Stadt & Szene

Forever young!?

Bild vergrößernScan10001

Jugend in Trümmern – das hieß für Bernd Feuerhelm im Berlin der Fünfzigerjahre Razzien, Schlägereien, Randale.

Bild vergrößernScan10002

Den Sinn fürs Modische hat sich der Rock 'n' Roller bewahrt. Das Unsinnmachen ebenfalls.

Bild vergrößernScan10005

Der will nur spielen: Bob Schneider mit 17. Früher reizten ihn Fabrikhallen – heute Showbühnen.

Bild vergrößernSascha Lobo

Früher hing Sascha Lobo als Hip-Hopper ab – mit 33 hat er zum Punk gefunden.

Rebellen, Halbstarke, Aussteiger, angepasste Brave – Was bleibt übrig von Jugendkulturen? Wie prägen sie Menschen noch jenseits der 30? Vier Berliner, vier Biografien: Vom Rock ’n’ Roller zum Rentner, vom New Waver zum Comedy-Star, von der Aussteigerin zur Archivarin und vom Hip-Hopper zum Punk, der den Irokesenschnitt gern mit Anzug kombiniert. BerlinerAkzente zeigt, wie sie jung geblieben sind.

Bernd Feuerhelm, 65, Rock ’n’ Roller:
"Ich tanz' auch mit 65 noch aus der Reihe"

Das hier ist eine echte Lederjacke aus den 50ern. Der Kenner fühlt es sofort: Die hat viel härteres Leder. Sehen Sie mal, wie die sitzt. Fast wie eine zweite Haut.

Ich bin in Kreuzberg groß geworden, hab' mich mit 15 schon auf Rummelplätzen herumgetrieben. Die gab’s damals in jedem Stadtteil auf freigelegten Trümmergrundstücken.

Meine Mutter hat mich immer vom Polizeirevier abholen müssen. Razzien, Schlägereien, Randale. Ich hab' mich oft geprügelt. Das macht für mich bis heute den Rock ’n’ Roll aus: sich nichts gefallen lassen, aufbegehren! Bei Elvis-Presley-Filmen wurden in Kreuzberg stets die Kinosäle zertrümmert.

Die Medien tauften uns „die Halbstarken“. Dabei wollten wir nur nicht so sein wie unsere Väter. Die hatten uns ja schließlich ein Deutschland in Trümmern hinterlassen. Ich bin schon immer aus der Reihe getanzt. Das prägt mich bis heute.

Die Tolle hab' ich mir mit Seife gemacht. Die kam ins nasse Haar und wurde dann hart. Wir sind immer seitlich zum Wind gegangen, damit die Tolle nicht zerstört wird. Das Naive hab' ich mir in Form einer Gutgläubigkeit im positiven Sinne bewahrt: Egal was kommt – irgendwie geht’s schon weiter.

Heute als Rentner erschreckt es mich, wenn ich Leute in meinem Alter sehe. Wie konservativ manche sind! Da lebt schon gar nix mehr. Ich pflege mein Anderssein. Ich geh' heute noch gerne tanzen und komme dann meistens erst um vier Uhr morgens nach Hause.

Aus der Rock-’n’-Roll-Zeit habe ich gelernt: Wichtig ist, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht immer mit anderen zu vergleichen.

Bob Schneider, 44, New Waver
"Das Spielerische habe ich mir bewahrt"

Ich habe alte Fabrikruinen geliebt. Dieses Marode hat mich gereizt. Das Gleisdreieck in Schöneberg war in den 80ern quasi mein Abenteuerspielplatz. Da haben wir Super-8-Filme gedreht, angelehnt an die TV-Serie „Raumschiff Orion“. Ein Eierbecher an der Strippe war unser Raumschiff.

Wir haben sehr im Moment gelebt. Unser Motto: „no future“. Die Frage, wo wir in zehn Jahren stehen, gab’s für uns nicht. Da leben die heutigen Jugendlichen viel zielgerichteter.

Doch ich bin ein Kind der 80er: Zum Ehrgeiz muss ich mich zwingen. Das Autodidaktische, das „einfach Machen“ ist mir geblieben. Ich war Filmvorführer, Germanistikstudent – und nun steh’ ich halt als Comedian und Schauspieler auf der Bühne.

