Jugendkulturen heute: Mit ihrer Kleidung wollen sich Emos, Skater, Gothics, HipHopper und Visual Keis von der Mehrheit absetzen. Sie haben ganz besondere Idole – und nehmen für ihren auffälligen Style sogar Ablehnung in Kauf.
In den 50er Jahren schockten die Rock’n Roller die Heile-Welt-Vorstellungen ihrer Umgebung, in den 60er Jahren warfen die Hippies alle Konventionen über Bord. In den 70ern grassierte das Discofieber, und danach gab es Punks, Teds, Popper und New Waver.
Immer ging und geht es den Heranwachsenden darum, sich mit einer eigenen Identität abzugrenzen. Nicht immer zur Freude von Eltern und Lehrern. Wir haben nachgefragt, was Emos, Skater, Gothics, HipHopper oder Visual Keis eigentlich sind. Und wir wollten wissen, womit sie sich identifizieren.

"Wir stehen zu dem, was wir fühlen", sagen Alex und Andy.
Emos
Alex (18) aus Reinickendorf und Andy (22) aus Hellersdorf
Alex und Andy sind Emos. Die Augen haben sie dunkel geschminkt, die Haare bunt gefärbt mit überlangem Pony. Dazu tragen sie Piercings und jede Menge Buttons. Bei Andy ist gerade mal ein Auge frei geblieben, mit dem er in die Welt blinzeln kann. "Es ist das linke", verrät er, "das Herzauge".
Herzensangelegenheiten spielen bei Emos eine große Rolle. Der Begriff "Emo" stammt von "Emotional Hardcore", einer Musikrichtung, die Anfang der Neunzigerjahre in Amerika entstanden ist. Ein überzeugter Emo zu sein, heißt aber nicht nur, bestimmte Bands zu mögen, sondern vor allem, seine Emotionen offen zu zeigen. "Wir stehen zu dem, was wir fühlen", sagt Alex. "Ich weine zum Beispiel oft, wenn ich Stress mit Freunden habe."
Neben den Vorurteilen, alles Heulsusen oder schwul zu sein, haftet den Emos auch der Ruf an, sich die Unterarme mit Rasierklingen aufzuritzen. Nur ein Gerücht oder die Wahrheit? "Natürlich gibt es Emos, die das tun, aber eben nicht alle", antwortet Alex kopfschüttelnd. "Viele wollen damit nur zeigen 'Helft mir, mir geht es schlecht.' Manche fotografieren sich auch noch dabei und stellen das ins Netz."
Übers Internet laufen viele Freizeitaktivitäten der beiden: Freunde kennenlernen, Musik hören, chillen. Daneben ist telefonieren eines von Alex’ Hobbys, ständig klingelt sein Handy. "Tschüß, Maus, ich hab' dich lieb", verabschiedet er sich, bevor er mit Andy in Richtung Neptunbrunnen weiterzieht. Für die anderen in der Runde gibt es Küsschen.

"Wir haben keine Angst vor dem Sterben", sagen Katja und Cecilia.
Gothics
Katja (17) und Cecilia (18) aus Hohenschönhausen
Weil sie sich selbst melancholisch findet, ist Katja seit vier Jahren in der "Gothic-Szene". Ihre Freunde nennen sie Elmo. Mit anderen Gothics fühlt sie sich über einen ähnlichen Musikgeschmack verbunden und teilt deren Einstellung zum Tod: "Wir sehen das Sterben als natürlichen Bestandteil des Lebens und haben keine Angst davor."
Einige treffen sich gerne auf Friedhöfen. Trotzdem sind die Anhänger der Bewegung keine Satanisten, auch wenn ihnen dieses Klischee anhaftet. "Manche finden die Atmosphäre zwischen Grabsteinen und Efeu einfach schön und inspirierend, etwa zum Gedichte schreiben", sagt Katja. Meistens trägt sie schwarze Sachen, mal aus Lack oder mit Nieten, dazu Springer-Stiefel. Die Augen schminkt sie ebenfalls tiefschwarz. Die Augenbrauen sind ganz abrasiert, um sie je nach Stimmungslage mit dem Kajalstift variieren zu können.
Nach ihrem Schulabschluss möchte Katja Modeschneiderin werden, um sich eigene Klamotten nähen zu können. Für ein Vorstellungsgespräch stylt sie sich tagsüber auch mal weniger auffällig als sonst. "Ich bin halt mit der Zeit mehr und mehr extrovertierter geworden, vom Aussehen und in der Freizeitgestaltung. Ich bin ein richtiger Partymensch und gehe gerne ins 'Last Cathedral' oder 'Dark Side'.

