"Sightjogging" kombiniert Joggen und Stadterkundung. Nicht nur bei Durchreisenden erfreut es sich wachsender Beliebtheit. Auch Berliner schätzen es, sich über die Veränderungen ihrer Stadt auf dem Laufenden zu halten. Die Tourguides leiern nicht lediglich Jahreszahlen herunter, sondern verraten Berlins Geheimnisse. Zum Beispiel was es mit der "Beamtenlaufbahn" am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus auf sich hat.

Stadtführung auf die sportliche Tour: Sightwalker bekommen besondere Einblicke.
Extra aus Hamburg sind die acht jungen Frauen gekommen, die heute mit ihrer Freundin Angelique den Junggesellinnen-Abschied feiern. Während der Bräutigam mit seinen Kumpels nach Sylt gefahren ist, hat Trauzeugin Sheila für die Mädels einen ganz besonderen Tag in Berlin organisiert – und dabei darf natürlich eine Stadtbesichtigung nicht fehlen.
Tagsüber Sightwalking – abends in den Club
"Aber so eine klassische Führung per Bus erschien mir zu langweilig“, sagt Sheila. Im Internet stieß sie auf die sportliche Tour und entschied sich fürs Sightwalking – um auf Nummer sicher zu gehen. "Wir sind zwar alle ziemlich fit, aber heute Abend wollen wir ja noch durch die Bars und Clubs ziehen." Deswegen habe sie sich gedacht, es sei besser, sich tagsüber nicht so stark auszupowern.
Doch auch bei den Lauftouren hätte sie keine Angst haben müssen, keuchend auf der Strecke zu bleiben, während der Guide munter weiterläuft. "Dass einer mit hochrotem Kopf durch die Stadt hechelt, ist doch nicht Sinn der Sache", sagt Michael Horstmann, der im April 2008 mit "Mike’s SightRunning" an den Start ging.
Nur keine Müdigkeit
Adressen für fleißige Lauf-Kundschaft:
SJSW Sightjogging / Sightwalking Berlin
Stefan Friemer
Uhlandstraße 101
10715 Berlin
sjsw-sightjoggingberlin.de
Tel.: 811 55 17 oder 0177 – 379 19 68
Mike’s SightRunning
Michael Horstmann
Krumme Straße 44 (Charlottenburg)
mikes-sightrunning.de
Tel.: 53 06 68 66
Sightjogging-Berlin
Beate Achilles
Lößnitzer Weg 5 (Rudow)
Tel.: 79 78 98 54
sightjogging-berlin.de
Moderates Tempo und Zwischenstopps für Fotos
Natürlich sei das Trüppchen "ein bisschen sportlich" unterwegs – was nicht verwundern muss, schließlich ist Horstmann seit 15 Jahren Marathon-Läufer und hat Wettkämpfe auf drei Kontinenten bestritten. "Aber bei den Sehenswürdigkeiten werden ja jeweils kurze Stopps eingelegt. Da laden sich die Batterien ziemlich schnell wieder auf", sagt der 53-Jährige.
Das bestätigt auch Beate Achilles, Chefin von "Sightjogging-Berlin", deren Angebot sich ebenso an ambitionierte Läufer richtet, wie an reine Sauerstoffduscher. "Wir kommen an so vielen Sehenswürdigkeiten vorbei, die man bei allzu zügigem Tempo gar nicht erklären könnte."
Wie fit ist die "Laufkundschaft"?
Ähnlich sieht es ebenfalls Stefan Friemer, der seit 2009 mit seinem Sightjogging- und Sightwalking-Programm auf dem Berliner Markt mitmischt. Der studierte Betriebswirt ist Sportler aus Leidenschaft. Langstreckenlauf und Triathlon sind seine Disziplinen. "Das Tempo der Touren muss allein schon deswegen moderat sein, weil die Guides nicht nur bei Fotostopps, sondern auch während des Laufens erzählen", sagt der 42-Jährige.
Schon vor der Tour versucht er möglichst viel über die sportliche Kondition seiner "Laufkundschaft" zu erfahren, damit er sich besser auf die Teilnehmer einstellen kann. Genau erinnert er sich noch an das australische Ehepaar, dass bei der Buchung lediglich mitteilte, es würde auch zu Hause laufen. "Vor Ort stellte sich dann heraus, dass die schon unzählige Marathonläufe hinter sich hatten."
Im Vordergrund steht das Sightseeing
Im Laufe der Jahre gewann er an Erfahrung und hat heute drei feste Touren im Programm: die "Mauertour", die "Highlight-Tour" und die "Geschichtstour". Darüber hinaus sind individuelle Routen möglich. Beate Achilles’ Programm ist ähnlich, jedoch können die Läufer mit ihr bei einer regulären Tour auch Potsdam erkunden. Anders Michael Horstmann, der bewusst keine festen Routen ins Netz stellt, sondern die Strecken ausschließlich nach Kundenwünschen zusammenstellt.

