Mit den Ghanaern zittern, bei den Spaniern mitfiebern und gemeinsam mit Griechen jubeln: Wo sich in Berlin die Fans einzelner WM-Teilnehmerländer treffen. Vom Lido bis zum Gemeindezentrum: Diese Orte bieten jede Menge Fußballfieber.
Für Deutschland-Fans: das Lido
Während sich halb Deutschland bei der EM vor zwei Jahren auf der Fanmeile am Brandenburger Tor in den Armen lag, trafen sich trendbewusste Fußballfans im Lido. Dass sich das Lokal, in dem regelmäßig die lokale wie internationale Musikszene den Ton angibt, zu einem Dorado für Freunde von Schweiß, Tränen, Stinkefingern, roten Karten und Jubel entwickelt hat, wundert nicht. Immerhin wollte das Lido in den Fünfzigern und Sechzigern einmal als Kino die großen Leidenschaften und in den Achtzigern als Theater-Proberaum des Menschen Jammer und Glück widerspiegeln. Als "WM-Hauptquartier", unterstützt vom Stadtmagazin "Tip" und dem Radiosender "Star FM", scheint der Club nun – zumindest für die nächsten Wochen – seine Bestimmung gefunden zu haben. Auf der Kinoleinwand im Saal wird jedes WM-Spiel zu sehen sein. Im Biergarten sichern Flachbildschirme die Übertragung, bei der unter freiem Himmel ganz unsportlich auch gequarzt werden darf. Die Entscheidung, welchem der parallel laufenden Gruppenfinalspiele man den Vorrang gibt, nimmt das Lido den Gästen allerdings nicht ab. Die Betreiber zeigen einfach jedes: eines im Saal und eines im Biergarten – für Switcher ideal. Ob Sieg oder Niederlage: Ist das Spiel vorbei, heißt es Party machen. Ganz nach Geschmack, sind Indie, Rock, Alternative, aber auch Rumba, Gipsy oder Polka angesagt. Der Eintritt ist frei.
Lido, Curvystraße 7, Kreuzberg, www.lido-berlin.de, Tel.: 69 56 68 40, unterschiedlich geöffnet
Für Südafrika-Fans: das Haus der Kulturen der Welt
Als Partner der Südafrikanischen Botschaft versteht sich das Haus der Kulturen der Welt nicht nur als Anlaufpunkt südafrikanischer Fans. Fußball-Enthusiasten aus der ganzen Welt können hier alle Spiele auf großer Leinwand erleben. Zwischen den Dribblings und Blutgrätschen (von 17.50 bis 20.30 Uhr) winkt jede Menge Kultur aus Afrika. Lesungen, Konzerte, Performances und Expertengespräche rund um den globalen Ball sollen die Farbtupfer im Fußballrasen bilden. Kein Fußballevent ohne eigene Hymne. Für die hat in diesem Jahr die südafrikanische Band "Freshlyground" samt der Party-Hit-Queen Shakira die Noten umhergewirbelt. "Waka Waka (This Time For Africa)" gibt es im Haus der Kulturen der Welt nicht nur aus der Konserve. "Freshlyground" holen am 18. Juni um 19 Uhr auf der Dachterrasse höchstpersönlich alles aus ihren Instrumenten – beim einzigen Berlin-Konzert auf ihrer Europatournee. Musiker aus dem WM-Gastgeberland wie "Hot Water" oder "Simphiwe Dana" werden während der gesamten WM-Zeit mit Rhythmusgefühl und exotischem Flair gegen die deutsche Hüftsteifheit anspielen. Pro Konzert werden fünf Euro fällig. Die Record Release Party zum "Sound of South African House" steigt am 2. Juli (18.30 Uhr). Wer lieber beim Thema bleiben möchte, kann sich am Straßenfußball auf dem Kleinfeld versuchen.
Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, www.hkw.de, Tel.: 39 78 70
Für Italien-Fans: Osteria No. 1
Angefangen hat alles zur WM 1990: Damals stellten Angile Fabio und sein Onkel ein kleines Zirkuszelt im Viktoria-Park auf, direkt neben ihrer italienischen Gaststätte. Nur ein einziger Fernseher stand drin. Das ist lange her. Zur WM 2010 wird Fabio ein 150 Quadratmeter großes Partyzelt an diesem "historischen" Ort errichten lassen – mit Platz für dreihundert bis fünfhundert Leute. An drei Tresen wird er Prosecco, Wein und Bier ausschenken und was das Herz des Fußballfans sonst noch begehrt, und er wird Kleinigkeiten für den Hunger zwischendurch anbieten. Dass zur WM in der Osteria die Fußballspiele übertragen werden, ist für Angile fast Ehrensache – schließlich hat der 42-Jährige bis vor zwei Jahren selber aktiv hinters runde Leder getreten, in Italien, in der Schweiz, später dann in Deutschland.
