Stadt & Szene

"Geh mir weg mit Mitte". Auch jenseits der bekannten Szene(n) tobt das Berliner Nachtleben.

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Wilder Wedding: Party-Einblicke vom "Brunnen70".

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In den Keller-Club von Maarten de Jonge führt ein rumpeliger Aufzug.

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Ein "etwas undergroundiger Club" schwebte dem Chef vor.

Party-Pioniere


Nightwalker
Eugen-Schönhaar-Straße 6 (Prenzlauer Berg)
www.nightwalker-bar.de

Brunnen70
Brunnenstraße 70/71 (Wedding)
www.brunnen70.de

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Herr im "Nightwalker": Frank "Fox" Lauterbach.

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Die Beleuchtung in seiner Location hat "Fox" selbst kreiert.

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Ort für Kommunikation pur: der lange Tresen im "Nightwalker".

Querdenker wie Maarten de Jonge oder Frank Lauterbach wagen sich mit neuen Locations in Ecken, in denen Partygänger kaum einen guten Club vermuten würden. Zum Beispiel in Keller in Wedding oder ins Wohngebiet von Prenzlauer Berg. Über Party-Konzepte mit rumpeligen Aufzügen, selbst kreierten Beleuchtungskörpern und 'betreutem Wohnen'.

Mainstream hat Maarten de Jonge noch nie interessiert. "Geh mir weg mit Mitte", sagt der 41-Jährige, der mit seinem 1998 gegründeten Kunstverein "Zur Möbelfabrik" (ZMF) seit Jahren in der Brunnenstraße in Mitte residiert. Vom ewigen Hickhack mit seinem dortigen Vermieter genervt, hat der gebürtige Holländer nun eine neue Herausforderung gesucht.

Ein rumpelnder Aufzug führt in die Tiefe

Ein "etwas undergroundiger Club" schwebte ihm vor. Etwas weiter nördlich in der Brunnenstraße und damit schon in Wedding fand er die geeigneten Räumlichkeiten: einen Keller, in dessen Tiefen ein rumpeliger Aufzug hinab führt. "Groß genug, von der Miete her günstig, gute Nachbarn", sagt Maarten über die Location. Nebenan ein türkisches Möbelhaus, dessen Sortiment Maartens Kundschaft vermutlich noch nicht einmal in die Abstellkammer stellen würde.

"Eine Location für Festivals wäre vielleicht ein wenig hoch gegriffen, aber schon so etwas in der Art soll es auf Dauer werden", erläutert Maarten das Konzept seines neuen "Brunnen70". "Als Verein wollen wir selbst regelmäßig ein paar Veranstaltungen machen und ansonsten Veranstalter finden, die unsere Räume mieten." Da hakt es derzeit noch.

Keine Lust auf gängige Werbeschilder

Vielleicht liegt es daran, dass Maarten keine Lust hat auf die gängige Art der Werbung, auf Anzeigenschaltungen oder Plakate, nicht einmal auf Schilder an der Tür. "Das ist nicht unser Stil." Lieber will er spielerisch werben – mit einer Videoinstallation auf dem Bürgersteig und dann einer Performance im Aufzug. Ein wenig guerillamäßig eben, so wie es auch im ZMF angefangen hat.

"Möglichst jedes Wochenende eine Veranstaltung mit verschiedenen Angeboten", umreißt Maarten, der mit "Brunnen70" im März 2010 an den Start gegangen ist, sein Ziel. Er wünscht sich, "dass verschiedene DJs auflegen, mehrere Musikstile bedient und am gleichen Abend noch Filme gezeigt werden". Verschiedene Ansätze unter einen Hut zu bringen, dafür seien die Räume groß genug.

Mit einem Guerilla-Laden die Freaks erreichen

Und irgendwie soll’s ein bisschen freakig sein. "Wo sind eigentlich die ganzen Freaks geblieben? Ich mag Freaks und würde mir wünschen, dass sie zu unseren Veranstaltungen kommen. Denn ich will das alles nicht so genormt und habe auch keine Lust, mir vorschreiben zu lassen, welche Temperatur auf ein halbes Grad genau ein Bier haben muss", sagt der Partyorganisator. Ein Mann mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, der ganz schön auf den Putz hauen kann.

