
Mit dem Mobiltelefon lassen sich unterwegs künftig auch ganz spontan Mitfahrgelegenheiten finden.
Ewiges Warten auf die Bahn war gestern. Berliner Wissenschaftler haben eine mobile Mitfahrzentrale entwickelt, die über Smartphones bedient wird. Noch in diesem Jahr soll "Open Ride" zahlreichen Nutzern zur Verfügung stehen.
Der Abend bei den Freunden war perfekt – doch jetzt nervt alles: Die nächste S-Bahn lässt noch lange auf sich warten, auf dem öden Bahnsteig ist es dunkel, langweilig, und die Müdigkeit wird immer schlimmer. Ein Taxi ist zu teuer und um mit dem eigenen Auto fahren zu können, wäre beim Wein Zurückhaltung angesagt gewesen.
Situationen dieser Art kennt wahrscheinlich jeder – auch die Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts für Offene Kommunikationssysteme in Berlin. Der Wunsch, bequem, schnell und günstig den Zielort zu erreichen, inspirierte die Wissenschaftler zu einer Neuentwicklung: In der Gewissheit, dass sich Autofahrer mit ähnlichen Routen in der Nähe der Wartenden befinden, entstand "Open Ride" – eine mobile Mitfahrzentrale. "Die Idee haben wir bereits vor über zwei Jahren diskutiert", sagt die technische Projektleiterin Anna Kress vom "Fraunhofer Institut Fokus": "Wir haben uns natürlich auch gefragt, warum es das noch nicht gibt. Der Grund ist vermutlich: Wirklich passende Endgeräte und Datenflatrates gibt es erst seit kurzer Zeit. Vorher wären wir einfach zu früh am Markt gewesen."
Per Smartphone ans Ziel
Mittlerweile sind die technischen Voraussetzungen endlich gegeben. Autofahrer können mit "Open Ride" unterwegs am besten per Smartphone oder anderen mobilen Geräten mit Internetzugang Mitfahrgelegenheiten anbieten. Nach Eingabe des Fahrtziels wird die Information zusammen mit der aktuellen Position an einen Server übertragen. Dort gleicht eine spezielle Software die Daten permanent mit den Fahrtwünschen der potenziellen Mitfahrer ab. Diesen werden die Angebote dann sofort auf ihrem Mobiltelefon angezeigt. Der Service ermöglicht auch für kurze Strecken innerhalb von Städten spontane Fahrgemeinschaften, ergänzt den öffentlichen Personen-Nahverkehr und soll besonders im ländlichen Raum dessen Lücken stopfen.
Die Fahrpreise werden von "Open Ride" vorgeschlagen und sollen sich an den Kilometerkosten orientieren, die der ADAC festlegt. Den endgültigen Preis bestimmt jedoch der Fahrer. Was sie wirklich zahlen müssen, sehen die potenziellen Fahrgäste, sobald ihnen die Mitfahrgelegenheit angezeigt wird. Dann können sie die Tour annehmen oder ablehnen.
Fahrer und Mitfahrer bewerten sich gegenseitig
Damit Probleme mit dem Datenschutz ausbleiben, sollen die Nutzer transparent nachvollziehen können, was mit ihren Daten geschieht, und sie bestimmen, welche Daten gespeichert und wann sie wieder gelöscht werden. Nur für die Zahlungsabwicklung und Bewertung wird festgehalten, wer mit wem gefahren ist.
Denn um schlechte Erfahrungen zwischen den Fremden einzuschränken und das Vertrauen in "Open Ride" zu stärken, sind Systeme zur gegenseitigen Bewertung geplant. Neben dem Preis kann also auch ein Blick in das Nutzerprofil des jeweiligen Mitglieds die Entscheidung, einzusteigen beziehungsweise jemanden mitzunehmen, beeinflussen. Wer hier, angefangen bei Foto und Autokennzeichen, viele Angaben macht, erhöht seine Chancen, Fahrer oder Mitfahrer zu finden.
Die technische Realisierung rückt näher
Die technische Realisierung des Projekts ist in greifbarer Nähe und in Zukunft sind verstärkt Pilotierungen geplant. Diese sollen zunächst noch im geschlossenen Nutzerkreis stattfinden. "Gleichzeitig arbeiten wir mit Partnern aus verschiedenen Branchen zusammen, die den Dienst in ihre Produkte einbauen und ihren Kunden zur Verfügung stellen wollen", sagt Projektleiterin Anna Kress. Ihr Team gehe davon aus, dass der "Open Ride"-Dienst im Laufe des Jahres vielen Nutzern zur Verfügung stehen wird: "In Berlin möchten wir auch die Politik für die Vorteile von Open Ride begeistern. Immerhin werden mit solch einem Dienst eine ganze Reihe von aktuellen Herausforderungen angegangen: Verbesserung der individuellen Mobilität, Klimaschutz, Alternativen bei Ausfall des ÖPNV und Reduzierung der Verkehrsdichte. Das sollte die Politik doch besonders interessieren.“
Das Mobilitätsangebot soll entgegen der Vorurteile, Mitfahrgelegenheiten seien nur etwas für Jugendliche und Studenten, ein Vorteil für Jedermann/frau sein: "Je mehr Menschen auf Open Ride zurückgreifen, desto mehr Mitfahrgelegenheiten entstehen, und umso geringer wird der CO2-Ausstoß." Die Erfinder glauben fest an einen Erfolg – und neben eventuellen netten Bekanntschaften hat das ewige Warten endlich ein Ende.
Kontakt zum
Autor:
Lydia Schaefer
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010
·
Fotos:
colourbox.com, Fraunhofer Institut