Stadt & Szene

Keine Furcht vor Schubladen

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Verpeilt und kriminell: Oliver Korittke (links) mag solche Rollentypen. Fotos/Rechte: PROVOBIS, Anngret Plehn, Christoph Assmann

Film-Facts:
Das Morphus-Geheimnis


Beethoven, Ganoven und mittendrin Nicki (gespielt von Jonas Hämmerle). Der zehnjährige, schüchterne Junge tritt mit seinem Vater gemeinsam eine Reise an. Zufällig im Gepäck hat er verzauberte Beethoven-Noten. Auf dem Fersen ist ihm zudem ein Gaunerpaar (Oliver Korittke und Arndt Schwering-Sohnrey), das die Morphus-Noten in seinen Besitz bringen will.

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Mit seinem jungen Filmpartner Jonas Hämmerle verstand er sich blendend.

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Jonas spielt im Film von Bully Herbig den Wicki.

Kaum ein Schauspieler gewinnt so sehr in der Rolle des charmanten Verlierers oder Kriminellen wie Oliver Korittke. Warum ihn diese Rollen reizen, er 1.200 Paar Schuhe besitzt – und auch in seinem Film „Das Morphus-Geheimnis“ wieder kriminell wird.

Zum Interview trägt Oliver Korittke schwarz karierte Turnschuhe mit hellblauem Nike-Logo. Das ist deshalb so erwähnenswert, weil Korittke (40) nicht bloß die üblichen fünf Paar Sneakers im Schuhregal stehen hat. Er besitzt ein ganzes Zimmer voller Turnschuhe. 1200 Paare. Er hat in Turnschuhen geheiratet, trägt sie zum Bundesfilmball mit schwarzem Anzug und würde sich sogar in Turnschuhen beerdigen lassen, sagt er.

Ein Extra-Zimmer für seine Turnschuhe

250 Paar zieht Korittke für die Straße an, die anderen stehen ungetragen in einem Extra-Zimmer. Nike Dunks, Air Jordans, Adidas Top Ten, schlichte, mega-bunte, verschnörkelte – da hat er keine Präferenz. Manche kosten bis zu 800 Dollar.

Woher kommt diese Sammelleidenschaft, die sich bei Comics und Actionfiguren fortsetzt? „Ich hatte früher als Junge nie ein eigenes Zimmer“, sagt er und verweist auf seine Schwester, mit der er in Steglitz groß geworden ist. Und dann habe es da diesen Moment gegeben – Korittke nennt ihn „Trauma“ –, als all sein Spielzeug aus den Schubladen plötzlich weg war, weil der Bruder seines besten Freundes es verhökert hatte.

Vorliebe für Loser, die am Abgrund vorbei trotten

Auch beruflich fürchtet sich Korittke nicht vor Schubladen. Oft spielt er Halbkriminelle oder Verlierertypen, die das Leben nicht so ganz auf die Reihe kriegen. Im Porträt eines großen Online-Kinoportals steht über ihn, er habe sich als Verlierertyp bestens im deutschen Kino etabliert. Es seien stets charmante Loser, die nicht ganz von dieser Welt scheinen und immer haarscharf am Abgrund vorbei trotten.

Bei solchen Sätzen ballt Korittke keineswegs die Faust. „Ich sehe das als Kompliment.“ Diese Verlierer-Figuren würden realistischen Menschen viel eher entsprechen als diese „glatten Typen“ wie Doktor Brinkmann ohne Ecken und Kanten, die es zuhauf im Fernsehen gibt. „Warum soll ich einen Menschen spielen, der unnahbar ist?“

Interview-Marathon für "Das Morphus-Geheimnis"

Unnahbar wirkt auch der Mensch Korittke nicht. Obwohl es bereits sein fünftes Interview an diesem Tag ist. Gesprächsmarathon für seinen Film „Das Morphus-Geheimnis“. Auch hierin spielt er wieder einen Kriminellen. Der tritt gegen einen kleinen Jungen an, um sich die Noten von Beethoven zu ergaunern. Lässig gekleidet kommt er daher. Eine Schiebermütze mit Comiczeichnungen auf dem Kopf, Pulli und Jeans. Er könnte ein Jedermann in Prenzlauer Berg sein, wo der Filmverleih zum Interview geladen hat.

Korittke ist kleiner als erwartet, zurückhaltender als gedacht und bodenständiger als von manch anderem Schauspieler in seiner Liga gewohnt. Die ‚hippen’ Stadtteile Prenzlauer Berg oder Friedrichshain mag er sich einen Nachmittag angucken, doch dann kehrt er wieder nach Steglitz zurück, wo er aufgewachsen ist. „Da ist alles noch normaler und mehr auf dem Boden.“ Er sei doch selbst ein normaler Mensch, der schlicht das Glück hatte, durch seinen Beruf in der Öffentlichkeit zu stehen.

Ein schwerer Autounfall und seine Folgen

Mit vier wurde er in der Steglitzer Kneipe seiner Großeltern von einer Casting-Agentin entdeckt. Mit sechs Jahren trat er in der Sesamstraße auf. Mit zehn schwang er sich aufs Fahrrad, wurde von einem betrunkenen Baggerfahrer übersehen, schwer verletzt und lag lange im Krankenhaus. Danach wurde er Schauspieler, ging mit 16 Jahren von der Schule ab, nahm Privatunterricht.

Der große Durchbruch kam 1997 an der Seite von Jürgen Tarrach in „Die Musterknaben“. Auffällig häufig spielt Korittke Komödien und viele Nebenrollen. Doch in den vergangenen Jahren hat er gezeigt, dass er mehr drauf hat als die Rolle des Verlierers: Er spielt Anwälte, Kneipenbesitzer oder im neuen Spike-Lee-Film einen deutschen Soldaten, spricht Hörbücher („Karlsson vom Dach“) oder legt als DJ Elektro-Musik auf.

Mit 40 noch auf den Rollen durch den Untergrund

Dass er im Herzen noch ein Junge geblieben ist, glaubt man ihm sofort, wenn man im Internet sein Myspace-Profil gesehen hat oder sich das Internetvideo anschaut, in dem er auf dem Skateboard im Fußgänger-Tunnel an Passanten und jungen Skatern vorbeisaust. „Die kleinen Jungs beölen sich sicherlich, was ich heutzutage so unter Tricks und Skateboardfahren verstehe“, sagt er.

40 Jahre ist er gerade geworden. Ein Alter, in dem viele noch mal eine Kurskorrektur vornehmen. Nicht so Korittke: „Wenn es nur angehend so weitergeht, wie es die letzten 20 Jahre war, kann ich mir eigentlich nichts anderes vorstellen.“

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler


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