Sehenswürdigkeiten im Visier: Unterwegs ist immer genug Zeit für Erklärungen.
Im Vordergrund steht für die meisten dabei das Sightseeing. Das Laufen sei das Mittel zum Zweck, sagt Horstmann, von Beruf IT-Experte. Zu Fuß komme der Tourist eben an Stellen, an denen er bei einer Bustour nur vorbeifahre – wenn überhaupt. "Und beim Laufen kriegt man einfach mehr mit als beim Gehen", bringt Stefan Friemer den Zeitfaktor ins Spiel. Er selbst ist als Student viel gereist und hat Paris ebenso wie Kapstadt laufend erkundet.
Spezielle Touren für Marathon-Läufer
Um beim Sightrunning auf seine Kosten zu kommen, sei der ideale Mix: Spaß an der Bewegung gekoppelt mit einem großen Interesse, die Stadt wirklich entdecken zu wollen, so Horstmann. Im Unterschied zu anderen Berliner Anbietern wendet er sich allerdings ganz gezielt an Marathonläufer. "Denn auch Läufer, die zum Marathon aus allen Teilen der Welt nach Berlin kommen, möchten natürlich die deutsche Hauptstadt kennenlernen."
Bei seinem "Orientierungslauf" verbindet Horstmann Sightseeing mit dem Ablaufen eines Teils der Marathonstrecke. So wird beispielsweise der Zieleinlauf vorweggenommen. "Die Läufer wissen dann genauer, was sie am Wettbewerbstag erwartet – und sehen Berlin." Das helfe, die Nervosität vor einem Marathon in den Griff zu bekommen, spricht Horstmann aus eigener Erfahrung.
Was es mit der "Beamtenlaufbahn" auf sich hat
Und während sich die Teilnehmer der klassischen Stadtführung am Brandenburger Tor wie eine träge Masse erst langsam wieder in Bewegung setzen, hat die Truppe von Michael Horstmann längst die nächste Sehenswürdigkeit im Visier: das Regierungsviertel mit der Brücke zwischen Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus – der "Beamtenlaufbahn".

Nur keine Müdigkeit vortäuschen – doch mit hochrotem Kopf hechelt hier niemand durch die Stadt...
Solche Infos über Spitznamen von Berliner Bauwerken sind es, die seine Kunden schätzen. Oder auch kleine Anekdoten, die nicht unbedingt im Reiseführer stehen. Das hat auch Friemer festgestellt: "Die Leute wollen mehr vom Leben in Berlin hören – keine heruntergeleierten Jahreszahlen, die sich sowieso keiner merkt." Und auch die Zeit der Teilung Berlins interessiere fast jeden Teilnehmer einer Tour. "Wie das Leben hier in der Stadt vor dem Mauerfall war, das wollen die Leute wissen."
Wenn Geschäftsleute einen guten Lauf haben
Vielfach sind es Geschäftsleute, die schnellen Schrittes Berlin erkunden wollen. Morgens vor einem Meeting oder abends nach Abschluss eines wichtigen Vertrages lassen sie sich von den Guides gern im Hotel abholen, um beim Laufen den Kopf frei zu bekommen und zugleich jede Menge neue Informationen aufzusaugen.
Auch bei Betriebsausflügen würden Unternehmen zunehmend auf die alternativen Stadtführungen setzen, berichtet Stefan Friemer. Und immer wieder sind es miteinander befreundete Pärchen, die unter sachkundiger Führung durch die Hauptstadt laufen.
Kontakt zum
Autor:
Katrin Starke
Das könnte Sie ebenfalls interessieren:
• Berlin verführt – kundige Kenner zeigen unsere Stadt aus unbekannten Perspektiven
• Noch mehr Sonne, Frischluft und Bewegung: 22 Tipps für einen perfekten Sommer
Zuletzt aktualisiert: 28.03.2011
·
Fotos:
colourbox.com, Katrin Starke (3)