Stadt & Szene

Das Leben positiv sehen

Gut zwanzig Jahre leben HIV-Positive mittlerweile mit ihrer Krankheit. Die Medizin macht es möglich, doch die gesellschaftliche Akzeptanz hinkt hinterher. Betroffene finden kaum Gehör. Und dass obwohl die Zahl der Neuinfektionen steigt. Über sein Leben als Positiver hat der Berliner Matthias Gerschwitz nun ein Buch geschrieben: "Endlich mal was Positives", ist der offensive Titel. Warum er sich öffentlich macht, und woher er die Kraft für die Krankheit nimmt.

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Matthias Gerschwitz: Endlich mal was Positives, Books on Demand, 9,95 Euro.

Fakten statt Vorurteile


1982 wurde die erste HIV-Infektion in Deutschland bekannt. Heute leben in der Bundesrepublik rund 67.000 HIV-Infizierte, davon laut Robert-Koch-Institut 11.200 in Berlin.

Perfider Virus


Die größte Risikogruppe bilden nach wie vor Homosexuelle, jeder fünfte Betroffene ist heterosexuell. Am häufigsten übertragen sich die Viren durch Geschlechtsverkehr. Durch Küssen kann man sich nicht infizieren, dazu ist die Viruskonzentration im Speichel zu gering.

Der HI-Virus schwächt die Abwehrfähigkeit des Körpers gegenüber sämtlichen Krankheitserregern. Die Erkrankung ist nach wie vor nicht heilbar, aber wenn rechtzeitig eine sogenannte "antiretrovirale Therapie" gegen HIV begonnen und diese konsequent weitergeführt wird, bestehen gute Chancen, über viele Jahre und Jahrzehnte mit HIV leben und eine schwere Immunschwäche verhindern zu können, informiert die Deutsche Aids-Hilfe.

Erst wenn das Immunsystem zusammengebrochen ist, wandelt sich der Status von "HIV-positiv" zu "Aids", die Folge sind schwere Infektionserkrankungen und Tumore. Das Immunsystem ist so geschwächt, dass bereits eine einfache Lungenentzündung zum Tode führen kann.

Auszeichnung


Bei den 13. Münchner Aids-Tagen erhielt Matthias Gerschwitz für sein Buch den Annemarie-Madison-Preis. Damit würdigte das Kuratorium für Immunschwäche München (KIS) den direkten Einblick in das Leben eines Betroffenen.

Gerschwitz zeige...


... "dass man mit HIV das Lachen nicht verlernen muss und mit einer bisher unheilbaren Krankheit zukunftsorientiert leben kann. Dafür gebührt ihm großer Dank."

Der Preis wird seit 1995 jährlich zu den Münchner Aids-Tagen verliehen und zeichnet Verdienste für einen menschlichen Umgang mit AIDS aus.

Annemarie Madison, Aids-Aktivistin und Namensgeberin des Preises, setzte sich seit 1985 für einen besseren Umgang mit HIV-positiven und an Aids erkrankten Menschen ein.

Es gibt viele Erlebnisse, die Matthias Gerschwitz zu diesem Buch bewogen haben. Das einschneidendste war wohl das Folgende: Bei einer Talkshow arbeitete der Berliner als TV-Redakteur, der Titel der Sendung lautete "Unheilbar krank". Auf dem Podium berichteten sechs Gäste betroffen von ihrem Schicksal: Krebskranke, Diabetespatienten und zwei HIV-positive Männer. Kaum waren die Kameras abgeschaltet, stürzten die Angehörigen der Krebspatienten erbost auf Matthias Gerschwitz zu und echauffierten sich: Wie habe er es nur wagen können, Krebspatienten mit HIV-Positiven, mit "irgendwelchen Schwulen", auf die Bühne zu setzen.

Die Reaktion traf ihn schwer

Damals wusste Gerschwitz bereits von seiner Infektion. Die Reaktion der Gäste traf ihn schwer, denn sie implizierte eine "Hierarchie der Krankheiten", die zwischen einer "richtigen" und einer "falschen" unterscheidet. Die unterstellt: Krebs ist Schicksal – Aids eigene Schuld. "Aber das ist Quatsch, wer krank ist, ist krank", entgegnet Gerschwitz zornig. Bei unheilbaren Krankheiten gebe es kein "besser" oder "schlechter". Natürlich koste eine Aids-Therapie eine Menge Geld – allein die Medikamentenkosten belaufen sich im Schnitt auf 16.000 Euro pro Jahr – aber die Krankenkassen würden ein Vielfaches mehr für die Folgen von Alkoholismus zahlen.

Ein Alkoholiker trinkt oft jahrzehntelang – für die Ansteckung mit HIV reicht ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, meistens ein sexuelles Abenteuer. Die Zahl der HIV-Neudiagnosen in Deutschland hat sich laut Robert-Koch-Institut zwischen 2001 und 2008 verdoppelt und hält sich auf einem hohen Niveau. Jedes Jahr kommen rund 3.000 neue Infektionen dazu. Trotzdem taucht das Thema in den Medien oft nur einmal im Jahr zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember auf und gerät danach schnell wieder in Vergessenheit. "Als Positiver findet man in der Gesellschaft nicht statt", ärgert sich Gerschwitz. Es werde der Toten gedacht, die Lebenden vergesse man. Daher lautet die Botschaft seines Buches: HIV ist kein Todesurteil mehr, trotzdem sollte man alles tun, sich nicht anzustecken.

