Stadt & Szene

Die Miet-mich-Männer

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Gentleman zum Mieten: Roland Waizenegger von "Be my dancer".

Männer, die gegen ihren Willen auf die Tanzfläche gezerrt werden; Frauen, die sich einsam im Takt der Musik wiegen – diese Bilder gehören in Berlin der Vergangenheit an. Hier kann sich frau einfach einen Tänzer mieten. Auch Party-Veranstalter setzen immer öfter auf die Tänzer vom Dienst. Die erwehren sich des Gigolo-Verdachts und versprechen höchste Seriosität.

Mit Frack, weißer Fliege zum weißen Hemd und blitzblank geputzten Lackschuhen steht Roland Waizenegger am Rand der Tanzfläche. Locker plaudert er mit einem ebenso festlich gekleideten Herrn – doch sein aufmerksamer Blick gilt den Damen.

Eintänzer als Mittel gegen den Männermangel

Speziell denen, die ein wenig unruhig an ihren Tischen sitzen. Und jenen, die bereits aufgestanden sind und sich im Takt der Musik hin und her wiegen. Eine dieser Damen wird er nun zum Tanzen auffordern. Denn Roland Waizenegger ist Eintänzer.

Be my dancer


Wie Sie die professionellen

Tanzpartner mieten


• Be my Dancer , Tel. 69 20 51 59
www.be-my-dancer.de

Jeden Montag von 18 bis 20 Uhr ist das Agentur-Team persönlich unter dieser Nummer erreichbar. Ansonsten gilt: Wer aufs Band spricht, bekommt binnen 24 Stunden einen Rückruf.

Ein Miettänzer bzw. eine Miettänzerin kostet pro Stunde 35 Euro, für 3 Stunden sind 92 Euro zu berappen. Die Summe wird erst nach dem Tanzabend fällig – wenn die Leistungen des Miet-Tänzers die Kundschaft überzeugt haben.

Wer sich nicht sofort bei einem großen Ball mit dem per Internet ausgewählten Begleiter aufs Parkett wagen will, kann den Miettänzer bei der ErstkundInnenaktion testen – mittwochs im Ballhaus „Walzerlinksgestrickt“ (20 bis 21 Uhr Disco Fox Open Classes, 21 bis 23.30 Uhr Tanzabend).

20 Euro kostet der Spaß pro Stunde, zwei Stunden Mietdauer sind das Minimum. Wer’s preisgünstiger haben möchte, kann sich beim „flotten Parkettdreier“ einen Tänzer teilen – mit einer Freundin oder auch einem Freund, ganz wie’s beliebt.

Ihn und zwei weitere Tänzer hat Veranstalterin Inga Jacob an diesem Abend für ihre „Bohème Sauvage“-Party, die rauschende Ballnacht im Stil der Zwanziger Jahre, gebucht. Swing ist angesagt. Für Waizenegger kein Problem. Seit mehr als zehn Jahren ist er leidenschaftlicher Tänzer – und gehört damit in Berlin eher zu einer seltenen Spezies.

Ausgleich zum trockenen Job

„Vielleicht liegt’s am Beruf“, begründet er seine Leidenschaft für Standard- und Lateintänze. Waizenegger ist Controller. „Ein eher trockener Job“, meint er selbst. Das Tanzen sei dazu ein perfekter Ausgleich.

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Auf der Bohème-Sauvage-Party ist sein Service heiß begehrt.

Immer wieder baten ihn Tanzschulen, in denen er Foxtrott, Tango oder Cha Cha Cha gelernt hatte, ob er nicht noch einen weiteren Kurs belegen wolle. Kostenlos, versteht sich. „Ich habe häufig den Springer gespielt“, erzählt er, „einfach, weil ständig Tänzer gefehlt haben.“

Ein Abendessen nach dem Tanz ist nicht drin

Der stets erneut beklagte Männermangel brachte ihn auf die Idee, die alte Tradition des Eintänzers aus den Zwanzigerjahren wieder aufleben zu lassen. Ohne diese Herren war damals kein Ball denkbar. Im Sommer 2008 ging seine Agentur „Be my dancer“ an den Start. Nahezu ein Dutzend Tänzer kann frau inzwischen bei ihm buchen. Charmante Herren mit gepflegtem Äußeren, Stil und Etikette. Darauf legt Ronald Waizenegger besonderen Wert. Ebenso wie auf die nötige Distanz.

Deswegen akzeptiert er es auch nicht, wenn Damen seine Tänzer im Anschluss an einen nett miteinander verbrachten Tanzabend zum Essen einladen möchten. „Wir sind keine Begleitagentur“, unterstreicht der 40-Jährige unmissverständlich. „Wenn nur der leiseste Verdacht aufkäme, dass meine Tänzer Gigolos wären, könnte ich einpacken.“

Teurer Griff ins Portmonee

Das kommt in der tanzbegeisterten Damenwelt gut an. Bei Ulrike Ham beispielsweise. Vor Jahren, als sie noch intensiv tanzte, verabredete sie sich regelmäßig mit Partnern aus ihren Tanzkursen. Doch der Beruf forderte seinen Tribut, die alten Kontakte brachen ab. Also mietete sie sich kürzlich einen Tänzer.

