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Titel Flohmarkt 692

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Auf dem Intimflohmarkt wird nicht mit Barem gehandelt, sondern mit persönlichen Geheimnissen.

Intime Geständnisse


Wann und wo Alexandra Müller die intimen Beichten der Berliner präsentiert, wird sie auf ihrer Homepage bekanntgeben: verschwendedeinedaten.org

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Hatte die Idee: Alexandra Müller nahm die Beichten auf und produzierte daraus eine Radio-Collage.

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Diese Gasmaske ist zum Beispiel für "zwanzig Minuten über eine private Fehde" zu haben.

Spitzenunterwäsche zum Preis eines erotischen Traumes, Schmuck für fünf Minuten über ein kleines schmutziges Geheimnis: Beim "Intimflohmarkt" bezahlen Käufer nicht mit Geld, sondern indem sie Intimes verraten. Heraus kommen offene Gespräche über Sex, Liebe, Geld und Sünden.

"Es ist unglaublich, wie viel Intimes Leute im Netz von sich verraten", sagt Alexandra Müller. Auf Facebook, in Blogs oder Videos, die jedermann auf YouTube ansehen kann. "Selbst mit der Payback-Karte im Supermarkt gibt jeder ein Stück von sich preis. Fast überall zahlen wir mit persönlichen Daten." Das brachte die 26-Jährige auf die Idee.

Ein 20-minütiges Geständnis für einen Mantel

Was im Alltag inzwischen gängige Praxis ist, lasse sich doch auch in ein Kunstprojekt ummünzen. Per Rundmail forderte Müller Freunde, Bekannte und Verwandte auf, ihre Schränke nach Dingen zu durchforsten, von denen sie sich schon längst trennen wollten.

Schnell hatte sie ihr Flohmarkt-Sortiment beisammen: Kleider und Schmuck, Bücher und Nippes, ein paar technische Geräte und sogar eine Gasmaske. Die Preise hat sie nach Gefühl festgelegt. Fünf Minuten Gespräch für ein T-Shirt, ein 20-minütiges Geständnis für einen Mantel.

Machtstreben, Eitelkeiten und Kämpfe

Und das Thema der Offenbarungen? "Da habe ich mich von den Dingen selbst inspirieren lassen." Einen alten Parka gab’s für "etwas, mit dem man zu kämpfen hat", das Buch "Fegefeuer der Eitelkeiten" kostete sechs Minuten übers Machtstreben. Drei Wochen lang bot die Künstlerin ihre Waren in der Galerie TÄT an der Schönhauser Allee an, danach vier Wochen lang in der Alten Post in Neukölln. Und sie hat reichlich verkauft.

Dabei hat so mancher Kunde beim Betreten der Location nicht gewusst, worauf er sich einließ. "Viele Frauen dachten, das wär’ ein Kleiderladen. In Prenzlauer Berg kamen auch jede Menge Touristen, die sich spontan auf die Sache eingelassen haben." Seit einem Jahr lebt Alexandra Müller in Berlin, hat vorher in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert.

Beichte vor dem Mikrofon

Dass das Preisgeben von Intimitäten "auch ein bisschen weh tun sollte", gibt Müller offen zu. Dennoch hätte fast kaum jemand ein Problem damit gehabt, mit ihr in die Kabine zu kommen und auf hölzernem Schemel seine Beichte abzulegen. Trotz Mikro vor der Nase und dem Wissen, dass das Aufnahmegerät läuft: "Wer mitgemacht hat, wollte etwas von sich erzählen."

Sie habe nie den Eindruck gehabt, dass ihr jemand etwas vorlüge, sagt Müller: "Im Gegenteil: Die Leute fanden das ziemlich spannend, einer Wildfremden etwas Persönliches zu erzählen. Das wirkte schon alles sehr authentisch." Beispielsweise die Erzählung einer jungen Frau, die für einen Ring ein schmutziges Geheimnis verriet: "Mit 17 hat sie mal dringend Geld gebraucht und einem Fußfetischisten für 100 Mark ihre gebrauchten Socken verkauft."

Heraus kam eine Hörspiel-Collage

All ihre "Verkaufsgespräche" hat Alexandra Müller inzwischen ausgewertet und zu einem Rundfunkbeitrag zusammengeschnitten. Eine auf zwanzig Minuten komprimierte Hörspiel-Collage geht im SWR 2-Programm "Dschungel" im Juni 2010 über den Äther. Den Auftrag für den Beitrag hatte Multitalent Müller schon in der Tasche, als sie das Geständnis-Experiment startete.

Weil aber viele der "Beichten" in dem Radio-Feature nicht unterzubringen waren, denkt Alexandra Müller derzeit über weitere Veröffentlichungen nach. So will sie in Berlin Ausschau nach geeigneten Bars oder Kneipen halten, in denen sie längere Fassungen ihrer Hörspielcollage aufführen möchte. "Und vielleicht mache ich noch ein Buch draus."

Intimflohmarkt demnächst im Altersheim

Und wenn alles klappt, wird es in Berlin noch einen weiteren, einen ganz speziellen Intimflohmarkt geben – in einem Altersheim. "Fänd’ ich total spannend zu hören, was ein Publikum zwischen 85 und 105 mir erzählt", meint Alexandra. War doch die Klientel in ihren bisherigen Gesprächen eher zwischen 20 und 40. Der "Intimflohmarkt" ist übrigens nicht das erste ungewöhnliche Projekt von Alexandra Müller: Bei ihrem Projekt "Müller.Wohlfahrt" stellte sie sich nackt in ein Schaufenster und lebte eine Woche lang nur von dem, was ihr Menschen brachten. Und ihr Song "Der kleine Hai", den sie auf YouTube eingestellte, brachte ihr 2007 sogar einen Plattenvertrag ein.

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Zuletzt aktualisiert: 28.12.2009 · Fotos: Alexandra Müller (4)