Stadt & Szene

Wenn Lesen zum Event wird

Bild vergrößernWolfgang Farkas

Macht Lesungen zum Event: Wolfgang Farkas erfand die Lesereihe "Hardcover", bei der...

Bild vergrößernHardcover Lesereihe Und Party

... Autoren schon mal gegen Barlärm anlesen und anschließend DJs die Tanzfläche rocken.

Bild vergrößernBritta Hammelstein Matthias Suter Hardcover

Auch Sänger und Schauspieler lockern die Lesung des Autors mit spontanen Einlagen auf.

Spannende Lesereihen,


gut gefüllte Literaturclubs: die ungewöhnlichsten

Lese-Schauplätze


Hardcover, Literarischer Nightclub Berlin im WMF, Klosterstraße 44 (Mitte), www.hardcover-club.de

Literatur-Salon Potsdamer Straße
Hotel Altberlin, Potsdamer Straße 67 (Tiergarten), www.tiergarten-sued.de (Literatur-Salon Potsdamer Straße auf den Seiten des Quartiersmanagements Tiergarten-Süd), www.altberlin-hotel.de und www.joymarkert.de

Sex – von Spaß war nie die Rede
Lesereihe im BKA-Theater, Mehringdamm 34 (Kreuzberg), www.bka-luftschloss.de

Reinickendorfer Kriminacht
einmal jährlich in der Humboldt-Bibliothek, Karolinenstraße 19 (Tegel), www.Reinickendorfer-kriminacht.de

Literatessen, Ratskeller Reinickendorf, Eichborndamm 215-239 (Reinickendorf), www.ratskeller-reinickendorf.de

Kulturfrosch, Lesungen im Saal der Gaststätte "Historische Dorfaue", Alt-Heiligensee 67 (Heiligensee), www.kulturfrosch.de

Froschkönig, Weisestraße 17 (Neukölln), www.froschkoenig-berlin.de

• Weitere aktuelle Lesereihen:

Der musikalisch-literarische Salon im Löwenpalais , Stiftung Starke, Löwenpalais Grunewald, Königsallee 30 (Grunewald), www.stiftungstarke.de

Lesungen mit Musik im Salon des Berlin Story Verlages, Unter den Linden 26 (Mitte), www.BerlinStory-Salon.de

Lesereihe "Read on my dear", veranstaltet von den Machern des Blogs spreeblick.de in der Yuma-Bar, Reuterstraße 63 (Neukölln), www.spreeblick.de

"Reformbühne" im Kaffee Burger (die älteste Lesereihe Berlins), Torstraße 58-60 (Mitte). Über die "Reformbühne" (immer sonntags) hinaus gibt es im Kaffee Burger auch an anderen Wochentagen zahlreiche Lesungen. www.kaffeeburger.de

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Reinickendorfer Kriminacht: Ein ganzer Stadtteil wird zum Tatort.

Bild vergrößernDiffiné Bosetzky Czyazinski

Zur Großveranstaltung kommt die Crème de la Crème der deutschen Krimi-Szene nach Berlin.

Nur Lektüre reicht nicht mehr: Literatur angereichert mit szenischen Darbietungen, garniert mit einer Performance und abgeschmeckt mit reichlich guter Musik – das ist das Erfolgsrezept, das Literaturfans heute in die Clubs lockt.

Eine riesige Etage, kahle Wände, Betonpfosten mit DDR-Charme – nicht gerade das lauschigste Ambiente für eine Lesung. Trotzdem hören bei der Lesereihe "Hardcover" mehr als dreihundert Besucher gespannt zu, wie zwei junge Autoren ihre Bücher präsentieren und gegen den von der Bar herüber schwappenden Lärm anlesen.

Szene-Publikum goutiert die ungewöhnliche Mixtur

Seit der Jahreswende organisiert Wolfgang Farkas erfolgreich das ungewöhnliche Lese-Event. Er wagte das Experiment, Literatur, Musik und Schauspielkunst zu mischen. Und siehe da: Die ungewöhnliche Mixtur wird vom verwöhnten Berliner Szenepublikum goutiert.

Mit Bier aus der Badewanne fing alles vor sieben Jahren in Farkas Münchner Wohnung an. "Blumenbar" nannte er das Event, zu dem er regelmäßig Freunde und Schriftsteller einlud, eine "zeitgemäße Form des Salons", wie er selbst sagt. Die Bar war die Badewanne in seiner Küche, in der er das Bier für die Literaturparty kühlte.

Erst lauschen – dann abtanzen

Mittlerweile ist der kleine Independent-Verlag "Blumenbar" nach Berlin umgezogen und zu einem viel versprechenden Spross der Berliner Literaturszene geworden. Zusammen mit dem Berlin-Verlag bringt Farkas frischen Wind in die Kulturszene und residiert in der Klosterstraße 44 in Mitte, wo auch der WMF-Club sitzt.

Bei der "Hardcover"-Reihe stellen jeweils zwei Jungautoren ihre Bücher vor, Schauspieler – etwa vom Maxim-Gorki-Theater – lockern die Monologe mit kleinen Performances auf, und anschließend stehen Nachwuchs-Djs am Plattenteller. Die große Resonanz zeigt Farkas, dass es in der an kulturellen Angeboten nicht gerade armen Hauptstadt einen Bedarf an dieser Mischung aus Literatur, Musik, Theater und Salon gibt. Die Reihe zieht sowohl lesehungrige Literaturliebhaber als auch neugierige Nachtschwärmer an.