Mann für alle Bälle


Vornehmlich Damen etwas reiferen Alters wenden sich an

Reimar Clausnitzer


„Der Mann für alle Bälle“ , Tel. 49 76 90 66, Handy: 0170 / 554 55 81
www.t-raumtaenzer.de

Als „Mann für alle Bälle“ bietet auch Reimar Clausnitzer seine Dienste auf dem Berliner Tanzparkett an. Wer den begeisterten Hobby-Tänzer buchen möchte, muss für vier Stunden 150 Euro berappen. Vornehmlich zählen Damen etwas reiferen Alters zu den Kundinnen des 61-Jährigen. Beim Bundespresseball oder bei ADAC-Bällen hat der gebürtige Chemnitzer als Miettänzer bereits eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt.

„Es war schön, endlich mal wieder mit jemandem zu tanzen, der einfach gut tanzt“, schwärmt sie. Auch wenn sie dafür ins Portmonee greifen musste. 35 Euro pro Stunde werden bei „Be my Dancer“ fällig. Selbst auf jemanden zugehen und ihn bitten, mit ihr zu tanzen? Nein, das kommt für Ulrike Ham nicht in Frage. Da gebe es doch eine feste Rollenverteilung. Der Mann fordert auf – und der eigene habe meist noch weniger Zeit zum Tanzen als sie.

Auch Tänzerinnen lassen sich mieten

Eifersucht? Sie schüttelt den Kopf. Das sei für ihren Mann kein Thema. Außerdem hätte sie auch kein Problem damit, wenn er sich mal eine Tänzerin buchen würde, was übrigens bei „Be my Dancer“ inzwischen auch möglich ist.

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Kein Wunder: Sorgt er doch für Schwung auf dem Parkett.

Ganz so offensiv hat sich ihre Tischnachbarin dann doch nicht an das Thema herangewagt. „Ich hab‘ meiner Freundin zum Geburtstag einen Tänzer gemietet“, gesteht die 45-jährige Physiotherapeutin. Die habe zwar zunächst etwas irritiert reagiert. „Aber dann sind wir zusammen zum Termin gegangen und hatten einen ganz tollen Tanzabend.“

Bei vielen Männern haperts mit dem Führungspotenzial

Dabei komme es ihr gar nicht darauf an, dass der Tänzer besondere Figuren tanzen könne. „Wichtig ist die Haltung und, dass er führen kann.“ Genau daran hapert es aber bei vielen Herren der Schöpfung. Sie haben irgendwann mal während der Schulzeit einen Tanzkurs besucht und das war’s. „Jetzt haben sie eben Angst, sich zu blamieren“, sagt Ronald Waizenegger und zeigt durchaus Verständnis für die Hemmungen seiner Geschlechtsgenossen.

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Auch Tänzerinnen lassen sich über die Agentur mieten.

Schon manches Mal seien auf Bällen Männer auf ihn zugekommen und hätten ihn gebeten, ob er nicht mal ihre Frau auffordern könne. Weil die Frau natürlich nichts merken soll von der bestellten Aufforderung, behandelt Gentleman Waizenegger den Wunsch der Ehemänner ganz diskret. „Männer sind eben das Führungspersonal, auf denen lastet ein unheimlicher Leistungsdruck“, sagt der Tanzprofi. Und ein wenig narzisstisch müsse man als Tänzer wahrscheinlich auch sein, sinniert er. Da brauche man schon ein Stück weit echte Freude, sich gern zu präsentieren.

Ständiger Partnerinnenwechsel – das schult

Daran mangelt es Arne Kapteina nicht, ebenfalls Eintänzer im Team. Schon früher, bei Familienfeiern, habe er gerne getanzt, erzählt der Mann mit dem Spitzbart und dem sympathischen Lächeln. Und das, obwohl er doch in seiner Jugend nie in der Tanzschule war. Das hat er allerdings später, als gestandener Mann, nachgeholt. Seine große Leidenschaft: der Tango Argentino.

Vielleicht falle es ihm deswegen so leicht, sich als Eintänzer auf immer neue Tanzpartnerinnen einzustellen, meint der begeisterte Tänzer, der sich am dezenten silbernen Schildchen am Revers als Mitarbeiter von „Be my Dancer“ zu erkennen gibt. „Dabei wird ständig die Partnerin gewechselt – das schult.“ Sagt’s und stürzt sich mit der nächsten Dame ins Getümmel auf dem Parkett.

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Lust auf Tanz und Party? Lesen Sie auch unseren Beitrag "Ganz schön verrucht" über die Partyreihe "Bohème Sauvage".


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010