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Supperclub 692

Sie kochen in Privatwohnungen, ohne Lizenz, und sie tun alles, um nicht entdeckt zu werden: Guerilla-Köche. Über rätselhafte Wegbeschreibungen, wildfremde Tischnachbarn und unvergessliche Abende in geheimen Restaurants.

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Wenn der "Shy Chef" zu Tisch bittet, schmeckt's verboten lecker.

Die Adresse fürs geheime Dinner kommt per E-Mail. Gerade mal 24 Stunden vor dem Termin, an dem der "Shy Chef" zu Tisch bittet.

Aber psssssst, nicht weitersagen, steht da. Und auch die weitere Wegbeschreibung wirkt geheimnisvoll: Bei dem in der Mail angegebenen Namen klingeln, dann in den Hinterhof gehen, links die Treppe rauf bis in den vierten Stock. Falls jemand im Haus fragen sollte, zu wem ihr wollt, dann sagt, ihr seid Freunde von Susanne. Nur keine Aufmerksamkeit erregen – schließlich sind wir unterwegs zum Essen in einem Guerilla-Restaurant.

Piratenrestaurants in Privatwohnungen

Warum die Geheimniskrämerei? Einerseits ein fantastischer Marketing-Schachzug. Aber andererseits und vornehmlich, weil die kleinen Piratenrestaurants in Privatwohnungen ohne Lizenz arbeiten. Ein Gastro-Konzept, das auf der anderen Seite des großen Teichs seit vielen Jahren verbreitet ist, von dort zunächst nach Spanien und Frankreich herüberschwappte und nun auch in Berlin hohe Wellen schlägt.

Psssssst - geheim!


The Shy Chef
Palisaden Supper Club
The Ghet

Doch während die Idee in Kuba beispielsweise aus der Not heraus geboren war, bitten Gastgeber hierzulande schlicht aus Spaß an der Freud wildfremde Menschen zu Tisch. Wie der "Shy Chef", nennen wir ihn einfach Peter. Im wahren Leben ist der 38-jährige Ire Journalist, der in amerikanischen Magazinen über die deutsche Hauptstadt berichtet. 13 Gäste hat der "scheue Küchenchef" an diesem Freitag in sein geheimes Restaurant gebeten.

Internationale Gäste-Schar nimmt Platz

Vier Norweger und einen Australier, ein Pärchen aus den Niederlanden, einen jungen Choreographen aus New York mit seiner besten Freundin, eine Rundfunkjournalistin, die eigens aus Köln angereist ist, und drei Berliner empfängt er mit einem Cocktail an der Tür – am Eingang zu einer Kreuzberger Hinterhauswohnung, die er eigens für seine geheimen Essen angemietet hat. Allerdings nur für kurze Zeit. "Das nächste Dinner findet wahrscheinlich schon in einer anderen Location statt", erzählt Peter.

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Mit so manchem "Hmmmmm" und "Ohhhh" verzehren die Gäste die fünf Gänge in dreieinhalb Stunden.

Das norwegische Ehepaar – im gesetzten Alter, nicht overdressed, aber doch zum Ausgehen gekleidet – schaut sich um in der Wohnung, in der wohl mal ein etwas schräger Künstler gewohnt haben muss. An der grellrot gestrichenen Stirnwand des großen Altbauzimmers beweist eine Installation aus Blech und Kunststoff, dass Schrott und Abfall doch noch zu etwas nütze sein können. "Wir sind zu Besuch bei unserer Tochter, die hier in Berlin lebt", erzählt der Mann. "Und die hat uns nur gesagt, dass wir zum Essen gehen. Mehr nicht." Die Überraschung ist Silje gelungen. "Wären wir in ein ‚normales’ Restaurant gegangen, hätte ich den Abend vielleicht irgendwann vergessen. So wird er mir immer in Erinnerung bleiben", sagt ihre Mutter.

Improvisation gehört zur Geschäftsidee dazu

Währenddessen nimmt die Schwester den Tisch schon mal in Augenschein. Drei zusammengeschobene Tische. Auf jedem eine andere Tischdecke. Bunt zusammengewürfeltes Geschirr, die verschiedensten Gläser. Dass hier improvisiert wird, ist offensichtlich. Die Amerikanerin – eine Schriftstellerin, die für drei Monate in Berlin lebt, um sich für ihr nächstes Buch inspirieren zu lassen – hat als Erste an der Tafel Platz genommen und die handgeschriebene und auf kleine Zettel kopierte Speisekarte unter die Lupe genommen. "Als zweite Vorspeise gibt’s Pilzrisotto und als Hauptgang Hähnchen", informiert sie ihren Begleiter, den Choreographen.

