Stadt & Szene

Katharina Thalbach: "Ich hab’
nie zu den Tussen gehört"

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Für das Stück "Zwei auf einer Bank" schlüpfte Katharina Thalbach in die Männer-Kluft.

"Zwei auf einer Bank"


In dem Musikstück "Zwei auf einer Bank" spielte Katharina Thalbach an der Seite von Andreja Schneider, bekannt aus dem Comedy-Trio "Geschwister Pfister". Bei dem Liederabend gab sie den depressiven Joachim, der auf die lebenslustige Loreley trifft: ein unterhaltsamer Abend, bei dem beide Schauspielerinnen ihre "Lieblingslieder" sangen.

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Bei der Shakespeare-Komödie "Wie es euch gefällt" hat die Berlinerin nicht nur Regie geführt, sondern auch zwei Männerrollen gemimt.

Katharina Thalbach


aufgewachsen 1954 in Berlin entstammt Katharina Thalbach einer bekannten Künstlerfamilie. Schon mit fünf Jahren stand sie selbst auf der Bühne.
1976 wechselte sie mit ihrem damaligen Lebenspartner, dem Schriftsteller Thomas Brasch, nach Westberlin über und lebt heute in Charlottenburg.
• Thalbach ist Film- und Theaterschauspielerin, bekannt aus Filmen wie zuletzt "Der Mond und andere Liebhaber" (2008), "Du bist nicht allein", "NVA" (2005) und "Sonnenallee" (1999).
• Gleichzeitig führt sie in Theater-Produktionen Regie, zuletzt in der Shakespeare-Komödie "Wie es euch gefällt" in der Komödie am Ku'damm.
• Sie ist die Mutter von Schauspielerin Anna Thalbach.

Schauspielerin Katharina Thalbach im Interview: Warum sie schon mal einen außerirdischen, pubertierenden Jungen gemimt hat, ihre Rollen stets ein kleines Geheimnis haben müssen und sie so gern Menschen mit Abgründen spielt.

Katharina Thalbach (55) gehört zu den großen Schauspielerinnen Berlins. Für das Interview hat sie sich das Restaurant Dressler ausgesucht. Es liegt zwischen Komödie und Theater am Ku’damm, denn gleich muss sie in die Maske...

Frau Thalbach, gibt es für Männer die schöneren Rollen?

Es gibt auf jeden Fall mehr Rollen. Schöner, würde ich nicht sagen. Aber es ist leichter, mit Männerrollen alt zu werden.

Ist das auch der Grund, warum Sie so gern Männer spielen?

Nö, irgendwie bin ich da so reingerutscht. Das war nie Programm. Weder die Regie, noch Männerrollen, noch Oper. Das hat sich in meinem Leben immer so ergeben.

Wie ist man denn da reingerutscht? Weil Harald Juhnke plötzlich krank wurde und als „Hauptmann von Köpenick“ 1996 ausfiel?

Naja, das war meine erste alte Männerrolle, aber davor habe ich schon Jungs gespielt. Kurz bevor das Schiller-Theater damals geschlossen wurde, habe ich über drei Jahre in dem wunderbaren französischen Stück „Hase, Hase“ einen außerirdischen, pubertierenden Jungen gespielt. Damit ging es eigentlich los.

Haben Sie sich schon als Kind gern Jungssachen angezogen?

Nein, das nicht. Aber ich hab’ nie zu den Tussen gehört. Ich habe mich immer gern geprügelt, immer gern Fußball gespielt und mir nie was gefallen lassen. Auch bei Märchen haben mich immer mehr die bösen Königinnen interessiert als die Schneewittchen. Diese zarten Gebilde, die so verletzlich sind, sind mir immer schwer gefallen.

Was macht für Sie denn den Reiz an diesen Männerrollen aus? Sie sagten zum Beispiel mal: „Ich liebe die Männer gerade in ihren schwachen Momenten“. Was meinen Sie damit?

Naja, Männer sind ja eindeutig schwächer. Deswegen müssen die ja auch immer so wahnsinnig stark tun. Die haben ja keine Ahnung von Schmerzen, denn die bluten nicht jeden Monat. Deswegen müssen sie ja Kriege führen. Das ist ja von mir eine ganz harte Theorie…

… die Sie auch immer wieder gern in Interviews vertreten…

Klar! Warum soll ich verschiedene Meinungen haben?! Aber ich finde es auch aus praktischen Gründen sehr angenehm, Männer zu spielen. Die Maskenzeiten sind wesentlich kürzer, der Zwang zur Schönheit ergibt sich überhaupt nicht. Das ist großartig, weil ich das absolut lästig finde. Und es ist fremdes Terrain. Als Frau lebe ich jetzt seit 55 Jahren. Die wenigen Stunden, die ich gastweise als Mann verbringen darf, koste ich dann natürlich aus.

Warum ist es eigentlich komischer, wenn Männer Frauen spielen als andersrum?

Männer sehen einfach bescheuerter aus, wenn sie ihre Segelbeine in Strumpfhosen stecken, weil sie ja nicht diese weichen, damenhaften Formen haben.

Was muss eine Rolle haben, damit Sie sagen: Ja, darauf habe ich Lust?