"Uns verbindet die Liebe zum Skaten", sagt Leo.
Skater
Leo (15) aus Steglitz/Zehlendorf
Vor drei Jahren brachte ein Freund von Leo ein Skateboard aus New York mit. Von da an hatte ihn das Skatefieber gepackt. Ihm gefällt besonders gut, dass er beim Skaten immer wieder neue Leute kennenlernt. "Das geht relativ schnell", erzählt der 15-Jährige.
"Von den anderen kann ich viel lernen. Beim Skaten gibt es viele Tricks, die ich immer wieder übe, beispielsweise wie ich das Board ‚flippen’ oder ‚grinden’ lassen kann, oder wie ich das Board während eines Sprungs in der Luft berühren kann."
Trainieren geht Leo auf den Bahnen und Halfpipes in der Skaterhalle, aber genauso gut draußen im Freien, etwa am Potsdamer Platz. Leo versucht, zwei bis drei Mal in der Woche zu fahren. Wenn er doch mal alleine unterwegs ist, hört er dabei gerne Musik auf seinem iPod. Bei Skateboards gibt es eine große Auswahl an Zubehör, denn das komplette Board baut sich der Profi am liebsten selbst zusammen. Dabei liegt der Preis für ein Deck zwischen 80 und 120 Euro.
Einen Helm oder Schutzkleidung tragen eigentlich nur Kinder. "Mit 13 Jahren bist du dafür schon zu alt", meint Leo und fügt hinzu: "Klar falle ich relativ oft hin. Ich hab' mir aber erst ein Mal richtig weh getan, aber noch nie etwas gebrochen." Außer dem Board sind Schuhe mit guter Sohle wichtig. "Bei Skatern ist es egal, wie alt sie sind, welche Klamotten sie tragen oder ob sie gut skaten oder nicht", sagt Leo. "Das, was uns verbindet, ist die Liebe zum Skaten!"

"Zum perfekten Styling gehören toupierte Haare", sagt Kim.
Visual Kei
Kim (16) aus Wedding
Mit elf Jahren war Kim noch ein Gothic, jetzt mit 16 ist sie "Visual Kei" und steht auf japanische Manga-Comics. "Visual Kei" ist in Japan eine Bezeichnung für besonders auffällig gestylte Musiker und die sie nachahmenden Fans.
Auch für Kim ist das Aussehen ihrer Idole ein Vorbild, dem sie möglichst nah kommen will. Bei den "Visual Keis" gibt es mehr Mädchen als Jungen. Bei einigen muss man zwei Mal hingucken, um zu erkennen, wer was ist. Was also braucht es für ein perfektes Styling? "Auf jeden Fall viel toupierte Haare", nennt Kim einen wichtigen Aspekt.
"Ansonsten gibt es verschiedenen Stile mit punkigen oder verspielten Anteilen: 'Oshare Kei' ist sehr bunt beim Make up und Kleidung. 'Dekora' ist noch eine Steigerung davon mit Accessoires wie Haarspangen."
Für ihren Kleidungsstil geben die "Visus" nicht zwingend viel Geld aus, gefragt ist Erfindungsreichtum. "Es gibt keine No-Go's", beschreibt Kim die Szene und schaut durch eine rote Kontaktlinse an sich herab: "Mein Hemd ist zum Beispiel von H&M und der Schlips von meinem Freund". Kims Freund ist HipHopper. "Früher dachte ich immer, ich muss jemanden finden, der so aussieht wie ich. Inzwischen ist mir das Wichtigste, dass er mich akzeptiert. Außerdem mag er auch Animé-Filme wie ich."
Mit ihrem Aussehen stößt Kim bei anderen auch schon mal auf Ablehnung oder sie bekommt dumme Sprüche in der U-Bahn zu hören. Zum Glück stehen ihre Eltern hinter ihr. Kims Mutter gibt ihr sogar schon mal Anregungen oder sagt ihr, wie weit sie gehen kann: "Ich habe jetzt fünf Piercings im Gesicht, das reicht erstmal." Zu ihrem nächsten Geburtstag wünscht sich Kim ein Tattoo.

"Jeder hat seinen eigenen Style", sagt Ugur-Can.
HipHopper
Ugur-Can (14) aus Neukölln
HipHop ist für Ugur-Can schon lange viel mehr als ein Hobby. Bereits in der Grundschule ist er immer in den Neuköllner Jugendclub gegangen. Dort lernte er Hassan, seinen heutigen Breakdance-Trainer, kennen. "Er hat uns den ‚Six Step’ gezeigt und ich bin gleich am nächsten Tag wiedergekommen", erinnert sich Ugur-Can.
"Wir nannten uns 'Funky Monkeys' und trugen T-Shirts mit Graffiti drauf, weil Hassan meinte, "ihr seid wie Affen". Mit acht Jahren war Ugur-Can der Jüngste in der erfolgreichen Tanztruppe, die auf Anhieb den zweiten Platz bei der Meisterschaft in Bernau belegte. In der Woche hat er an zwei Nachmittagen nach der Schule Training.
Einen Dresscode gibt es nicht unbedingt unter den HipHoppern. "Jeder hat seinen eigenen Style", sagt der Neuköllner, „manche tragen breite Shirts, dazu ein Cap. Ich persönlich bevorzuge eher New-Era-Caps als die von Nike, da ist der Schirm vorne so schmal. Dazu eine Jogginghose und Trainingsschuhe, in denen ich mich gut bewegen kann."
Zum Lebensgefühl HipHop gehört neben dem Breakdance auch das Rappen. "HipHop hat für mich nichts mit Gewalt zu tun", sagt Ugur-Can. "Wenn es mal Streit gibt, dann nur mit Wörtern, nicht mit Fäusten – wir nennen das 'batteln' statt kämpfen. Manchmal improvisieren wir nur so zum Spaß, machen Freestyle", ergänzt er, "wir rappen einfach das, was in uns steckt."
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Autor:
Julia Leiditz
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Sarah Eick (6)