
Ausholend: Alexander Grundmann mitten im Training.

Umwerfend: Baumstamm-Werfen zählt zu den Königsdisziplinen.
Die schottischen Clans
Bis heute ist Schottland die Hochburg der Highland Games. Hier haben sie auch ihren
Ursprung:
Im Mittelalter waren die Highland-Games Bestandteil der Treffen von Clans in den schottischen Highlands. "Wenn die Clans gerade mal nicht in den Krieg zogen, trafen sie sich zu den Spielen, um sich fit zu halten", erzählt Alexander Grundmann.
Auch manche Eheschließung sei so ausgeheckt worden, weiß er. Abmachungen nach dem Motto "Du bekommst meine Tochter zur Frau, wenn du den Stein da rücklings über die Mauer werfen kannst" beispielsweise seien die Wurzel der Disziplin "Weight over the bar".
Bis zu hundert Spiele gibt es noch heute in Schottland, traditionell unter der Schirmherrschaft der britischen Königin. Seit der Jahrtausendwende setzt sich der Highlander-Sport auch in Deutschland immer mehr durch. Zwanzig bis dreißig Clubs gibt es nach Schätzung der Berliner Highlander bundesweit.

Die "Old Scottish Ales" auf ihrem Übungsgelände in Hohenschönhausen.
Wenn Milchkannen durch die Gegend fliegen, dicht gefolgt von Gummistiefeln und Baumstämmen – dann trainieren die "Old Scottish Ales". Highland Games nennen sich ihre auf den ersten Blick seltsam anmutenden Spiele. Zu ihrem Aufsehen erregenden Training treffen sie sich jeden Sonntag in unmittelbarer Nachbarschaft des "Wellblechpalasts" in Hohenschönhausen.
Diesmal sind nicht viele "Schotten" gekommen. "Wir waren letzte Woche beim Wettkampf. Danach brauchst du ein paar Tage, bis du wieder geradeaus gucken kannst", erklärt "Oberschotte" Alexander Grundmann.
Hänfling schlägt Muskelprotz
Dass er selbst trotzdem schon wieder trainiert, hat seinen Grund: Der jüngste Wettkampf hat ihn total motiviert. Da hat er ziemlich gut abgeschnitten, obwohl der schlanke, groß gewachsene Mann nicht unbedingt der klassischen Highlander-Optik eines Muskelpakets entspricht.
"Einige waren ganz schön geknickt, dass sie von so einem Hänfling wie mir geschlagen wurden", erzählt Grundmann und schmunzelt: "Aber es geht eben nicht nur um blanke Kraft."
Hämmer fliegen durch die Lüfte
Das wird auch jedem schnell klar, der Kerstin Kathe herumwirbeln sieht und beobachtet, wie sie den sechseinhalb Kilogramm schweren "Hammer", eine an einem Rattanstiel befestigte Eisenkugel, wirft. Die Zahnarzthelferin ist alles andere als ein Kraftprotz und hat in den Highland Games dennoch ihre Sportart gefunden – als bislang einzige Frau in Berlin.
"Angefangen hab' ich mit meiner Cousine, aber die hat dann wieder aufgehört", erzählt die junge Frau, die seit 2006 zum festen Stamm der "Old Scottish Ales" gehört und Männer im Kilt einfach sexy findet. Wenn in Wettkämpfen Strohsäcke mit Mistgabeln in die Höhe geworfen werden, ist sie in ihrem Element.
Neu entwickelt: 400-Meter-Frauen-Tragen
Aber auch das "Thronlaufen" zählt zu ihren bevorzugten Disziplinen. "Da sitzt einer auf einem Baumstamm und wird von vier Leuten von A nach B getragen, natürlich auf Zeit", erzählt sie.
Ursprünglich treten die Sportler bei Highland Games in 13 Disziplinen gegeneinander an. Aber die "Old Scottish Ales" sind da durchaus innovativ. "Wir haben schon ein paar neue Disziplinen entwickelt", erzählt Alexander. Jedoch erst, nachdem man sich zuvor in Schottland erkundigt habe. Zwar sind Handy-Weitwurf oder 400-Meter-Frauen-Tragen nicht ganz so stilechte Varianten, doch die Ursprungsdisziplinen des Highlander-Sports werden auch in Hohenschönhausen groß geschrieben.