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Die Gäste kommen sogar aus Sydney. Mit einem Schnappschuss wird der unvergessliche Abend festgehalten.

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Der hatte in der New York Times über die "hidden Restaurants" in Berlin gelesen und sich spontan entschieden, bei seinem nächsten Deutschlandbesuch unbedingt in einem solchen vorbeischauen zu müssen. Ob es derartige Piratenrestaurants denn nicht auch in New York gebe? Schulterzucken. Er kenne jedenfalls keins. Die Idee des Geheimnisvollen habe ihn gereizt, erzählt er. "Der Glamour des Geheimnisvollen", ergänzt seine Begleitung. "Dass du in ein Restaurant gehst, dessen Adresse du vorher noch nicht mal kennst", spricht sie der Rundfunkjournalistin ins Mikrofon.

Die Gäste haben ihre Zurückhaltung längst abgelegt

Währenddessen hat der "Shy Chef" den Salat aus Radicchio und Pfirsich mit Schinken und Schimmelkäse samt Haselnussvinaigrette serviert, dazu einen 2007er Spätburgunder Weißherbst eingeschenkt. Und die Gäste haben ihre anfängliche Zurückhaltung längst abgelegt – man hat ja schon den Begrüßungscocktail und den Prosecco zum Gruß aus der Küche intus. "In einem normalen Restaurant würde man das ja nie machen, sich ohne Not zu Anderen an den Tisch setzen", meint Kirsten, die Berlinerin. Hier stößt sie derweil mit ihren Tischnachbarn an, die über Freunde vom geheimen Dinner erfahren haben und eigens deswegen für ein Wochenende von Amsterdam nach Berlin gekommen sind.

Gastgeber Peter hat alle Hände voll zu tun. Abräumen, den nächsten Gang servieren, den jeweils dazu passenden Wein einschenken. Doch er wirkt nicht einen Augenblick gestresst. Im Gegenteil. Er strahlt, als ihm der junge australische Diplomat sagt, dass es ihm ausgezeichnet geschmeckt habe. "Zum Abschluss noch einen Espresso?" Dreieinhalb Stunden sind inzwischen vergangen, fünf Gänge mit so manchem "Hmmmmm" und "Ohhhh" verzehrt, als Antony zum ersten Mal den Kopf durch die Küchentür streckt. Der 31-Jährige aus Sydney ist gerade seit acht Wochen in Deutschland. "I have a passion for food", lässt er die Gäste wissen. In Berlin sei er eigentlich, um Deutsch zu lernen. Aber irgendwie müsse er seinen Aufenthalt ja finanzieren. Als gelernter Koch nahm er Peters Angebot gern an.

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Der Ort für das geheime Dinner wechselt jedes Ma(h)l – zur Sicherheit.

"Das kann ich nicht. Ich bin zu schüchtern"

Der hatte via Internet nämlich nach Ersatz für seine Lebensgefährtin Lisa gesucht. Die 30-jährige Schwedin hatte bislang am Herd gestanden, nun aber Berlin wegen eines Jobs eine Zeit lang verlassen müssen. Lisa war es übrigens, die Peter auf die Idee zum geheimen Dinner brachte. Sie hatte ihm 2007 zum Geburtstag ein Essen in einer geheimen Küche in Paris geschenkt. "Das ist eine fantastische Möglichkeit, Leute zu treffen", hatte er danach geschwärmt. Aber selbst so etwas aufziehen? "Das kann ich nicht. Ich bin zu schüchtern", hatte er seiner Freundin geantwortet. Und dennoch Anfang 2009 damit begonnen, in Berlin als "Shy Chef" geheime Dinner auszurichten. Die Schüchternheit hat er schon lange abgelegt. "It’s my baby", spricht er liebevoll über seine Dinnerabende.

Das geheime Restaurant des irischen Journalisten hat bereits Nachahmer gefunden: Einmal im Monat laden die beiden Amerikaner Andy und Martin zum "Palisaden Supper Club". Es ist eine Einladung in ihre private Friedrichshainer Wohnung. Die Atmosphäre ist familiär, das Ganze ebenso illegal wie das Essen beim "Shy Chef". Der Unterschied: Während Weinfan Peter zu jedem Gang eine edle Kreszenz serviert und nach dem Dinner um 61 Euro bittet, kostet das Menü im Palisaden-Club nur 25 Euro. Getränke kann der Gast selbst mitbringen.

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Fotos: Katrin Starke (5)