Stadt & Szene

Die Wut der Straße

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"Krumping" ist unorthodox, voller Dynamik und Energie.

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Tanz und Musik sind für den 18-jährigen Pervis "Flex" Grönnigin das wirkungsvolle Mittel, sich Gehör zu verschaffen.

Aggressive Geschichten


Krumping ist aus dem Tanzstil "Clowning" hervorgegangen.

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... begann nach seiner Freilassung 1992, als tanzender HipHop-Clown "Tommy the Clown" aufzutreten. Als Vorbild für die schwarze Bevölkerung von Los Angeles scharte er zahlreiche jugendliche Anhänger um sich.

Daraus entwickelte sich eine feste Crew, die in der "Clown-Dancing-Academy" das Clowning mit Gesichtsbemalung und zur Unterhaltung tanzte. Zwei ehemalige Mitglieder der Academy, Ceasare L. Willis (Tight Eyez) und Christopher Toler (Lil C), wandten sich vom Showgedanken ab und entwickelten 2002 aus den Bewegungsformen das aggressiver wirkende, Geschichten erzählende "Krumping".

Interessierte können sich im Haus der Jugend "Fuchsbau", Thurgauer Straße 66, unter Tel.: 49 89 940 melden. Weitere Infos zur Einrichtung: www.berlin-fuchsbau.de.

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"Wir geben unserem täglichen Frust Ausdruck", sagt Chris Menah.

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Die Krumping-Crews treffen sich zu tänzerischen Wettkämpfen.

Zackig, temperamentvoll, aggressiv: "Krumping" ist der Tanz der Straße. Aus den schwarzen Ghettos von Los Angeles stammend infiziert der Tanzstil zunehmend deutsche Teenager. Viele kommen aus der Arbeiterschicht und entladen ihren Frust über Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit in einer Show auf der Straße.

Blitzartig schnellt die Brust hoch, die Arme schwingen, die Beine stampfen, und das Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse. Was wie ein Tobsuchtsanfall aussieht, ist der Tanz der Straße: "Krumping". Unorthodox, aggressiv, voller Dynamik und Energie.

Krumping-Tänzer in Madonnas Videos

Als "Streetversion des Gebets" bezeichnen die Begründer ihren Freestyle-Tanz, den "Kingdom Radically Uplifted Mighty Praise" – kurz Krump. 2002 hatte er sich in den schwarzen Ghettos von Los Angeles entwickelt – mittlerweile ist er so salonfähig, dass sogar Stars wie Madonna, Missy Elliott oder Christina Aguilera die Krumper als Hintergrund-Tänzer in ihren Musikvideos einspannen.

Die Krumping-Welle hat Japan, Spanien, Frankreich, England, Holland und auch Deutschland überrollt. In Berlin gibt es rund vierzig aktive Krumper. Einer davon ist Chris Menah: "Das lief schon so bei Elvis, der die Musik der Schwarzen für den Mainstream hörtauglich gemacht hat", ist der 20-Jährige aus Ghana überzeugt. In der Szene hört er auf den Namen "Chemical".

Aus Wut werden Formen, Gebärden und Schritte

Im Clip zum "36 Grad"-Song der Band "2raumwohnung" ist Chris einer der Krumper, die im Hintergrund posieren. Im "Fuchsbau" an der Thurgauer Straße, einer Reinickendorfer Jugendfreizeiteinrichtung, trifft sich der Lehrling regelmäßig mit seinen Mitstreitern, um Geschichten – sogenannte "Taunts" – in Bewegung zu gießen.

Denn neben dem sportlichen Element gehe es vor allem ums Erzählen, sagt Menah. "Wir geben dem täglichen Frust, der sich in uns aufstaut, Ausdruck. Wir stellen unsere Wut dar, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, suchen für unsere Hoffnungen auf ein gutes Leben und unsere Versagensängste Formen, Gebärden, Schritte." Doch Menah will mehr, als seinen Zuschauern lediglich eine gute Show zu bieten.

Das Publikum soll rasen, sich verausgaben

"Unser Publikum wird Teil der Sache, soll mit einbezogen werden, soll rasen, sich verausgaben, Gefühle zeigen", sagt er. Interaktivität lautet das Stichwort. Die Rufe, das Pfeifen und Klatschen der Zuschauer sind nicht nur erwünscht, sondern unerlässlich.

