
Geruchsforscherin Sissel Tolaas hat den Berlin-Duft eingefangen.

"Parfum nach Gewicht" verkauft Harry Lehmann in der Charlottenburger Kantstraße.

Wenn es um den eigenen Geruch geht, haben viele Menschen hohe Ansprüche.

Der Duft von Berlin hat viele Gesichter.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose – und immer wohlduftend...
Als der Berliner Theaterkapellmeister Paul Lincke 1899 zum ersten Mal den Marsch "Berliner Luft" aufführte, konnten Berliner und Auswärtige den Operetten-Gassenhauer aus dem Stand pfeifen: "Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft ..." Seitdem steht die Berliner Luft für ein freies Lebensgefühl, gemischt mit einer Prise Spaß, Großstadt und Glückseligkeit. Wer heute die Berliner fragt, wie ihre Stadt riecht, bekommt eher nüchterne Antworten wie "nach Kloake", "nach Autos" oder "nach Abfall". Aber wie riecht Berlin nun wirklich?
Wenn Sissel Tolaas durch Berlin geht, versucht sie, alle Gerüche wahrzunehmen und diese nicht in gut oder schlecht zu unterteilen. "Ich habe mir abgewöhnt, Gerüche zu bewerten. Das war ganz schön harte Arbeit und erforderte jahrelanges Riechtraining, schließlich ist jeder Geruch emotional besetzt."
Warum unser Gehirn Gerüche speichert
Die menschliche Nase besitzt 350 Rezeptoren. Diese vermitteln die Gerüche direkt weiter ans Gehirn, wo sie abgespeichert werden – eine Art Trick der Evolution, der die Menschen seit jeher vor vergifteter Nahrung und Gefahr warnt.
Sissel Tolaas nennt sich Geruchsforscherin, aber eigentlich ist sie ein Geruchsgenie. Die gebürtige Norwegerin ist 50 Jahre alt und hat Mathematik, Chemie und Sprachwissenschaften studiert. Eine eigenwillige Mischung, die es ihr ermöglicht, Gerüche umfassend zu erforschen, mal als Wissenschaftlerin, mal als Beraterin oder Künstlerin. Eines ihrer Projekte ist, den Geruch einer Stadt einzufangen und als Parfum zu rekonstruieren.
Die Berlin-Formel der Duftforscherin
Nach Stockholm und London wanderte sie 2005 monatelang durch vier Berliner Bezirke, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Charlottenburg, Reinickendorf, Mitte und Neukölln. "Berlin ist eine sehr komplexe Stadt. Geruchsproben in unterschiedlichen Vierteln zu unterschiedlichen Tageszeiten zu finden und mit den jeweiligen Bewohnern zu reden, hat länger als in den anderen Städten gedauert", erzählt Tolaas.
Zuhause in ihrem Duftlabor setzte sie einen Glaskolben über die Geruchsproben, um über einen Schlauch Duftmoleküle zu destillieren und durch einen Computer aufzeichnen und analysieren zu lassen. Danach schrieb Sissel Tolaas eine Formel und versuchte, den jeweiligen Geruch zu reproduzieren.
Mischung aus Leder, Kaffee und Solarium
Bei ihrem Berliner Duft, den sie "Nosoeawe" genannt hat – für North, South, East, West –, ist eine Mischung aus Leder, Titan, Starbucks-Kaffee, Polyester, Essen, Solarium und Sonnencreme sowie Geld herausgekommen. "Das ist natürlich eine rein persönliche Mischung", gibt Tolaas zu. "Aber riechen ist immer sehr subjektiv."
Anders als Parfümeuren geht es Sissel Tolaas nicht darum, neue Düfte zu komponieren, sondern Gerüche aus dem Alltag zu reproduzieren, wie zum Beispiel den Geruch einer schmutzigen Straße. "Das reizt mich und fordert mich heraus." Dass aber auch die Realität manchmal umwerfend riecht, zeigt ihr eigener Geruch: "Ich trage meinen eigenen Schweiß mit einem Tropfen French Rose, einem sehr teuren Duft", erzählt Tolaas und lacht.
Ihren Schweiß hat sie im Labor reproduziert und als Duftgrundlage genommen. In ihrem Labor stehen zweieinhalbtausend verschiedene Rohstoffe, darunter viele natürliche Öle wie Lavendel oder Rose, aber auch Industriedüfte. "Ich bin mein eigenes Versuchsobjekt", sagt sie grinsend.
Berlin riecht nach Sommergewitter, schwer und nass
Judith Bauer benutzt zurzeit kein Parfum. Wenn die junge Mutter ihre Tochter Mathilde auf den Arm nimmt und sie an ihre Halsbeuge legt, wird die Kleine sofort ruhig. "Der Geruch der Mutter ist beruhigend und sehr emotional", weiß Marianne Kuball, die Oma von Mathilde, und fügt hinzu: "Ich selbst habe aber nicht auf mein Parfum verzichtet. Ich bin eben ein fürchterlicher Nasenmensch." Und wie nimmt Judith den Geruch von Berlin wahr? Sie denkt nach: "Für mich riecht Berlin eher nach Sommergewitter, schwer, nass und klar."