Zum Ausprobieren gehörte schon immer ein gewisser Mut zur Geschmacklosigkeit bei den Klamotten. Die Haarfarbe wechselte wöchentlich: von Blond über Neonrosa bis Grün. Ich hab' noch nie in eine Schublade gepasst, damals Disco genauso wie Punk gehört, Badelatschen mit 50er-Jahre-Mode kombiniert.

Als Bühnenfigur Jutta Hartmann kann ich weiterhin frech sein, Grenzen überschreiten und mir so das Spielerische von damals bewahren. Im Herzen bin ich daher wohl ein New Waver geblieben. Mit dem Alter kommt eine wunderbare Gelassenheit dazu: nicht alles so schwer nehmen. Das Leben muss etwas Spielerisches behalten. Sonst macht es doch keinen Spaß.

Sascha Lobo, 33, Punk-affin
"Gleich sein kann ich noch, wenn ich tot bin"

Interessant, wie manche Leute auf meinen Irokesenschnitt reagieren. Kinder lachen mich oft aus: „Guck mal, Mami, der Mann mit der komischen Frisur.“ Erwachsene sagen manchmal: „Ist Fasching noch nicht vorbei?“ Doch die Mehrheit reagiert positiv.

Ich habe nichts dagegen, für einen Punk gehalten zu werden – obwohl ich als Jugendlicher Hip-Hopper war, im bürgerlichen Wilmersdorf aufgewachsen bin und mir den „Iro“ erst vor sechs Jahren wachsen ließ.

Mir gefällt dieses Kantige, dieses Selbstironische und dieses „Ich mach', was ich will“.
Die Punks haben das Verkrustete in der Bundesrepublik aufgebrochen, das die 68er übrig gelassen haben. Dieses „Ey, das kann ich auch“ ist mir sympathisch und spiegelt sich in meinem neuesten Buch wider.

Heute bin ich Schriftsteller, Journalist, Blogger und Werbetexter in einem. Ich mische, was ich gut finde: trage zum Iro einen Anzug, höre Elektropunk und hab' immer noch dieses urbane Lebensgefühl des Hip-Hops in mir. Ich bin quasi so eine Art Jugendsubkultur-Bastard.

Mut zur Veränderung kann und sollte man auch jenseits der 30 noch haben. Damit meine ich nicht, sich so gezwungen zu verändern wie Madonna. Aber jeder kann sich ständig fragen: Ist das, was ich tue, auch wirklich das, was ich will?

Ob ich den Iro noch in fünf Jahren trage, wer weiß? Aber eines weiß ich ganz genau: Gleich sein kann ich noch, wenn ich tot bin.

Antje Pfeffer, 44, Blueser/Hippie
"Die Sehnsucht nach Freiheit prägt mich bis heute"

Mit 13 hab ich einen Film über Woodstock gesehen. Wie friedlich die dort der Musik gelauscht haben. Da hab ich mich geärgert: Warum war ich so spät geboren?!

Ich bin dann mit 16 selbst in die Blueser-Szene der 80er gekommen. Wir sind zu Konzerten getrampt, reisten nach Prag und Budapest oder hingen in Parks ab und haben eine Flasche Rotwein rumgehen lassen.

Doch mein Herz schlug für die amerikanische Hippie-Szene. Diese Sehnsucht nach Individualität und Freiheit prägt mich bis heute. Mit 29 habe ich mein Leben umgeschmissen, gab meinen Posten als Bibliotheksleiterin auf und begann in Berlin ein Amerikanistikstudium.

Heute bin ich fast jedes Jahr einmal in den USA. Dieses Friedliche, dieses Gemeinschaftsgefühl und diese Begeisterung für die Musik sind noch immer ganz stark in mir. Wie schade, dass die Hippies heute nur mit Esoterik, Sektentum und Öko-Bewegung verbunden werden. Viele vergessen, dass sie eine Gegenkultur bildeten und ganz für ihre Musik lebten.

Früher habe ich viele Klamotten aus Bettlaken oder Nachthemden genäht. Auch heute kaufe ich selten von der Stange. Was alle tragen, finde ich langweilig.

Die Blueser-Hippies lassen mich nach wie vor nicht los. Im Archiv der Jugendkulturen e. V. arbeite ich als Bibliothekarin. Und meine Freundinnen haben sich neulich gerade über mich amüsiert: Ich schau immer noch gern Männern mit langen Haaren hinterher.

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler ()


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010