
Zum ersten Mal verliebt: Eltern sollten mit Ratschlägen behutsam sein.
Ratgeber für Eltern
Als Jugendlicher zum ersten Mal verliebt – Wie sich Eltern am besten verhalten, verraten unsere
Buchtipps
Dr. Esther Schoonbrood, Barbara Dobrick
Erklär mir die Liebe!
Verlag Zabert Sandmann
256 Seiten
19,95 Euro
Dieter Schnack, Rainer Neutzling
Die Prinzenrolle
Rowohlt Taschenbuch
352 Seiten
9,90 Euro

Ein Gespräch über Verhütungsmittel: So mancher Teenager findet das "voll peinlich".
Infos im Netz
• Die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V. bietet eine "Ärztinnen-Informationsstunde" für Schulklassen an: www.aeggf.de
• Informationen von Kinder- und Jugendärzten: www.kinderaerzte-im-netz.de
• Jugendhomepage zu Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.loveline.de

Die meisten Jugendlichen wollen keine Einmischung der Eltern bei Liebesangelegenheiten.
Wenn die eigenen Kinder sich verlieben, fragen sich viele Eltern, wie viel Einmischung nötig ist und wo die Privatsphäre der Jugendlichen beginnt. Wie sprechen sie das Thema Verhütung an, und wie gehen Eltern mit dem ersten Liebeskummer um?
"Mama, ich bin seit gestern in Anna verliebt", offenbarte der damals achtjährige Simon seiner Mutter. Woran er das merken würde, wollte sie wissen. "Wenn Anna eine Katze wäre, dann wäre sie meine", antwortete er.
Heft über Verhütungsmittel – "voll peinlich"
Vor einem Monat ist Simon 17 Jahre alt geworden und über die Liebe redet er längst nicht mehr so naiv und offenherzig. Dass er auf einer Party Lara kennen gelernt hatte, erzählte er seiner Mutter lange nicht. "Irgendwie hat sie es aber dann mitbekommen und mir ein Heftchen über Verhütungsmittel hingelegt. Das war voll peinlich und an Sex haben Lara und ich noch gar nicht gedacht. Damit wollten wir uns Zeit lassen", sagt Simon.
Noch schlimmer sei Laras Mutter gewesen. Sie habe ihrer Tochter einfach ungebeten eine Pillenpackung in die Hand gedrückt. "Die meisten Jugendlichen empfinden es als eine unangebrachte Einmischung in ihr Leben, wenn Eltern über Verhütung sprechen, sobald der erste Partner auftaucht", so die Ärztin und Autorin Dr. Esther Schoonbrood. Seit gut zehn Jahren spricht sie in Schulen mit Jugendlichen über die körperlichen Veränderungen während der Pubertät und die psychischen Phänomene, die eine erwachende Sexualität mit sich bringen kann.
"Was wissen die Alten schon von richtiger Liebe"
Was bedeutet es, einem anderen Menschen körperlich so nah zu kommen? Für Lara sei die Sache mit Simon am Anfang gar nicht so ernst gewesen, aber nach den ersten richtigen Küssen hätte sich das plötzlich geändert. "Ich wollte immer mit Simon zusammen sein. Wenn wir uns nicht sehen konnten, mussten wir wissen, wo der andere ist, wir haben ständig telefoniert oder SMS geschrieben. Schule und Freunde waren uns egal geworden", erzählt die 15-Jährige.
Ihre Mutter hätte sie ständig davor gewarnt, nicht ihr eigenes Leben zu vernachlässigen. "Was wissen die Alten schon von richtiger Liebe", habe Lara oft gedacht, aber irgendwann hätten sie und Simon nur noch aufeinandergegluckt und sich gegenseitig genervt. "Ich hatte Angst, Simon zu verlieren. Keine Ahnung, ob das Liebe war. Woher soll man das wissen beim ersten Mal?", so Lara.
Eltern können Maßstäbe für die Liebe setzen
Esther Schoonbrood hält es für wichtig, dass die Eltern ihren Kindern Werte für das Beziehungsverhalten vermitteln und so Orientierung geben. "Viele Jugendliche haben – auch durch die Medien – zu hohe Erwartungen an die romantische Liebe. Da können die Eltern in Gesprächen durchaus realistischere Maßstäbe setzen. Auch wenn die Kinder es nicht hören wollen, sie hören es", so die Ärztin.
Der Soziologe Rainer Neutzling hingegen sagt, dass die Eltern sich aus der Beziehungsgestaltung ihrer heranwachsenden Kinder eher raushalten sollten – auch wenn sie damit ihre Kinder vor schlechten Erfahrungen bewahren wollten. Am allerwenigsten bräuchten sie Flirttipps, denn jeder Jugendliche wolle die Liebe für sich neu erfinden.
Am besten Ruhe bewahren und sich bereithalten
"Eltern sollten Ruhe bewahren, in die zweite Reihe treten und sich bereithalten für die Zeit, in der die Jugendlichen ihren Trost bräuchten", sagt er. Diesen Trost hat Lara bei ihrer Mutter gefunden, nachdem Simon und sie sich nach langem Hin und Her getrennt hatten. "Tagelang hat sie meine Heulereien ertragen und war einfach für mich da. Das hat wahnsinnig gutgetan", sagt Lara.
Weniger dramatisch verlief die Trennung bei dem 16-jährigen Niklas aus Mitte. In den ersten Wochen sei er überwältigt gewesen von den Küssen und all den Gefühlen, aber nach drei Monaten sei die Liebe einfach nicht mehr so spannend gewesen und er habe Lust gehabt, auch wieder andere Mädchen zu treffen. "Mein Vater meinte, mich aufklären zu müssen, bevor ich das erste Mal bei meiner Freundin übernachte, aber er wusste nicht, wie er das Gespräch mit mir beginnen sollte", so Niklas.
Wie gehört das Thema Verhütung auf den Tisch?
Oft seien Filme eine unverfängliche Gelegenheit für Eltern, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, so Esther Schoonbrood. Zum Beispiel könnten sie eine Bettszene kommentieren mit: "Ich habe gar kein Kondom gesehen. Na, das ist ja mal wieder typisch Film." Auch käme es den Jugendlichen oft entgegen, wenn die Eltern ihre eigenen Scham- und Peinlichkeitsgefühle zuließen und nicht auf cool machten.
"Viele Eltern sind verunsichert und verlassen sich häufiger als früher darauf, dass Aufklärung in der Schule stattfindet", sagt Esther Schoonbrood. Doch der Sexualkundeunterricht sei oft sehr wissensbetont und setze den Schwerpunkt sehr auf Verhütung und Krankheiten. Meistens käme dabei weder das Schöne und Bereichernde der Sexualität noch das fesselnde Moment der Liebe vor. "Nach der Trennung von Lara habe ich verstanden, dass ich einen Menschen, den ich liebe, nicht besitzen kann – auch keine Katze", sagt Simon.
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Autor:
Anja Köhler
Zuletzt aktualisiert: 13.01.2011