Sie muss auf jeden Fall immer ein kleines Geheimnis haben. Ich muss auf eine bestimmte Art auch über sie lächeln können. Sie muss mir ans Herz gehen, selbst wenn sie große Abgründe hat. Ich habe zum Beispiel dreimal eine Mörderin gespielt. Die mochte ich sehr – obwohl sie kleine Jungs ins Tiefkühlfach packt.

Was mögen Sie an einer solchen Figur?

Die Abgründe natürlich. Da muss man sich ja nichts vormachen. Dieser Beruf hat ja stets was Infantiles. Man darf Sachen machen, die man sich im normalen Leben nicht leisten darf.

Mir ist aufgefallen, dass Sie oft Komödien spielen. Warum? Weil die so viel Lebenslust vermitteln?

Ich finde, Lachen hat etwas außerordentlich Befreiendes. Ich lache selber sehr gerne und ich habe es sehr gern, wenn man über mich lacht. Ich finde es ein schönes Gefühl, Leute zum Lachen zu bringen.

Sie sind jetzt 55. Macht das Leben mehr Spaß, je älter man wird? Schließlich sind die Kinder dann aus dem Haus, die Karriere ist gelegt, man hat Sicherheit.

Mehr Spaß würde ich nicht sagen. Es macht anders Spaß. Ich fand mein Leben immer aufregend. Im Alter regen einen bestimmte Sachen nicht mehr auf. Der Ehrgeiz ist ein ganz anderer. Wenn man Glück hat, und das habe ich, ist man mit sich selbst im Reinen.

Woraus speist sich dann noch der Ehrgeiz?

Ich muss ja Kohle verdienen! Ich hab' ja größtenteils immer Sachen gemacht, wo man nicht so viel Geld gekriegt hat.

Ich dachte, Frau Thalbach werden so viele Türen geöffnet…

(schüttelt vehement den Kopf) Das ist ein großer Irrtum. Ich habe größtenteils Theater gemacht, und die meisten Filme waren nicht gerade überfinanziert.

Aber Sie haben sich dann offenbar gegen das große Geld entschieden und für die Sache.

Das ist ja auch mehr wert. Dass man mit dem, was man gerne tut, auch noch Geld verdient, empfinde ich als Luxus. Deshalb liebe ich meine Arbeit bis heute und kann mir auch vorstellen, bis ich sterbe, zu arbeiten.

Das würde jetzt unseren Arbeitsminister sehr freuen. Sie sind in einer Schauspieler-Familie groß geworden, standen schon mit fünf Jahren auf der Bühne. War das mehr Lust oder Last, wenn man dann selbst Schauspielerin wird?

Mein Vater und meine Mutter waren beide sehr populär. Das hat sicherlich auch auf eine gewisse Art Druck gemacht. Und in meinen Anfangszeiten gab es durchaus Situationen, wo man sagte: ‚Na ja, ist ja klar. Die ist ja privilegiert.’ Aber da muss man durch.

Sie sind dann 1976 aus der DDR weggegangen mit ihrem damaligen Lebensgefährten. War das auch eine Art Befreiungsschlag von der Familie?

Nein, nein. Meine Mutter ist sehr früh gestorben. Mit meinem Vater habe ich nie gelebt. Das können Sie gleich mal knicken. Mit Familie kommen Sie bei mir nicht weit. Ich bin nicht freiwillig gegangen. Wir sind sozusagen rausgeschmissen worden. Meinen Mann hätten sie in den Knast gesteckt, wenn wir nicht gegangen wären. Ich musste mich dann langsam an den Westen gewöhnen. Am Anfang fand ich es ganz furchtbar.

Was war so furchtbar hier?

Es war für mich eine fremde Welt, die ich nicht begriffen habe. Dass wirklich Geld regiert. Dass Sachen verschieden kosten. Dass man so viel bezahlen muss, damit man ein Dach überm Kopf hat. Aber das Leben in Berlin habe ich dann schnell geliebt. Mittlerweile bin ich ja auch viel länger im Westen als im Osten. Ich hab’s mal kurzzeitig im Ostteil, in Mitte, probiert und bin sofort wieder in mein geliebtes Charlottenburg geflüchtet.

Berlin ist mit seinen mehr als 50 Bühnen und drei Opernhäusern ein Schlaraffenland für Kulturliebhaber: Das ist ja auch eine Entwicklung, die aus der Teilung resultiert…

… wir hatten viel mehr in den Zwanzigerjahren. Schlagen Sie mal Zeitungen aus der Zeit auf. Dagegen sind wir jetzt ein Scheißdreck.

Was meinen Sie, wie es sich weiterentwickeln wird?

Ich wünschte, wir hätten viel mehr. Aber ich fürchte, dass das schwierig ist. Wir werden sehen. Wenn das Fernsehen verboten werden würde, müssten sich die Leute wieder Live-Sachen anschauen. Das fände ich sehr gut! Aber zu uns ins Theater kommen auch ganz viele junge Leute. Das steuere ich jedoch nicht. Ich versuch’, Theater zu machen, wie es mir gefällt. Und ich merke, dass es meiner Enkeltochter auch sehr gefällt. Also kann es ja nicht so ganz falsch sein.

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler ()


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Zuletzt aktualisiert: 23.08.2010 · Fotos: Edith Held