
Alles im Griff: Tischfußballerin Petra "Lilly" Andres.
Foto: www.florianvonploetz.de
Am Tisch mit Lilly": So trainiert die Weltmeisterin. Sehen Sie unser Video.

Jubel über den WM-Finaleinzug im Damen-Doppel: Die 25-Jährige "Lilly" ist Weltranglisten-Zehnte.

Finale, wir kommen!
Kickern für alle
Hier trifft sich die Berliner Tischfußball-Szene:
• www.tfvb.de: Internetauftritt des mehr als 300 Mitglieder starken Berliner-Tischfußballverbandes (TFVB)
• www.fooserama.de: Forum mit Live-Mitschnitten von Ligaspielen, Spielergebnissen und weiteren Informationen rund um den Berliner-Tischfußball.
• www.dannys-kickerparadies.de: Leistungszentrum des Berliner Tischfußballverbandes, Stromstraße 11-17 (Moabit), Tel. 0172/369 12 15.
• www.kickerkult.de: Allerhand Zubehör für alle Belange rund um den Tischkicker, Meinekestr. 22 (Charlottenburg), Tel. 81 30 40 25.
• www.kickersport.de: Ein Geschäft, ganz im Zeichen des Tischfußballs, Pohlstr. 26 (Mitte).
• www.kicker-trikot.de: Wie der Name schon sagt - hier gibt es Trikots für Tischfußball-Figuren.
• www.kicker-spielen.net: In dieser Kicker-Community lassen sich Spielpartner finden und über den Sport philosophieren.

"Lilly" Andres gibt der Berliner Tischfußball-Szene ein junges Gesicht.

