
Dirt-Biker scheuen weder Asphalt, noch schmutzige Pisten.

Bei den Stunts scheint die Schwerkraft zu pausieren.

Dicke Reifen und stoßfeste Rahmen ermöglichen Sprünge von bis zu acht Metern Weite.

"Tables", "Doubles": Die Dirt-Biker lassen sich stets neue Tricks für ihren fahrbaren Untersatz einfallen.
Adrenalin schießt durch die Adern, Schlamm spritzt durch die Gegend: Beim "Dirt-Biking" wird’s ganz schön schmutzig. Prellungen und blaue Flecken inklusive. Die Biker fliegen förmlich durch die Luft und fahren manchmal sogar am Rande der Illegalität.
Sie springen mit ihren Bikes von Treppenabsätzen, wuchten sich auf Geländer oder preschen über Betonvorsprünge: Wenn die "Dirt-Biker" Kevin, Dominik, Genes und Jessica auf ihren Rädern waghalsige Sprünge machen, scheint die Schwerkraft zu pausieren. Ihr Terrain sind die Straßen und Parks sowie die Halden am Rande Berlins – und selbst winterliche Temperaturen bremsen sie nicht.
Bis zu drei Meter in die Höhe wirbeln
Mit dem "Dirt-Bike" oder einem BMX-Rad zwischen den Beinen können die Jugendlichen schon mal drei Meter in die Höhe fliegen – inklusive Salto und Drehung in der Luft. Geschick und Risikobereitschaft sind die Voraussetzung für den Adrenalin auslösenden Radsport, der sich vor gut neun Jahren aus der "Downhill-Szene", dem rasanten Abfahrtslauf per Rad, entwickelt hat. Seit gut einem Jahr sitzen die Jugendlichen aus Reinickendorf, Wedding und Pankow auf dem Sattel und wirbeln in ihrer Freizeit durch die Lüfte.
Geländer, Treppen und Halfpipe-Sportanlagen sind das eine Übungsfeld – das andere die freie Natur: "Erdhaufen werden zu Sprungschanzen modelliert, Schlammlöcher oder sumpfige Kuhlen zu Hindernissen umfunktioniert", erklärt Kevin (18). Knieschützer und Helme seien da unumgänglich. Denn das trendige Hobby ist nicht ohne. Prellungen, Aufschürfungen oder blaue Flecken von etlichen Stürzen gehören dazu.
Letzter Crash steckt noch in den Knochen
Ihr letzter Crash steckt Jessica noch in den Knochen. Seitdem lässt es die 15-jährige Pankowerin vorsichtiger angehen, macht nicht mehr jeden Stunt nach. Den Spaß an der Sache hat sie trotz allem nicht verloren. Vor einigen Monaten wurden sie und ihre Freunde im Bürgerpark Pankow auf die Tricks und Kniffe von Dirt-Bikern aufmerksam. Runter vom Skateboard, rauf aufs Dirt-Bike, dachten sie sich sofort.
Wer mit dem Dirt-Biking beginnen möchte, braucht nicht unbedingt ein Dirt-Bike. Zumindest nicht sofort. Für den Anfang tut’s auch ein Mountainbike oder BMX-Rad. Wer allerdings einmal vom Dirt-Biking-Fieber gepackt ist, der ist meist schnell bereit, aufs Original umzusatteln. Das Dirt-Bike aus Aluminium oder Stahl gleicht einem stabilen Mountainbike. Der Unterschied: Der Rahmen ist kleiner, zwischen zwölf und 16 Zoll.
Beim Salto putscht sie das Adrenalin auf
Auch die Gabel ist mit einem Federweg zwischen sechs und 13 Zentimetern eine Besonderheit. Stöße auf das Rad werden so auf ein Minimum reduziert. "Das ist auch notwendig, da gute Dirt-Biker bis zu acht Meter weit springen. Der Fahrer fliegt förmlich durch die Luft", erzählt Kevin. Vorbau, Lenker, Kurbeln und Felgen sind bei den Spezialrädern, auf die mittlerweile auch der Radhandel setzt, auf den "Dirtjump" ausgelegt. Denn bei seinen "Tables" und "Doubles", wie die Sprünge in der Fachsprache genannt werden, will kein Dirt-Biker einen Kompromiss eingehen.
Was den Kick ausmacht? "Das Adrenalin, das einen aufputscht, wenn man trotz Angst in der Hose einen Salto dreht oder eine steile Abfahrt hinunter rast", verrät Kevin. Nur die Suche nach einem geeigneten Areal bleibt ein Problem. Zwar gibt es mit dem Frohnauer "Dirtpark" nahe der Neubrücker Straße oder dem Dirtbike-Park an der Ringstraße in Tempelhof zwei ganzjährig befahrbare Plätze, doch Dirt-Bike-Vereine existieren nicht. Die Szene selbst legt zudem Wert auf Verschwiegenheit. Treffpunkte von Mitstreitern werden nur selten "ausposaunt", oft sind die Austragungsorte von Dirt-Bike-Touren auch – nicht ganz legal – unter Brücken, im Wald oder auf Feldern.
Vor ein paar Wochen kam der Schock
"Anfangs hatten wir Glück, stießen auf eine Brachfläche auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Wilhelmsruh und Schönholz", erzählt der 16-jährige Dominik. Mit Schippe und Spaten zogen er und seine Freunde los, klopften Sandhügel zurecht, bauten sich Sitzbänke. Dann allerdings kam der Schock für die jungen Leute: Diebe hatten die vor Ort deponierten Gartengeräte mitgenommen.
"Platt gemacht" war auch ihre "Dirt-Line", das Areal abgesperrt. "Später erfuhren wir, dass Leute mit Pocket-Bikes, also motorisierten Kleinrädern, dort aufgetaucht sind, sich Anwohner beschwert und schließlich Ordnungskräfte eingegriffen haben", sagt Dominik. Nun sind die Dirt-Biker die Leidtragenden und suchen nach einem Alternativplatz. "Auf einem eigenen Areal könnten wir Dirt-Bike-Kurse anbieten oder kleine Wettkämpfe veranstalten", sagen die jungen Leute und schmieden hierfür bereits fleißig Pläne.
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Autor:
Katrin Starke
Zuletzt aktualisiert: 01.02.2010 · Fotos:
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