Einen Baumstamm zum Überschlag bringen
Auch hier, im Schatten der Siebzigerjahre-Plattenbauten, zählt Baumstammwerfen ohne jeden Zweifel zu den Königsdisziplinen. Und das, obwohl es gar nicht so leicht ist, an die passenden Stämme zu kommen. Versuche, über die Berliner Forsten Bäume zu ergattern, scheiterten. "Da hast du keine Chance, wir haben die Dinger aus Halle ‚importiert‘", erzählt Alexander.
"Tossing the caber" heißt diese Mannschaftsdisziplin im Highlander-Fachjargon. Dabei geht es darum, einen rund viereinhalb Meter langen Baumstamm so zu werfen, dass er sich einmal überschlägt und "auf 12 Uhr" wieder landet. Fünfzig bis achtzig Kilo wiegt so ein Stamm.
"Den anzuheben, ist für jeden Kraftsportler eine Leichtigkeit", sagt Alexander. Aber zu schaffen, dass er sich in der Luft dreht, sei schon um einiges schwieriger. "Da brauchst du den Schwung aus dem ganzen Körper." Und so sei es neben Kraft und Ausdauer vor allem die richtige Körperbeherrschung, die für den Highland-Sport unabdingbar sei.
Tänzer sind im Vorteil
Da könne es unter Umständen viel wichtiger sein, ein guter Tänzer zu sein als ein Kraftmeier, meint Alexander. Beim Hammerwerfen aus dem Stand beispielsweise. "Da kommt es darauf an, die Spannung zu halten und nur das Becken zu bewegen."
Wie er zum Highland-Sport gekommen ist? "Ach, das ist einfach was Verrücktes", schwärmt Alexander. Sport hat er immer schon getrieben, ist geschwommen, gerudert und geritten, war aktiver Judoka. Und dann hat er sich mit ein paar Kumpels zusammen Highlander-Wettkämpfe angeschaut.
Höhepunkt: Die neunzig Kilo schwere Steinkugel
Eigentlich eher zufällig, weil sein Sportsfreund Armin Grasnick bei Highland Games in Machern als Vertreter einer schottischen Brauerei einen Stand betrieb. Der Wunsch, an "diesen großartigen Spielen aktiv teilzunehmen", ließ die Freunde nicht mehr los. Und so gründeten Alex, Armin, Alf, Jan, Holli, Micha, Beppo und Kerstin vor drei Jahren die "Old Scottish Ales".
Nicht alle sind bei der Stange geblieben. "Hat eben auch mit dem Alter zu tun", sagte Alexander. Denn bei Highland Games geht es nicht nur um Hufeisenweitwerfen oder Bogenschießen – "das sind eher Entspannungsübungen". Da muss auch eine neunzig Kilogramm (für Frauen vierzig Kilo) schwere Steinkugel aufgehoben, drei Meter weit geschleppt und auf einem Podest abgelegt werden.
Erster Versuch mit Bauarbeiter-Helm
Oder es wird beim "Putting the Stone" eine 7,26 Kilo (bei den Frauen drei Kilo) schwere Steinkugel einarmig auf Weite gestoßen oder ein Gewicht einarmig nach hinten über eine mehr als vier Meter hohe Latte geworfen (20 Kilo für die Männer, 12,5 Kilo für die Frauen).
Ob das "Weight over the bar" nicht gefährlich sei? "Das Gewicht landet kurz hinter oder neben dir", meint Kerstin völlig gelassen. Dass es einem auf den Kopf fällt, sei "eigentlich ausgeschlossen". Für ihren ersten Versuch, gibt sie zu, habe sie sich allerdings dennoch einen Bauarbeiterhelm besorgt.
Kontakt zum
Autor:
Katrin Starke
Wie ein Highland-Games-Training abläuft, sehen Sie in unserem Video über die Highlander von Hohenschönhausen.
Zuletzt aktualisiert: 30.08.2010
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Fotos:
Katrin Starke (5)