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Titel Handbalance 692

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Zwei am Doppel-Pole: Eike von Stuckenbrok (unten) und Rémi Martin begeisterten im Wintergarten Varieté mit einem waghalsigen Programm.

Video: Artist in Aktion


Totale Körperbeherrschung: Eike von Stuckenbrok an seiner Schaufensterpuppe und im Interview – "Ein bisschen was riskieren, macht schon manchmal Spaß."

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Puppenspieler: Mit seiner Vorstellung an und auf einer umgebauten Schaufensterpuppe gewann Eike von Stuckenbrok beim "Festival Mondial du Cirque de Demain" in Paris eine Bronzemedaille.

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Ohne Grenzen: Der junge Artist kombiniert Elemente aus Tanz, Akrobatik, Zirkus, Theater, Breakdance, Parkour und Schauspiel zu seinem eigenen Stil.

Immer wieder versetzt er sein Publikum in Erstaunen – und weist seiner Branche gleichzeitig einen neuen Weg: Der 21-jährige Berliner Artist Eike von Stuckenbrok vollbringt mit seinem Körper immer neue Extremleistungen. Zuletzt war er fast täglich in der Show "Made in Berlin" im Wintergarten Varieté zu sehen.

Ein Händedruck. Ganz normal, unspektakulär. Und doch sind es diese Hände, die seinen Körper diese unglaublichen Dinge machen lassen. Mit denen er auf Badewannen balanciert, sich beängstigend schnell durch enge Stahlwürfel zwängt, sich behände und anmutig zwischen zwei Metallstangen hin und her schwingt oder sich – sein neuester Coup – an und auf einer Schaufensterpuppe abarbeitet. Der, der drinsteckt in diesem durchtrainierten Körper, ist Eike von Stuckenbrok, 21 Jahre alt, Absolvent der staatlichen Artistenschule in Berlin, einer, der in keine Schublade passen will, ein Popstar seiner Szene, wie manche sagen.

Perfektionist mit Lausbuben-Charme

In Eikes Welt scheint es keine Grenzen zu geben. Wer sollte sie ihm auch setzen? Der junge Artist macht, was ihm gefällt, mischt Stile, greift sich hier ein Element und dort eine Idee – und so wird aus Tanz, Akrobatik, Zirkus, Theater, Breakdance, Parkour und Schauspiel der ganz eigene Eike-von-Stuckenbrok-Stil: "Es ist eine Kombination aus allem und je nach Show immer unterschiedlich", sagt der 21-Jährige.

Einen Begriff, für das, was er macht, hat er selbst nicht. Equilibristik taucht oft auf, wenn es um ihn geht, aber auch das sei eben wieder nur so ein Fachchinesisch: "Und es umfasst auch nur die Handstände, die ich mache. Ist also lediglich ein Zehntel von dem, was eigentlich passiert."

Und es passiert viel, wenn sich der junge Perfektionist seine Bühne nimmt. Was mit Skaten und Breakdance begann, hat mit der Artistik ein großes Spielfeld bekommen: "Sie gibt mir die Möglichkeit, zu machen was ich will, weil es nicht so viele Regeln gibt", sagt von Stuckenbrok, und dann lacht er dieses entwaffnende Eike-Lachen, diese Mischung aus Lausbuben-Charme, jugendlicher Unschuld und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Profis, der genau weiß, was er kann.

Bronze-Medaille beim Nachwuchsfestival

Mit Konventionen zu brechen, macht ihm keine Angst – zumal der Erfolg für ihn spricht: Anfang des Jahres räumte der Berliner beim "Festival Mondial du Cirque de Demain" in Paris, dem renommiertesten Nachwuchsfestival der Artistikbranche, mit seiner Schaufensterpuppen-Nummer die Bronze-Medaille ab.

Von Stuckenbrok sucht eine neue Richtung. Der klassische Zirkus, das etablierte Varieté – beide sind seins nicht. Etwas weniger Unterhaltung, dafür mehr Kultur – das wär’s. Dafür probiert er sich immer wieder neu aus. Nur kein Stillstand, bitte. Würde ja auch nicht passen zu einem, der in den vergangenen drei Jahren schon acht verschiedene Programme entwickelt und gespielt hat. Oft sind sie sehr persönlich – und fühlen sich komisch an, wenn er sie längere Zeit später noch einmal spielt: "Was damals stimmte und echt war, kommt mir dann tierisch falsch vor." Denn die Emotionen, die er hat, wenn er eine Show entwickelt, spielen eine wichtige Rolle. Stress, gute Laune, schlechte Laune, all das fließt ein: "In einer schwierigen Zeit im Leben ist es super, das mit Bewegung zu verarbeiten. Es gibt nichts, was mehr Stress abbaut."

