Stadt & Szene

Kokett im Korsett

Bild vergrößernKorsettladen TO.mTO

Alles sitzt: Korsetts von "TO.mTO" zaubern nicht nur den Damen eine Wespentaille.

Bilder aus einer
schillernden Szene


Ein Streifzug durch Berlins burlesques Nachtleben:

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Extravaganter Zeichenkurs: "Dr. Sketchys Anti-Art School" unterrichtet einmal im Monat.

Burlesques Berlin


La Fête Fatale
• Tanzkurse bei Lady Lou
• Korsett-Laden TO.mTO
• Kollektionen von Pony Maedchen
Dr. Sketchy's Anti-Art School

Bild vergrößernBurlesque Tanzkurs

Im Schönheitstanz-Kurs von Lady Lou lernen die Damen die burlesque Verführungskunst.

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Pin-Up-Girl der Neuzeit: Das Berliner Label "Pony Maedchen" sorgt für das passende Outfit.

Stilvoll schlüpfen sie aus Pin-up-Kleidern, entledigen sich ihrer Korsetts, ziehen Strumpfbänder, lösen Schleifchen: Burlesque-Tänzerinnen bieten nicht nur Striptease. Berliner zieht das Ausziehen zunehmend an. Tanzlehrer, Korsettschneiderinnen und Designer locken mit zahlreichen Angeboten für den großen Auftritt.

Kunstvoll in Wellen gelegte Haare, falsche Wimpern, puderhelle Gesichter, Schwalben- und Rosen-Tattoos, rot lackierte Fußnägel, die aus Peeptoes blitzen – so fallen Sie bestimmt nicht auf, wenn Sie auf eine "Fête Fatale" gehen. Denn hier strotzt nicht nur das Bühnen-Ensemble, sondern das gesamte Publikum vor glamourösem Schein und bizarrer Schönheit. Getreu dem Untertitel der Partyreihe: "Where Beauty meets Bizarre".

Schönheit vereint sich mit Bizarrem

Alle zwei Monate lädt der "Bassy Club", auf der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, zu seiner Cabaret-Show ein. Auf den anschließenden Partys tragen die Frauen schillernde Stoffe, wie Lack und Seide, Bast und Leoprint, Tüll und Spitze, die geschickt verhüllen und tief blicken lassen.

In der von Erotik geschwängerten Atmosphäre der ersten "Fête Fatale" im Mai vergangenen Jahres präsentierten die "Headline Honeys", wie die Stars auf der Bühne genannt werden, die unterschiedlichsten Facetten der burlesquen Verführung: Eine Braut tanzte ironisch unbeholfen den sterbenden Schwan, eine italienische Witwe betrauerte schaurigschön den Tod ihres Mafioso-Mannes, eine hawaiianische Bikini-Schönheit mit Palmblättern inszenierte Tiki-Kultur. Und den Höhepunkt des Abends bildete der Schlangentanz der Burlesque-Künstlerin Diamond, die sich um einen burmesischen Albino-Königspython wand. Burlesque – das ist niveauvolles Strippen mit einer erzählenden Choreographie.

Striptease stets mit Augenzwinkern

Sie bedeutet aber auch immer ein Augenzwinkern. Die auf der Bühne zelebrierten Männerfantasien kreisender Hüften, neckischen Schleifchen-Zupfens oder brachialen Hintern-Versohlens bis hin zum Brüste kreisenden "Titty-Twister" vereint ein gemeinsamer emanzipatorischer Unterton. Die heutige "Neoburlesque" ironisiert Männerträume bis zur Lächerlichkeit. Burlesque, das von dem italienischen Wort "burlare" für scherzen stammt, ist vor allem auch Cabaret. Ein Sich-selbst-nicht-Ernstnehmen. Ein Switchen zwischen Stereotypen, um diese zu entlarven.

Die Choreographien solcher burlesquen Verführungskunst lehrt zum Beispiel die Wahlberlinerin Lady Lou. Seit den Anfängen der Neoburlesque vor ungefähr zehn Jahren arbeitet die gebürtige Neuseeländerin als Burlesque-Tänzerin, Tanzlehrerin und Designerin. Zunächst in London, nun in Berlin. "Damals waren hier weniger als zehn Performer." Lady Lou transportiert den Grundgedanken an die Burlesque-Willigen weiter: "Es ist egal, was man für einen Körper hat. Es kommt darauf an, wie man ihn einsetzt und dass man sich schön mit ihm fühlt."