"Emotionen statt Fassade", das zählt auch für den 18-jährigen Pervis "Flex" Grönnigin. Seine Familie stammt aus dem gleichen afrikanischen Dorf wie Menahs. Grönnigin selbst ist in Berlin geboren, lebt in Tegel – mit schwarzer Haut in einer Welt der Weißen. Tanz und Musik sind Pervis’ wirkungsvolles Mittel, sich Gehör zu verschaffen.

"Der Tanz hat uns beide damals gepackt"

"Als HipHopper in weiten Jeans, Schlabber-Shirt und Basecap haben wir anfangs in der Disco und auf der Straße die Mädchen beeindrucken wollen", denkt der Reinickendorfer zurück. Beim Flirten eine unwiderstehliche Figur zu machen, rückte jedoch bald in den Hintergrund. "Es ist die Leidenschaft für den Tanz, die uns beide damals gepackt hat", stimmt Menah zu.

Als die beiden vor drei Jahren über "Rize", die erste Dokumentation zum Thema Krumping des amerikanischen Fotografen und Regisseurs David LaChampelle stolperten, hatten sie gefunden, was sie bis heute ausfüllt. "Der Mix aus Geste, Gelenkigkeit und Beat hat uns nicht mehr losgelassen. Wir haben jeden Tag trainiert." Ohne die Basics nütze auch das beste Rhythmusgefühl nichts.

Wettkämpfe auf Plätzen in Wedding und Neukölln

Auf dem Pflaster Neuköllns, auf den Straßen und Plätzen im Wedding und am Potsdamer Platz liefern sich je nach Wetter und Laune verschiedene Krumping-Crews tänzerische Wettkämpfe, auch "Battles" genannt. Mit dieser friedlichen Fortsetzung von Rivalitäten zwischen Bandenmitgliedern kann man unterdessen sogar Medaillen ergattern. Deutsche Meisterschaften und Europawettkämpfe werden regelmäßig in Düsseldorf ausgetragen. Keine Frage, das Menah und Grönnigin mit dabei sind.

"In Hamburg, einem der ersten Austragungsorte, gab es vor einigen Jahren noch nicht mal Preisgeld. Doch das spielte für uns keine Rolle. Wir wollten einfach mit dabei sein", erinnert sich Chris an die wilde, unkommerzielle Anfangszeit. Bis ins Finale schafften es die Jungs stets ohne Probleme. Doch im vergangenen Jahr mussten Chris und Pervis erstmals Federn lassen. "Krumping ist populär geworden. Die Konkurrenz ist gewachsen, die Tänzer kommen aus ganz Europa – ohne Unterschied, ob Junge oder Mädchen", hat Chris beobachtet. Armando "il –A" Shala, 14 Jahre, einer der zum harten Kern der "Fuchsbau"-Tanzgruppe zählt, hat es beim jüngsten Düsseldorf-Trip unter die letzten 16 geschafft.

Die Konkurrenz wird größer

"Krumping entwickelt sich. Mit einem guten Körpergefühl, Beweglichkeit und der Fantasie, neue Bewegungen zu kreieren, hat man gute Chancen auf den Siegertitel", weiß "il-A". Der "Kleine", wie er von seinen Krump-Partnern gerufen wird, belässt es nicht beim Tanzen. Per Tastatur und Festplatte komponiert der Charlottenburger Schüler den aggressiv-schnellen, hämmernden Krumping-Sound. Denn die Tracks muss sich die Truppe noch immer mühevoll aus den Staaten besorgen.

Noch mangelt es an entsprechenden Stücken in deutschen Plattenregalen. Nachschub kommt spätestens im Mai, ist Menah sicher – dann, wenn "Tight Eyez", einer der Erfinder des Krumping, aus dem sonnigen Kalifornien mal eben einen Abstecher in den Berliner "Fuchsbau" macht, um den deutschen Nachwuchs zu motivieren.

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


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Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010 · Fotos: flickr.com/bratha (3), Katrin Starke (2)