Stadt & Szene

Titel Selbstbehauptung 692

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Den Kindern macht es Spaß, Erwachsenen Paroli zu bieten.

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In den Kursen lernen die jungen Teilnehmer, selbstbewusst aufzutreten und "Nein!" zu sagen.

Kurse für Kinder


Hier lernen Kinder, bei Gefahr richtig zu reagieren:

Selbstbehauptungskurse


WSD Pro Child e. V.
Jürgen Rüstow
www.wsd-pro-child.de
Tel.: 767 658 78 oder 0171 - 9094991
6x sechzig Minuten
59–64 Euro pro Kind, 10 Euro für mittellose Eltern, auf Antrag

I-GSK
Jens Poscharnig
www.i-gsk.de
Tel.: 03322 - 288 011 oder 0177 - 36 300 72
Einen oder zwei Tage à sechs Stunden
Kosten können laut Honorarverordnungen von Institutionen abgerechnet werden

dolife KG
www.dolife.de
Telefon: 030 - 809 62 937
Vier bis fünf Stunden
300 Euro für die gesamte Gruppe, inkl. Elternabend

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Blickkontakt zu halten, ist gar nicht so einfach – aber lernbar.

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Wer sich mehr zutraut, kann sich auch in kritischen Situationen richtig zur Wehr setzen.

In Selbstbehauptungskursen lernen Kinder, in gefährlichen Situationen selbstbewusst zu reagieren und sich im Alltag mehr zuzutrauen.

Der Autofahrer stoppt neben der siebenjährigen Lena, kurbelt das Fenster runter und fragt, ob sie wisse, wo die Post sei. Lena schüttelt den Kopf, der Autofahrer sagt: "Komm doch mal näher, Kleine. Ich muss da ganz schnell hin und kenne mich hier nicht aus. Ich gebe dir fünf Euro, wenn du mir hilfst." Lena bleibt wie angewurzelt stehen.

Fester Blick in die Augen und ein lauter Schrei

Dass ihre Kinder in eine solche Situation kommen und dann der Verlockung des Geldes nachgeben oder sich einfach überreden lassen, ist die Horrorvorstellung vieler Eltern.

Hier aber ist alles nur gespielt. Der Autofahrer ist Franziska Hauser, eine von elf Trainern, die in Berlin für den "WSD Pro Child e. V." Selbstbehauptungstrainings für Kinder anbieten. Und plötzlich scheint Lena auch wieder einzufallen, was sie vorher gelernt hat: Sie stampft mit dem Fuß auf, streckt die Hände nach vorne, schaut dem Autofahrer fest in die Augen und ruft laut: "Nein!" Nacheinander spielen alle der acht anwesenden Kinder zwischen sechs und zehn Jahren die Szene. Es macht ihnen sichtlich Spaß, einem Erwachsenen Paroli bieten zu können.

Mehr Selbstbewusstsein dank Training

"Lena hat es uns gleich am Abend ganz stolz noch mal vorgeführt", erzählt ihre Mutter. Insgesamt sei ihre Tochter durch das Training deutlich selbstbewusster geworden und hätte gut gelernt, den Blickkontakt zu halten. Auf das Selbstbehauptungstraining sei sie durch eine Infoveranstaltung des WSD an der Schule aufmerksam geworden.

"Der Elternabend ist ein ganz wichtiger Teil des Konzepts. Die Eltern erfahren nicht nur, was ihre Kinder lernen werden, sondern bekommen auch Tipps, wie sie selbst das Selbstbewusstsein ihrer Kinder stärken können", sagt Jürgen Rüstow, der seit 1995 die Kurse an Schulen im Berliner Raum koordiniert und leitet. Für ihn sei es immer wieder ein berührendes Erlebnis, wenn Kinder, die zu Beginn des Kurses leise und ängstlich waren, am letzten Kurstag energisch auftreten.

Wie sich Kinder bei Gefahr wehren

Rüstows Ziel ist es, dass die Kinder sich im Alltag mehr zutrauen, dadurch selbstbewusster werden und sich dann in kritischen Situationen richtig zur Wehr setzen. Darum geht es auch Stefan Boehm, Geschäftsführer der dolife KG. Neben Sicherheitsanalysen und -trainings bietet die Berliner Firma auch Selbstbehauptungskurse für Kinder im Grundschulalter an.

Viele Eltern gäben ihren Kindern gut gemeinte Anweisungen wie: "Lass dich nicht von Fremden ansprechen!", sagt Stefan Boehm. Wenn es dann doch passiere – mit welchen Absichten auch immer –, hätten die Kinder das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, und erzählten es ihren Eltern nicht. "Wenn die Eltern dazu noch abschreckende Geschichten von bösen Männern erzählen, schafft das eher Angst und schwächt das Selbstvertrauen", erklärt der gelernte Erzieher. Dabei sei es so wichtig, die Stärken der Kinder zu betonen und mit ihnen immer wieder das richtige Verhalten zu üben, statt vor dem falschen zu warnen.

Die meisten Gewalttaten passieren im vertrauten Umfeld

"Es ist übrigens ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Kinder überwiegend im öffentlichen Raum Opfer von Gewalttaten werden. Tatsächlich ereignen sich die meisten Fälle im vertrauten Umfeld der Kinder", sagt Stefan Boehm. Deshalb male in den dolife-Kursen jedes Kind um sich herum einen Kreis, der signalisiert, wer sich bis auf welche Entfernung nähern darf. In Rollenspielen üben sie dann, wegzulaufen, sich Hilfe zu holen, zu schreien und dabei ihren "komischen" Gefühlen zu trauen und – ganz wichtig – es anschließend ihren Eltern zu erzählen.

Die Fragen: "Wer darf mich wo anfassen?" und "Wer darf mich küssen?", spielen auch in den Ich-Stärkungs-Trainings von Jens Poscharnig eine zentrale Rolle. Da davon auch Verwandte und Bekannte der Eltern betroffen sein könnten, sei es ihm wichtig, die Inhalte mit den Eltern, Lehrern und/oder Erziehern vorher abzusprechen und hinterher gemeinsam auszuwerten.

Durch das Spiel prägt sich ein anderes Verhalten ein

"Mit den Kindern machen wir beispielsweise Stimmübungen, damit sie lernen, im Fall der Fälle richtig laut und kraftvoll ‚Nein!‘ ,Stopp!‘ oder ,Halt!‘ zu schreien", erklärt Jens Poscharnig, der die Kurse nach dem Konzept des Instituts für Gewaltprävention (I-GSK) an Schulen, in Horten und in Kindergärten durchführt.

In erster Linie gehe es bei allen Spielen und Übungen darum, dass die Kinder ein anderes Verhalten ausprobierten, das sich durch das Spiel einpräge. Und Spaß sollten sie dabei haben, damit sie sich gerne an das Gelernte erinnern – im Alltag, und um potenzielle Täter von vornherein abzuschrecken.

Kontakt zum Autor: Anja Köhler


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010 · Fotos: Barbara Dietl (5)