So sei der vorgeschriebene Dresscode zwar sexy, aber auch zum Wohlfühlen. Als notwendige Accessoires gehören Boa, Federfächer oder Handschuhe dazu. Zu französischen Chansons oder Fünfzigerjahre-Rock studieren die Teilnehmerinnen die Choreographie und proben die Vielfalt des erotischen Tanzes: angefangen beim "Trailer" (dem Stolzieren vor dem eigentlichen "Act"), über "Bumb and Grind" (dem Vorfedern und Kreisen der Hüften) bis zum "Quiver" (Schütteln der Brüste) oder "Shimmy" (dem Schütteln des ganzen Körpers).

Inspirationen aus London

Neben dem niveauvollen Strippen verfolgt Burlesque auch eine erzählerische Choreographie. Aufwendige Kostüme und Requisiten sollen die Fantasie der Zuschauer anregen. Das fürs Kokettieren notwendige Zubehör finden Frauen im Korsett-Laden "TO.mTO" von Tonia Merz in Mitte, einer der ersten Korsettschneiderinnen Berlins. Seitdem sie 1999 bei einer Modedesignerin in London lernte, ist sie fasziniert von dem Phänomen, das eine Wespentaille zaubert: "Das Tragen von Korsetts stammt eigentlich aus der Londoner Fetisch-Szene, von der auch Dita von Teese ihre Inspiration hat."

Pompöse Kostüme – knappe Bikinis

Lassen sich Korsetts schlecht von der Stange kaufen, weil sie individuell angepasst werden müssen, kommt für Burlesque-Tänzerinnen noch etwas Entscheidendes hinzu, wie es Merz ausdrückt: "Für die Choreografie sind viele einzelne Details zum Entkleiden nötig. Da heißt es dann: Ich brauche noch einen Strumpfhalter hier, ein Schleifchen da, das man einzeln ausziehen kann, um die Performance auszuweiten."

Die auf der Bühne zelebrierten burlesquen Acts schöpfen aus einem jahrhundertealten Repertoire an Rollen: Angefangen von dem Moulin-Rouge-Varietétheater in der Pariser Belle Époque gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen zirkushaften und pompösen Kostümen, über die Weimarer Republik der 1920er-Jahre mit ihrer strengen, militärischen Uniformkultur bis hin zu den reizvollen Auftritten der Pin-Up-Ikone Bettie Page aus den prüden 1950er-Jahren, die bevorzugt in knappen Bikinis und Petticoats posierte.

Diesen sehr unterschiedlichen Genrevorbildern hat sich auch das Berliner Label Pony Maedchen verschrieben. Die aktuelle Kollektion bildet das gesamte Spektrum ab: Militär-, Schulmädchen- oder Navy-Uniformen, 50er-Jahre-Petticoats, Pin-Up-Badeanzüge oder Satin-Burlesque-Röcke.

Extravagante Zeichenkurse mit sinnlicher Erotik

Ein weiteres Symptom des steigenden Burlesque-Fiebers in Berlin ist die "Dr. Sketchys Anti-Art School". Der Zeichenkurs mit Burlesque-Tänzerinnen findet einmal im Monat im Restaurant "White Trash" statt: Aus den Boxen klingt langsamer Rockabilly-Sound, als Lichtquellen dienen chinesische Lampions, die von der Decke baumeln, zwischen einem gigantischen Kronleuchter und Scheinwerferspots. Das Modell sitzt lasziv auf einem Barhocker, die elfenbeinfarbene Haut blitzt aus ihrem Schwarz umrandeten Dekolleté hervor, auf der blassen Haut wirkt der kirschrote Mund wie eine Wunde.

Die Idee dieser extravaganten Zeichenkurse stammt aus New York: Als sich die Burlesque-Perfomerin Molly Crabable 1995 bei einem Aktmodell-Job in einer Zeichenschule in Brooklyn langweilte, kam ihr der Gedanke, das Sterile der eher drögen Kurse mit der sinnlichen Erotik burlesquer Spielarten aufzuladen. Der Illustrator Matthias Pflügner organisiert dieses Event jetzt schon zum fünften Mal in Berlin und verspricht für den nächsten Termin am 20. März: "Das wird eine drei Stunden lange Life-Drawing Extravaganza", mit zwei "atemberaubenden Modellen", Musik, Drinks, Zeichenwettbewerben, Preisen sowie einer "heißen Performance von Kanadas legendärer ‚Propeller-Queen’".

Spätestens sie dürfte das Burlesque-Fieber noch weiter anheizen.

Kontakt zum Autor: Pamo Roth


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Zuletzt aktualisiert: 17.05.2010 · Fotos: David Oliveira, Zarya, Nina Zimmermann, Katharina Schreiber, Pony Maedchen