Die Soccer-Monkeys sind Berlins einzige Erstligisten im Tischfußball.
Keine Kneipe ohne Kicker – doch der wahre Tischfußballer kommt ohne Rauch und Alkohol aus: Petra „Lilly“ Andres ist Profi an den Griffen – und spielt auf Weltklasse-Niveau.
Bevor Petra „Lilly” Andres (25) den ersten Ball spielt, umwickelt sie die vier Metallstangen des Tischkickers mit Gummi-Griffbändern. „Das ist wichtig, immerhin kommt man beim Tischfußball ins Schwitzen”, betont die junge Berlinerin. Sie muss es wissen: Sie ist Weltranglisten-Zehnte.
Die Bälle erreichen bis zu 40 Stundenkilometer
„Tischfußball“ sagt sie, nicht etwa „Kicker“ – das betonen Profis wie Lilly gebetsmühlenartig. Wenn sie mit ihren Trainingspartnern spielt, erreichen die kleinen Bälle auf den Spieltischen schon mal Geschwindigkeiten von bis zu 40 Stundenkilometern.
Denn Berlins einzige Nationalspielerin spielt den Ball flink durch die eigenen Reihen, bringt ihn durch einen millimetergenauen Pass ins gegnerische Feld, zuckt kurz mit der linken Schulter, ein lauter, dumpfer, metalliger Knall folgt. Tor für Lilly.
Raus aus dem Raucher-Kneipen-Image
Wenn 20 solcher Profi-Tischfußballer gleichzeitig mit den Metallstangen klackern und auf gegnerische Tore zielen, ist die Geräuschkulisse beachtlich. So wie mehrmals wöchentlich in Dannys Kickerparadies.
Der mit Neonlicht durchflutete Raum ist frei von Rauchschwaden und Bier getränkter Luft, hier stehen weder Aschenbecher noch Bierflaschen rund um die Tischkicker. Der Wirt besitzt nicht einmal eine Schanklizenz. Schließlich ist das kleine Clubhaus nicht weniger als das Landesleistungszentrum des Berliner Tischfußball-Verbandes, unscheinbar gelegen in einem Industriegebiet in Moabit.
Tischfußball boomt als Vereinssport
Bei Danny geht es ernsthaft zur Sache, keine Spur von Kneipensport. Tischfußball hat sich in Berlin inzwischen zu einer organisierten Sportart gemausert. Einen gehörigen Anteil daran hat Sven Nickel (29), der im Doppel bei der Deutschen Meisterschaft im vergangenen Jahr Vierter geworden ist.
Der Systemtechniker gründete 2005 die Berliner Tischfußball-Liga. Mitte 2006 starteten zwölf Teams, 2008 waren es schon vier Ligen mit mehr als 300 gemeldeten Spielern. Jetzt boomt der Sport in Berlin. Auch in der restlichen Bundesrepublik gibt es bereits acht Landesverbände.
Eine Frau gegen bärtige Kerle
Tischfußball ist und bleibt jedoch eine Männerdomäne. Eher ungewöhnlich, dass jemand Zierliches mit Lippenstift und filigranen Fingern inmitten stattlicher bärtiger Kerle mitmischt – sogar sehr erfolgreich mitmischt: Im Oktober 2008 gewann Lilly Andres das Damen-Einzel und einen Monat später wurde sie Dritte bei den Deutschen Meisterschaften. Im Januar dieses Jahres gelang ihr der größte Coup: Sie gewann in Nantes den Weltmeistertitel mit der Damen-Mannschaft und den Vize-Titel im Doppel.
Eine erstaunliche Karriere. Denn mit dem Kickern konnte sie noch vor ein paar Jahren wenig anfangen. „Mein Vater hat einen Tischkicker angeschleppt, als ich ein Kind war. Einen Tag lang hatte ich Spaß daran, danach habe ich ihn nicht mehr angerührt”, erinnert sich Lilly.
Der Moment der Initialzündung
Viele Jahre später war die gebürtige Heidesheimerin mit Freunden in einem Mainzer Jugendzentrum. Es fehlte ein vierter Mitspieler, und nur dank der Überredungskünste ihrer Freunde ist Lilly eingesprungen. Aber dieser Moment war die Initialzündung ihrer Tischfußball-Laufbahn.
Kurz danach zog sie nach Berlin, fing eine Ausbildung als Maskenbildnerin an, brach sie wieder ab und ging in dieser Zeit viel in Kneipen, um beim Tischfußball Leute kennenzulernen. „Vor zwei Jahren traf ich jemanden, der in einem Berliner Team und deutschlandweit bei Turnieren mitspielt”, sagt Lilly.
Berlinerin an der Weltspitze
Erneut wurde sie überredet, diesmal um einen Schritt weiterzugehen: Sie trat den „Soccer Monkeys“ – Berlins einzigem Erstligisten – bei und fuhr mit zu den Turnieren. Bei der vierten Teilnahme wurde sie gleich Dritte, nur ein paar Tage danach erhielt sie eine E-Mail vom Bundestrainer. Seither ist Lilly Nationalspielerin: „Bevor ich die Mail bekam, wusste ich nicht einmal, dass es eine Nationalmannschaft gibt.“
Mittlerweile gehört sie zur Weltspitze, könnte aber ohne die finanzielle Unterstützung ihres Vaters nicht vom Tischfußball leben. Selbst bei einer Weltmeisterschaft gibt es keine Preisgelder abzusahnen. „An einem Turnier-Wochenende zahle ich rund 450 Euro für Hin- und Rückfahrt, Startgeld und Unterkunft“, zählt Lilly auf.
Auftritt sogar bei Stefan Raab
Daher hat sie in den vergangenen Jahren manch skurrilen Nebenjob gehabt – Telefonumfragen gemacht, den SMS-Chat eines Privatsenders überwacht oder in einer Druckerei die Ablage mit zigtausend Ordnern erledigt. „Solche Jobs mache ich kaum mehr, mittlerweile werde ich für Firmenevents oder Messen gebucht“, sagt Lilly. Erst neulich ist sie bei Stefan Raab aufgetreten.
Sie gilt als junges Gesicht einer als "Kneipendisziplin" abgestempelten Sportart. Denn das Gros der Aktiven tummelt sich in Bars. Alleine in Berlin gibt es mehr als 100 Spielorte. Von Zeit zu Zeit finden Turniere für Jedermann statt, die in Internetforen angekündigt werden. Professionell organisiert ist Tischfußball hierzulande bereits seit 1969 durch einen nationalen Verband.
Gebührende Plattform für den Sport
Nunmehr erhält der rasante Sport eine gebührende Plattform: Die WM in Nantes wurde von Eurosport 2 im TV übertragen. Die Welt hat also zugeschaut, als Lilly nach jedem erzielten Treffer frenetisch jubelte und lauthals fluchte, wenn sie ein Tor kassierte. „Diese Achterbahnfahrt der Emotionen, der schnelle Wechsel von Erfolg und Misserfolg – genau das ist die Faszination am Tischfußball”, schwärmt Lilly.
Was nach der jetzigen Karriere folgt, weiß sie nicht. „Ich werde spielen, solange ich Lust habe. Die körperlichen Ansprüche sind für alle zu bewältigen – für jung und alt, für dick und dünn, für Mann und Frau”, sagt sie, erzielt ein weiteres Tor beim Trainingsspiel und bittet den nächsten Gegner zu Tisch.
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Autor:
André Tucic
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010