Von Mitte hat Maarten gehörig die Nase voll, "wo alles hipp sein muss". Und den Hype um Kreuzkölln will er auch nicht mitmachen. "Natürlich könnte ich hier irgendwelche weißen Ledersofas reinstellen, aber das wäre dann nichts mehr, was mich interessiert", sagt der Partyexperte. Er schwimmt bewusst gegen den Strom.

Nackte Betonsäulen mit Laser in Szene gesetzt

Noch schüttelt mancher Veranstalter zwar den Kopf, wenn er die Location sieht: die Wände aus nacktem Beton, dicke Rohre unter der Decke. Dennoch ist Maarten überzeugt, der neue Ort werde sich schon herumsprechen. "Wenn’s dann richtig brummt, ist es wieder Zeit für mich weiterzuziehen", sieht sich der studierte Architekt und Stadtplaner eher als Ideengeber. Und schlichte Betonsäulen sehen schon gar nicht mehr schlicht aus, wenn sie mit Laserinstallationen in Szene gesetzt werden.

Frank "Fox" Lauterbach setzt da deutlich stärker auf Ambiente. Längst hatte er im heimischen Keller damit begonnen, die Inneneinrichtung für seine neue Bar zu bauen, als er die passende Location dafür fand. Eine kommunikative Bar sollte es werden, stand für den 43-Jährigen fest. Ein sympathisch wirkender Typ mit einem offenem Lächeln, unauffälliger Kleidung und ganz vielen Ideen im Kopf, über die er ruhig und sachlich plaudert. Und weil es sich nirgendwo besser ins Gespräch kommen lässt als an der Theke, sollte der Tresen ziemlich lang sein. Also machte sich der Mann, der noch kurz vor dem Ende der DDR deren "staatliche Spielerlaubnis für Schallplattenunterhalter" bekam, sich dann als DJ Red Fox im Knaack-Club einen Namen machte und elf Jahre lang das "Tarot" führte, an die Arbeit. Wofür hatte er schließlich mal Tischler gelernt?

Moderne Form des "Betreuten Wohnens"

Letztlich arbeitete er ein Jahr lang an einem Raum- und Lichtkonzept für seinen neuen Laden – und irgendwann in dieser Zeit fand er den Raum, der zu seinen Vorstellungen passte: in der Eugen-Schönhaar-Straße, inmitten von Wohnhäusern. Postalisch gesehen ist das zwar noch Prenzlauer Berg, aber weit entfernt vom Kiez rund um die Sredzkistraße, wo Lauterbach das Partyvolk mit gut gemixten Cocktails in sein "Tarot" locken konnte.

"Die Club- und Szenegastronomie ist ja keine statische Größe. Sredzki, Bötzow und Stargarder waren vor zehn Jahren auch nicht das, was sie heute sind. Irgendwann hat einer den ersten Laden aufgemacht", sagt Fox. Und auch wieder zu. So wie er, der nach elf Jahren "Tarot" Ende 2008 einfach genug hatte. "Ich kann nicht immer dasselbe machen. Mein natürlicher Rhythmus liegt bei sieben Jahren", sagt er und lacht. Dass sein neuer Laden "jwd" liegt, ist ihm egal. "Man kommt hier zwar nicht versehentlich vorbei. Aber wer hin will, für den ist der ‚Nightwalker’ gut zu erreichen", sagt Fox. Dabei hat er gar nicht vornehmlich die vagabundierenden Szenegänger im Blick.

"Hier wohnen doch genauso viele junge Leute – oder sagen wir mal Leute, die noch aus dem Haus gehen – wie anderswo. Und weil’s in dieser Art nix zum Rausgehen gibt, mache ich denen eben mal ’n Angebot." Mit Ledersitzen ("ein bisschen gediegen, aber nicht übermäßig edel"), einer Leinwand für die Spiele der Champions League, die vom ganzen Laden aus einsehbar ist, und von Fox selbst kreierten Beleuchtungskörpern, deren vage an chinesische Schriftzeichen erinnernde Öffnungen rotes Licht aussenden. "Hier sollen sich die Leute wohl fühlen", sagt Fox, der auf Trinkkultur und ein gepflegtes Tresengespräch setzt: "Ich verstehe das hier als eine moderne Form des 'betreuten Wohnens'."

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


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Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010 · Fotos: flickr - Skley, Eltron (3), Katrin Starke (3)