Pulsierendes literarisches Leben kehrt zurück

Seit kurzem bereichert zudem der Literatur-Salon Potsdamer Straße das kulturelle Hauptstadt-Angebot; ins Leben gerufen vom Berliner Schriftsteller-Ehepaar Sibylle Nägele und Joy Markert. "Wir wollen damit eine Brücke schlagen von der Potsdamer Straße zum Kulturforum und zum Potsdamer Platz", sagt Markert.

Noch vor hundert Jahren sei die Gegend rund um den Potsdamer Platz so "spannend, innovativ, modern und pulsierend" gewesen, lebten hier Menschen, die Berlin zu einer modernen Metropole machten. Ein Ort der künstlerischen Neuerungen und der Emanzipationsbewegungen, der Literatur, der Salons. "Hier entstanden die ersten literarischen Cabarets, hier saßen bedeutende Kunsthandlungen und Verlage", schwärmt Markert. Doch die urbane Verbindung vom Potsdamer Platz zur Potsdamer Straße südlich der Brücke sei inzwischen abgerissen.

"Die imaginäre Verbindung ist die Literatur. Deswegen stellen wir Themen vor, die das verdeutlichen." Entwicklungen, die auf beiden Seiten der Potsdamer Straße begannen – wie die Karriere von Willi Kollo. An den Autor und Komponisten, dessen Vater Walter als künstlerischer Leiter des Cabarets "Roland von Berlin" die junge Sängerin Claire Waldoff förderte, erinnerten Nägele und Markert zum Auftakt der neuen Lesereihe. Marguerite Kollo – Enkelin von Walter und Tochter von Willi Kollo – präsentierte höchstpersönlich die literarisch-musikalischen Erinnerungen an Vater und Großvater.

Gute Literatur über schlechten Sex

Als "Show zum Buch" versteht sich die neue Lesereihe "Sex – von Spaß war nie die Rede" des BKA-Theaters am Mehringdamm. Eine Show, die sich um ein nahezu unerschöpfliches Thema literarischer Darstellungen rankt: Sex. Und zwar den Sex, bei dem schief läuft, was schief laufen kann, wo man statt kommen lieber gehen will.

Der Berliner Kabarettist, Comedian und Autor Volker Surmann hat sich auf Expedition in die Niederungen misslungener Sexualkontakte begeben. In bisher zwei Büchern versammelt er Autoren wie Horst Evers oder Eckart von Hirschhausen, die ohne Scham über das Scheitern ihrer Sexualpraktiken sprechen. Einmal monatlich bittet Surmann einige der beteiligten Autoren zur Leseshow und verspricht vollmundig: "Noch nie war schlechter Sex so unterhaltsam."

Ganz Tegel wird bei der Kriminacht zum Tatort

Auch in Reinickendorf haben außergewöhnliche Lesungen Tradition. Einmal jährlich wird zum Beispiel Tegel bei der "Reinickendorfer Kriminacht" zum Tatort. Einer ihrer Mitbegründer ist Horst Bosetzky, besser bekannt als "ky". Nicht nur, dass er als langjähriger Wahl-Reinickendorfer und bekanntester deutscher Krimischriftsteller stets eine szenische Lesung beisteuert. Zur Kriminacht kommt Jahr für Jahr die Crème de la Crème der deutschen Krimi-Szene in den Berliner Norden.

Literatessen liefern Kulinarisches zum Krimi

Auch die noch recht junge Lesereihe "Literatessen" ist in Reinickendorf verortet, und zwar im Ratskeller. Während sich die Gäste die einzelnen Gänge ihres Dinners schmecken lassen, servieren Autoren Häppchen aus ihren aktuellen Büchern. Auf ähnliche Genüsse setzt auch Dagmar Röpke-Gerhard. Die im Reinickendorfer Ortsteil Heiligensee ansässige Eventmanagerin hat ihre Lesereihe "Kulturfrosch" mit einer Kombination aus Krimis und kulinarischen Köstlichkeiten gestartet – mit einer Anthologie, die kulinarische Kurzgeschichten versammelt. Die Rezepte aus den Kurzkrimis fanden die Besucher des Kulturfrosches auch auf der Speisekarte des Veranstaltungsortes, des Restaurants "Historische Dorfaue", wieder.

Apropos Frosch: Wer Neukölln bislang für eine kulturelle Wüste gehalten hat, wird in der Weisestraße eines Besseren belehrt – in der Literatur- und Pianobar "Froschkönig", wo sich Rose und Patrick Giersch als "Kultur-Gastwirte" verstehen. Das Duo zeigt Stummfilme mit Pianobegleitung und lässt die "jungen Wilden der Berliner Literatur" regelmäßig ihre Werke vorstellen.

Vor Blümchentapete bietet Patrick Giersch, selbst ebenfalls Autor, vor allem der "Gegenwarts(un-)kultur made in Austria" Raum und Leselampe. Der neue österreichische Kultursalon, ein Potpourri aus Lesung, Musik und Videoclips, öffnet jeden letzten Freitag im Monat seine Berliner Pforten.

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Zuletzt aktualisiert: 12.02.2010 · Fotos: Katrin Starke (6)