Spiel mit dem Publikum

Für seine beeindruckende Schaufensterpuppen-Nummer verrenkt er sich an einem stahlverstärkten Puppenmann. Er spring, fällt, hängt plötzlich im rechten Winkel zur Figur, um kurz darauf im Handstand auf ihrem Kopf zu stehen. Dazu spielt "Creep" von Radiohead, und das Publikum erlebt Eike von Stuckenbrok so wie er es am liebsten mag: pur. Nur in Jeans tritt er auf, sein durchtrainierter Körper ist Teil der Show, genau wie eine gehörige Portion Erotik: "Klamotten sagen gleich so viel aus", erklärt der 21-Jährige. Später an der Puppe wird er wieder unglaublich verletzlich aussehen. Blicke, kleine Gesten – das ist sein Spiel mit dem Publikum, das ihn so sehr motiviert, wenn es mitgeht. Und die Show wird so wunderbar leicht wirken, gerade wegen der harten Arbeit, die in dieser totalen Körperbeherrschung steckt.

Dabei geht von Stuckenbrok ständig an Grenzen, schont sich nicht. "Man lernt auch, anders mit Schmerzen umzugehen", sagt er. Krankheiten oder Verletzungen – bis zu einem gewissen Grad werden sie einfach ignoriert. Wie der Bänderriss, den er neulich bei den Proben hatte: Der wurde im Krankenhaus schnell geröntgt und getapt, und abends stand von Stuckenbrok dann wieder auf der Bühne.

Aufwachen wie ein 60-Jähriger

Der Preis ist der Verschleiß, den er schon mit 21 spürt. Wenn der Rücken plötzlich ohne Vorwarnung aufmuckt, er am Ende keine Tüten mehr tragen kann und nur noch eine längere Pause hilft. Oder er sich beim Aufwachen wie ein 60-Jähriger fühlt: "Ich lege mich jeden Morgen erst mal eine Stunde in die Badewanne, damit die Muskeln warm werden und sich wieder entspannen." Gehört wohl dazu, zum Artistenleben. Genauso abgeklärt spricht er von dem Verletzungsrisiko, das ihn täglich begleitet: "Kann immer passieren, und dann war es das. Aber ich mach’ eben jetzt mein Leben – und bislang läuft es gut." Gefährlich werde es erst, wenn Angst ins Spiel komme: "Dann stellt sich der Körper auf Fehler ein, und man macht eigentlich ganz bewusst etwas falsch."

Bislang macht von Stuckenbrok alles richtig. Was er und seine Freunde und Kollegen von der Berliner Kreativschmiede BASE anpacken, klappt. Möglichkeiten, weiter seine Richtung zu suchen, hat er viele. Porsche zum Beispiel hat den 21-Jährigen, der sich selbst managt, für eine Fahrzeugpräsentation in der arabischen Welt engagiert, und daheim bastelt er für die GOP Entertainment Group gerade an einer kompletten Show rund um die Schaufensterpuppen. Es werden seine Choreographien sein, er wird Regie führen – schon wieder so ein Ausprobieren: "Vielleicht gefällt es mir auch gar nicht, vielleicht kann ich es auch gar nicht – mal gucken."

Und demnächst vielleicht ein Film

Außerdem haben sie ihm Filmrollen angeboten. Zwei schon. Von Stuckenbrok findet’s interessant, und jetzt wird verhandelt, sagt er: "Wahrscheinlich werde ich es probieren." So ist er, macht Dinge, wenn sie sich für ihn gut anhören – vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Nur perfekt muss es sein. Denn von Stuckenbrok bekommt "tierisch schlechte Laune, wenn etwas schiefgeht". Trotzdem liebt er das Abenteuer: Seine Schaufensterpuppe war erst vier Tage vor dem ersten Auftritt bei der vergangenen Berlinale fertig. Einen kompletten Durchlauf gab es vorher nicht. "Ich bin auf die Bühne gegangen und wusste nicht, ob ich das konditionell hinbekomme, ob das überhaupt in der Reihenfolge auf die Musik und in der Länge hinhaut", sagt von Stuckenbrok: "Aber ein bisschen was riskieren, macht schon manchmal Spaß."

Kontakt zum Autor: Jens Kohrs


Zuletzt aktualisiert: 27.12.2010 · Fotos: R.Pater, André Döring, R. Pater, POP-EYE/Hunger