Angiles Fußballzelt genießt inzwischen fast Kult-Status. Auch die türkische Community aus Kreuzberg findet sich zum Fußballgucken auf Großbildleinwand bei ihm ein. "Wir sind eine Location, in der sich alle Fußballbegeisterten finden können – ebenso wie Familien mit Kindern und Leuten, die mit Fußball sonst gar nichts am Hut haben", sagt Angile. Sein Angebot: ein Fußballfest für jedermann. Sein Traumfinale: Italien gegen Deutschland. Das könnten übrigens Deutsche wie Italiener in ihrer Muttersprache verfolgen – weil die Osteria via Satellit auch die italienischen Sender empfängt.
Osteria No. 1, Kreuzbergstraße 71, Kreuzberg, www.osteria-uno.de, Tel.: 786 91 62, täglich 12-1 Uhr
Für Griechenland-Fans: Taverna Athene
Für Fußball-Fans ist der Grieche am Tempelhofer Ufer nicht nur während der Weltmeisterschaft eine feste Adresse – schließlich werden hier alle Fußball-Highlights, etwa die Spiele der Champions-League, übertragen. Da ist es für die Wirtsleute fast Ehrensache, dass auch zur WM in der Taverna die Post abgeht. In zwei Räumen werden die Spiele gezeigt. Die Top-Begegnungen im größeren, die übrigen in dem kleineren, benachbarten Raum. In der Gaststube selbst bekommt man davon überhaupt nichts mit. Heißt: Selbst wer sich für Fußball so gar nicht zu erwärmen vermag, kann in der Taverna Athene leckere Bifteki oder Souvlaki schmausen, ohne sich vom Fußballgeschehen "stören" lassen zu müssen. Als echter Fußballfan will der Wirt seinen Gästen selbstverständlich auch den einen oder anderen Ouzo spendieren, so ein Tor fällt. Einzig am Montag erklingt in der Taverne Athene kein Anstoßpfiff, denn dann macht der Chef mal Pause.
Taverne Athene, Tempelhofer Ufer 12, Kreuzberg, www.taverna-athene.de, Tel.: 251 60 69, Di bis Sonntag von 15 bis 24 Uhr, Montag Ruhetag
Für Holland-Fans: Golgatha
Wer während der WM auf kleine, orange gewandete Grüppchen stößt, die seit Tagen im Viktoriapark herumirren, nur am Leben gehalten durch das kühle Rinnsal, das den Kreuzberg hinab plätschert, gebe sich gastfreundlich und weise den holländischen Fans den Weg ins legendäre, doch ach so versteckt liegende Golgatha. Für Fußballfans – egal welcher Nation – entpuppt sich der Biergarten nicht nur wegen diverser Strandkörbe, Hollywoodschaukeln, Liegestühle und unterm Himmelszelt aufgestelltem Grill samt Brutzel-Bratwurst mit Schrippe oder Kartoffelsalat als Treff zum lockeren Abhängen. Es sind vor allem die drei Leinwände, die – von der Rückseite schwarz unterlegt – zu jeder Tages- und Sonnenzeit den ungetrübten Fernsehgenuss garantieren. Da vergisst selbst der Inhaber des Gartencenters "Der Holländer" und Fußballfan Lando de Vil seine Geschäfte, hält die Oranje-Flagge ins Kreuzberger Lüftchen und postiert sich mit seinen Landsmannen auf der Dachterrasse vor einer der Leinwände oder einem der diversen Fernseher. Und wegen der grandiosen Öffnungszeiten bis 6 Uhr in der Früh lautet das Motto im Golgatha während der WM selbstverständlich: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Müdigkeit dürfte in keinem Fall aufkommen, legt doch täglich ab 22 Uhr ein DJ auf.
Golgatha, Dudenstraße 48-64, Kreuzberg, www.golgatha-berlin.de, Tel.: 785 24 53, Mo-So 10-6 Uhr
Für Spanien-Fans: Alois S.
David Villa, Iker Casillas, Marcos Senna und Co. würden es bestätigen: Der Erfinder der Tapas muss ein Freund des Fußballs gewesen sein. Lassen die spanischen Kleingerichte – ob Oliven, gefüllte Auberginenröllchen oder Paprikawurst in Cidre – doch noch genügend Platz im Mund, um bei deren Verzehr gleichzeitig das Geschehen auf den beiden Leinwänden der Bar mit "Tor", "Abseits" oder "Foul" lautstark kommentieren zu können. Wer bei Wirt Hannes Mittelhofer einkehrt, kann auf der Leinwand im Gastraum oder in der Fußball-Lounge im Keller – dort mit einem Zigarettchen – die Spiele verfolgen. Die Jüngsten müssen sich nicht vor der Glotze langweilen, sondern können auf dem zum Lokal gehörenden Spielplatz gleich selbst kicken, während Kraft schöpfende Elternteile bei milden Bieren wie Tannenzäpfle, Augustiner Hefeweizen oder dem hellen Augustiner entspannt von der Restaurant-Terrasse aus das "Spielfeld" im Blick behalten. Ein Rundum-Konzept für Bolzer mit Anhang, das schon seit einiger Zeit Früchte trägt, ist das "Alois S." doch längst feste Anlaufstelle für Werder-Fans.
