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Die Greisen-Reise

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Maske und Altersanzug lassen unseren Autor um vierzig Jahre altern.

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Für den Test schlüpfte der 31-Jährige in seine eigene Zukunft.

Der Alterssimulator


Mehr Infos zum "Age Explorer" erhalten Sie beim:

Meyer-Hentschel-Institut
Science Park 2
66123 Saarbrücken
Tel.: 0700/12 34 56-01
www.mhmc.de

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Einkaufen, Geld abheben: Mit dem Altersanzug kann jeder nachvollziehen, wie sich Senioren im Alltag fühlen.

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Was futuristisch aussieht, soll vor allem Verkaufspersonal für die Belange Älterer sensibilisieren.

Den Geldautomaten mit müden Augen bedienen, mit schmerzenden Fingern nach Münzen kramen: Der "Age Explorer" verrät, was uns im Alter erwartet. Unser Autor Jörg Oberwittler (31) schlüpfte in seine eigene Zukunft: In vierzig Minuten alterte er um vierzig Jahre.

Schon den Eingang zu meiner Hausbank kann ich kaum erkennen. Der Geldautomat will auf meinen zaghaften Tastendruck nicht reagieren. Kein Wunder: Ich trage Handschuhe, die von innen schmerzhaft pieksen. Dafür ist die Schrift groß genug. Ich sehe sie durch ein Visier, das gelblich gefärbt ist. So sehen also die Augen eines Siebzigjährigen. Durch sie darf ich in meine Zukunft blicken, denn ich trage den Altersanzug.

Andere Kunden blicken irritiert

Mit ihm mache ich alles wie im Zeitlupentempo. Fische die Geldscheine mit ungelenken Fingern aus dem Schlitz. Meine Umwelt nehme ich kaum noch wahr, übersehe die anderen Bankkunden, die mich irritiert anstarren. Ich sehe aus wie ein Astronaut: roter Overall, gelbes Visier, Gewichte an den Beinen. Und so fühle ich mich auch – wie in einer anderen Welt.

An meiner Seite: Beate Baltes, Leiterin des "Age Explorer"-Teams vom Meyer-Hentschel-Institut aus Saarbrücken. Gemeinsam gehen wir auf Entdeckungstour. Ich will wissen, wie ich mit müden Gelenken, schlechten Augen und schmerzenden Fingern meinen Alltag bewältige. Einkaufen gehe. Geld abhebe. Treppen hinaufsteige.

Schwere Gewichte simulieren Unbeweglichkeit

Einige Minuten vorher: Ich altere zuerst mit Ellenbogen- und Knieschonern. Es spannt und fühlt sich schwer an. "Das soll ihre Beweglichkeit einschränken", erklärt Beate Baltes. Die Handschuhe sind mit einer rauen, pieksenden Schicht gefüttert. Dadurch lässt meine Feinmotorik nach. Später wird mir eine Frau zum Abschied die Hand geben. Noch nie hat sich ein Händedruck so schmerzhaft angefühlt.

"Ältere Menschen haben oft steife Finger und Schmerzen in den Händen", erklärt die Frau, die mich Stück für Stück zum Greis macht. Weiter mit dem Anzug, in dem zehn Kilo Gewichte stecken. Sie sollen den Kraftverlust durch Muskelschwund simulieren. Schnallen von Innen verstärken meine Unbeweglichkeit. Bereits beim Zuknöpfen stelle ich mich reichlich ungeschickt an. Doch das ist gar nichts zu dem, was nun folgt.

Altsein fühlt sich abgeschottet an

Frau Baltes setzt mir Kopfhörer und das Visier auf. Meine Hör- und Sehkräfte schwinden schlagartig um die Hälfte. Ich muss mich sehr konzentrieren, Blickkontakt halten. Jetzt merke ich, wie wesentlich es ist, dass meine Gesprächspartnerin mich anschaut. Sobald sich Frau Baltes umdreht, ist die Information weg. "Unsere Augenlinse vergilbt schleichend. Das wirkt sich aufs Farbempfinden aus. Blau und Grün wird schwieriger, Farbverläufe werden nicht mehr gut erkannt", erklärt Beate Baltes. Ich sehe alles Gelb.

Auf dem Tisch liegt eine Zeitung. Bereits nach fünf Zeilen tun mir die Augen weh. Mir fehlt eine gute Beleuchtung. Ich fühle mich abgeschottet. So fühlt sich Altsein an. Als nächstes will ich ein Foto machen, aber die Chefin Hanne Meyer-Hentschel – die den "Age Explorer" zusammen mit ihrem Team Mitarbeitern von Firmen vorführt – sagt, ich soll mich erst mal ordentlich knöpfen. Ich verstehe "ordentlich klopfen". Alles lacht. Das Aufstehen fällt mir schwer. Die Treppe runtersteigen – kein Problem. Wieder rauf – umso mehr. Mein Körper schnauft, schwitzt, schmerzt. Ich komme mir älter vor als die beiden Senioren aussehen, die mich entgeistert auf der Zwischenebene anschauen. Ich schäme mich.

Wenn der Brötchenkauf zur Herausforderung wird

Mit dem Geld aus dem Bankautomaten will ich zum Schluss Brötchen kaufen. Der Astronaut betritt den Laden. Entsetzen im Blick der jungen Verkäuferin. Beate Baltes beruhigt: "Der probiert nur den Alters-Anzug aus." Im Supermarkt bringt es mich an der Kasse oft zur Weißglut, wenn ältere Damen vor mir eine gefühlte Ewigkeit fürs Bezahlen brauchen – jetzt kann ich nachvollziehen, warum: Ich kann die Münzen schlechter unterscheiden, geschweige denn den Preis hören, den die Verkäuferin vor sich hin nuschelt.

"Das Personal kann nur helfen, wenn es weiß, wo das Problem ist", sagt Beate Baltes. Ein Grund, warum das Institut mit dem Anzug seit 1994 durch ganz Deutschland reist und vor allem Mitarbeitern mit Kundenkontakt die Möglichkeit zur Greisen-Reise bietet. Der "Age Explorer" soll das Verhalten gegenüber älteren Kunden verbessern. Wer einmal persönlich in der Haut eines 70-Jährigen gesteckt hat, wird sich gegenüber Senioren viel verständnisvoller verhalten. Diese Anschaulichkeit schafft keine Theorie.

Jetzt reicht's mit dem "Feeling 70"

Zusammen mit Ärzten entwickelte das Institut innerhalb von vier Jahren den Simulator, ließ wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Gerontologie und Physiologie einfließen. Zum Beispiel, dass ein 80-Jähriger rund achtzig Prozent seiner einstigen Sehschärfe verloren hat. Oder wir mit 65 Jahren ungefähr ein Drittel unserer jugendlichen Muskelkraft eingebüßt haben.

Nach gut einer dreiviertel Stunde merke ich, dass es mir mit dem "Feeling 70" reicht. Stück für Stück streife ich das Alter ab, steige aus dem Overall, reiße mir die Schoner vom Leib. Darf endlich wieder mehr sehen, hören, fühlen. "Jetzt fühlen sie sich wie neu geboren?!", bemerkt eine Beobachterin schmunzelnd. Wenn es doch auch nur in vierzig Jahren so leicht ginge, denke ich und freue mich wie ein Kind vor dem Geschenke-Tisch über meine wieder erlangte Jugend.

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler


Zuletzt aktualisiert: 12.02.2010 · Fotos: colourbox.com, Jörg Oberwittler (2), Meyer-Hentschel-Institut (2)