Ein nahezu beschwerdefreies Leben

Bedeutete die Diagnose noch in den Neunzigerjahren eine Lebenserwartung von nur 15 Jahren, kann ein HIV-Positiver mit der Krankheit heute ein nahezu beschwerdefreies Leben führen. Dafür sorgen bei Matthias Gerschwitz morgens sechs Tabletten und abends vier. Natürlich würden sie ihn täglich an seine Erkrankung erinnern, "aber ich denke nicht mit Grausen dran", sagt er. Höchstens wenn er mal ein paar Pickel habe, legt er scherzend nach. Doch heftige Nebenwirkungen gehören auch dazu: Magenprobleme, Kopfschmerzen, ein schlechter Schlaf und oft ein tagelanges Gefühl der Abgeschlagenheit.

Die Krankheit sieht man Matthias Gerschwitz keinesfalls an. Er lacht auffällig gern, laut und viel, strahlt Selbstbewusstsein aus, wirkt unbeschwert. Sein Humor ist so wie sein T-Shirt, das er trägt: schwarz und frech. Auf dem Shirt steht: "Sei du mal Berlin – Ich bin lieber Charlottenburg". Und wenn ihm ein Arzt sagt: "Aids?! Da haben Sie es aber schwer", dann entgegnet er: "Wieso? Die Viren wiegen gar nicht so viel."

Die Einstellung gibt Kraft

Es ist mehr als Galgenhumor, es ist eine gesunde Portion Optimismus, gespeist durch ein gutes Elternhaus im nordrhein-westfälischen Solingen, in dem Gerschwitz als jüngstes von sechs Kindern aufwuchs. Eine Musikerfamilie. Bildungsbürgertum. Wie förderlich eine positive Lebenseinstellung für die Gesundheit sein kann, lebte ihm sein älterer Bruder vor. Sechzehn Jahre lang kämpfte dieser mit einem Gehirntumor, starb kurz nach dem dreißigsten Geburtstag an den Folgen einer Geschwulst. Es imponierte dem kleinen Bruder sehr, wie der größere trotzdem immer fröhlich blieb, sein Lebenswille nicht verebbte, seine Einstellung "Wir schaffen das!" der ganzen Familie Kraft gab.

Matthias Gerschwitz macht kein Geheimnis aus seiner Krankheit, die auch bei einer Partyplauderei zur Sprache kommen kann. Viele reagieren erst irritiert, dann aber entgegenkommend und loben seinen Mut. "Ich sehe das aber nicht als Mut, mich öffentlich zu machen. Man muss einfach diesen Kreis durchbrechen, ich sehe es daher als Notwendigkeit." Dennoch ärgert ihn, dass ihn manche auf die Viren reduzieren. Statt Mitleid sei ihm aber "Mitfreude" über das Leben lieber. Noch fehle es an Vorbildern, zum Beispiel Prominente, die mit ihrer Erkrankung ganz selbstverständlich umgehen, so wie etwa die Moderatorinnen und Schauspielerinnen mittlerweile auf dem roten Teppich zu ihrem Brustkrebs stehen und offen über ausfallende Haare und falsche Perücken sprechen.

Ein ganzes Leben auf neunzig Seiten

Seit 1992 lebt Matthias Gerschwitz in Berlin, schreibt in seiner großen Altbauwohnung in Charlottenburg Werbetexte sowie Bücher, zum Beispiel über die Geschichte des Stadtteils. Gern erzählt er die große Geschichte anhand des Kleinen. Seine eigene beschreibt er kurz und bündig auf neunzig Seiten. Bewusst habe er ein schmales Buch geschrieben. Wer sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt, wolle keinen Dreihundert-Seiten-Wälzer lesen, sagt der Autor.

Zwei Jahre nach seiner Ankunft in Berlin hat ihn 1994 das alles verändernde Testergebnis ereilt. Wegen "allgemeinen Unwohlseins" ging er zum Arzt, der vorsichtshalber eine Blutprobe nahm. Mit Tränen in den Augen habe der überforderte Mediziner ihm den Befund mitgeteilt. Gerschwitz habe ihn trösten müssen, sagt er schmunzelnd. Von wem er sich damals, als er noch in Köln lebte, angesteckt hat, kann er im Rückblick nur erahnen. Ein One-Night-Stand, bei dem viel Kölsch floss und wenige Worte fielen. "Ich weiß nicht, wie er heißt und ob er noch lebt. Sogar die Kneipe gibt es nicht mehr", sagt er und lacht erneut: "Die Vergangenheit ist ausgelöscht."

"Durch HIV lebe ich viel bewusster"

Nicht ganz. Die Folgen der Nacht schlummern in seinen Adern. Die Medikamente halten die Viren beinahe unter der Nachweisgrenze und die Anzahl seiner Helferzellen konstant. Matthias Gerschwitz ist jetzt fünfzig, er hat noch viele Pläne. Sie liegen in Form von Stadtplänen für sein neuestes Buchprojekt bereits auf dem großen Holztisch im Esszimmer neben dem Klavierflügel. "Ich gehe fest davon aus, dass ich zu der Generation gehöre, die genauso alt wird wie Nicht-HIV-Positive."

Letztlich könne er der Krankheit sogar etwas Positives abgewinnen: "Durch HIV lebe ich viel bewusster. Keine Ahnung, was die Zukunft bringt – aber ich genieße die Gegenwart." Im Grunde seines Herzens sei er schon immer ein positiver Mensch gewesen, sagt er und legt dann einen typischen ‚Gersch-Witz’ nach: "Da wollte der Körper nicht nachstehen."

Matthias Gerschwitz: Endlich mal was Positives – Offensiv und optimistisch: Mein Umgang mit HIV, Books on Demand, 9,95 Euro; www.endlich-mal-was-positives.de

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler ()


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010 · Fotos: Tanja Schnitzler, Matthias Gerschwitz