An Regentagen hilft Sonnencreme
Auch Erhard Ballier, Kartenverkäufer für Spreerundfahrten, riecht Wasser, wenn er an Berlin denkt. "Berlin besteht zu 36 Prozent aus Wald und Wasser – und das kann ich riechen", sagt Ballier. "Ich liebe den Geruch des Wannsees oder des Müggelsees, das ist Erholung und Entspannung pur für mich. Ein Spa für Arme sozusagen."
Annelie Höfs, 22 Jahre, hasst die dunkle Jahreszeit in Berlin. "Dann riecht es meist verfault und modrig in Wedding. Dieser Geruch macht mich fast depressiv." Doch Annelie überlistet sich selbst: An solchen Tagen cremt sie sich mit Sonnencreme ein. "Dieser Duft erinnert mich dann an Sommer, Sand, Meer und Usedom, wo ich aufgewachsen bin."
Individuelles Parfum aus dem Internet
Wenn es um den eigenen Geruch geht, hat Duftforscherin Sissel Tolaas ihre Mitmenschen noch nie verstanden. "Menschen wollen einzigartig sein: Sie wählen ihre Kleidung bedächtig aus, aber bei Parfums greifen sie zu einem Duft, der ihnen von der Verpackung her gefällt oder dessen Name gut klingt."
Manche Menschen erschrecken regelrecht, wenn sie einen Duft-Doppelgänger treffen. Solch ein Partyerlebnis hatte eine Freundin von Matti Niebelschütz, die ihm ein paar Stunden zuvor noch begeistert von ihrem neuen Parfum erzählt hatte. Als sie den Duft dann aber an einer anderen Frau roch, merkte sie, wie gewöhnlich er war. "Da war die Idee geboren, ein Online-Portal aufzubauen, mit dem sich jeder seinen eigenen Duft zusammenstellen kann",
Zusammen mit seinem Bruder Yannis und mit Patrick-André Wilhelm gründete Matti Niebelschütz "MyParfuem", mit dem jeder mithilfe eines Duftkompasses aus fruchtigen, aromatischen, blumigen, animalischen und orientalischen Düften maximal dreißig auswählen und zu einem Parfum mischen lassen kann. Ob das gut geht? „Wir haben unser Computerprogramm zusammen mit einer Duftexpertin entwickelt, so dass kein Duftunfall passiert, wie zum Beispiel die Kombination von Moschus und Maiglöckchen“, erklärt Matti Niebelschütz. Wenn ein Duft dennoch nicht gefällt, kann er umgetauscht werden. Der Preis für einen Flakon: 29 Euro.
Schon Marlene Dietrich kaufte bei Harry Lehmann
Etwas persönlicher werden Duftfans in der Kantstraße 106 von Harry Lehmann beraten. Seit 1926, so leuchtet es vom Firmenlogo, verkauft seine Familie "Parfum nach Gewicht". Schon Marlene Dietrich kaufte bei seinen Großeltern Veilchenduft. "Reines Veilchen", betont Harry Lehmann – und fügt schnell hinzu: "Normalerweise sprechen wir nicht über die Düfte unserer Kunden, aber Marlene Dietrich hat es gegenüber der Presse selbst bestätigt."
"Mögen sie eher blumige oder grüne Düfte?"
In fünf Karteikästen schlummern alphabetisch sortiert die persönlichen Duftrezepturen vieler bekannter und unbekannter Kunden aus Berlin, Deutschland und der ganzen Welt. Wie ein Psychologe tastet sich Harry Lehmann bei jedem einzelnen Kunden vor: "Mögen sie eher blumige oder grüne Düfte?" Dabei hält er seinen Kunden die Glasverschlüsse einzelner Flakons unter die Nase – ohne zu sagen, ob es sich dabei um Tulpe, Patschuli oder Vetiver handelt. "Meine Kunden sollen erst mal nur riechen."
Schritt für Schritt geht es weiter. Ist der Duft zu stark oder erinnert er an die eigene Mutter? "Ich schaue meinen Kunden ganz genau ins Gesicht und beobachte, wie sie auf einzelne Düfte reagieren. Ihr Gesichtsausdruck sagt viel mehr als tausend Worte." Am Ende schreibt Lehmann eine Zahlenkombination auf eine Karteikarte, stellt einen leeren Flakon auf die goldene Balkenwaage seines Großvaters und gießt langsam verschiedene Flüssigkeiten aus größeren Flakons hinein.
"Bitte zwei Tage erst mal stehen lassen, bis sich der Duft gut vermischt hat", bittet er dann. Wer nicht so lange warten will, kann sich schon fertige, von Harry Lehmann komponierte Düfte in kleine Flakons abfüllen lassen, zum Beispiel "Eau de Berlin". Diesen Duft hat der Parfümeur 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins entworfen. Wie er riecht? "Nach Grunewald – nach Moos, Gras, Orange, Limette und Mandarine", verrät Lehmann. "Modern, intensiv, spritzig, frisch" steht auf dem Flakon. Das passt.
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Autor:
Wiebke Nieland
Fotos:
Sarah Eick (5)