Bilder mit dem Farbstich irgendwie spacig."
Regelmäßige Lomo-Touren durch Berlin
Ihre Lomokamera fand Heike Frohberg nicht mehr wieder, also kaufte sie sich eine neue. Wenn es heute auch mehr als ein Dutzend Modelle gibt, das günstigste ist schon für dreißig Euro zu haben. Doch für Heike Frohberg musste es die gute alte LC-A sein. Mit Glasoptik, für 250 Euro, heute "made in China" statt in Russland. Mit Freunden verabredet sie sich nun manchmal zu Lomotouren.
Wer im Freundeskreis keine Lomofans findet oder erst mal Probefotos mit einer Leihkamera schießen will, bevor er sich einen eigenen Apparat kauft: Der "Lomography Gallery Store" bietet regelmäßig Touren an. Ausgerüstet mit einer "Diana F+" und einem wachen Auge geht’s dann zu Sehenswürdigkeiten oder in die Keller der Hauptstadt, in die U-Bahnen. Die Touren finden üblicherweise sonnabends statt, freitags gibt’s ab und an Workshops im Store.
Kontakt zum
Autor:
Katrin Starke
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Zuletzt aktualisiert: 07.09.2010
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Fotos:
flickr.com – Thuy Pham, Katrin Starke, wie angegeben (5)