Alois S., Senefelder Straße 18, Prenzlauer Allee, www.aloiss.de, Tel.: 44 71 96 80, Mo-So 15-2 Uhr
Für Frankreich- und Schweiz-Fans: La Raclette
Wer seiner Liebsten einen Heiratsantrag in romantischem Ambiente nach dem Genuss von roh mariniertem Rinderfilet, rosa gebratener Barbarie-Entenbrust mit Orangenkaramell oder einem extra langen Spieß mit Garnelen machen möchte, ist im "La Raclette" gut aufgehoben. Gehobene Küche, Kerzen, Ziegelwände, Stuckdecke, offener Kamin und ein bitte nicht zu unauffälliger Ring im luxuriösen, mit Samt ausgeschlagenen Schmuckkästchen – und das Ja-Wort ist nur noch eine Frage des standesbeamtlichen Terminkalenders. Wer dabei schon auf künftigen Nachwuchs spekuliert, dem man(n) von den WM-Spielen 2010 erzählen möchte, suche definitiv das auf französisches wie auch Schweizer Raclette spezialisierte Restaurant auf. Das sichert nicht nur das Miteinander von Schweizern und Franzosen, sondern auch den Blick auf WM-Spiele, die dank Beamer, Leinwand und fußballbegeistertem Lokalinhaber übertragen werden.
La Raclette, Lausitzer Straße 34, Kreuzberg, www.la-raclette.de, Tel.: 61 28 71 21, Mi-So ab 18 Uhr
Für Portugal-Fans: Lusiada
Ob es daran liegt, dass sich die Begeisterung für das Hechten nach der Lederkugel bei Wirt Lutz-Werner Manowski in Grenzen hält? Im "Lusiada" wird während der WM jedenfalls auf eine Großleinwand verzichtet. Die Spiele werden per Farbfernseher gezeigt, was Kenner des portugiesischen Lokals keinesfalls schreckt. Ins Lusiada kommen sie nämlich vor allem wegen der Rippchen und der guten Stimmung – und die ist beim Public Viewing so elementar wie die Zwiebel auf dem Stockfisch. Und während der Wirt auf dem Grill lieber frischen Fisch und Fleisch für seine Gäste zubereitet, kann man mit Vinho Verde oder Portwein – mit Nachbarn oder Touristen – der portugiesischen Nationalelf zuprosten.
Lusiada, Kurfürstendamm 132 a, Wilmersdorf, Tel.: 891 58 69, täglich ab 17 Uhr geöffnet, warme Küche bis 24 Uhr
Für Ghana-Fans: Der Gemeindesaal der Revival Church im Wedding
Zwei Weddinger werden gegeneinander antreten beim Spiel Ghana gegen Deutschland: die Brüder Kevin-Prince und Jerome Boateng, Söhne eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter. Wer dieses Spiel am 23. Juni in authentisch ghanaisch-Weddinger Atmosphäre erleben möchte, sollte das Public Viewing im Gemeindesaal der ghanaischen Revival Church nicht versäumen – zu dem auch Bezirksbürgermeister Christian Hanke erwartet wird. Zwar wird das Spiel erst um 20.30 Uhr angepfiffen, doch lohnt es sich, schon spätestens anderthalb Stunden vorher den Gemeindesaal anzusteuern. Ab 19 Uhr läuft dort nämlich ein buntes Vorprogramm. Der Revival Gospel Choir singt Gospels, die Breakdance-Gruppe "Youth in action" gibt eine Kostprobe ihres Könnens und Pastor Kingsley Arthur informiert über alles, "was Sie schon immer über Ghana wissen wollten". Außerdem steuert Ursula Trüper Wissenswertes über das "Afrikanische Viertel" im Wedding bei. Und natürlich muss auch niemand mit knurrendem Magen Live-Programm und Fußballspiel verfolgen: Es gibt ghanaische und deutsche Leckereien. Der Eintritt ist frei. Spenden für die Unterstützung der ehrenamtlichen Sozialarbeit der Revival Church werden allerdings gerne entgegengenommen.
Gemeindesaal der ghanaischen Revival Church, Maxstraße 5, Berlin-Wedding
Kontakt zum
Autor:
Katrin Starke
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Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010
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