Stadt & Szene

Auf 28 Pfoten durch Berlin

Das Video:
Alaska-Feeling im Tiergarten


Erleben Sie Daniel Hurst und seine Huskys hautnah - in unserem Film.

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Am Potsdamer Platz starten die Sightseeing-Touren der besonderen Art.

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Wohlverdiente Pause: Jede Tour dauert ein bis zwei Stunden.

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Schlittenhunde können das Siebenfache ihres Körpergewichtes ziehen.

Wolfstouren


Wer eine Tour mit Daniel Hurst und seinen „Wölfen“ buchen möchte, kontaktiere den Musher unter 0171/94 20 659. Pro Erwachsenem und pro Stunde kosten die Rundfahrten (mit und ohne Schnee) 25 Euro.

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Los geht's: Seinen Hunden mache der Großstadtlärm nichts aus, sagt Daniel Hurst.

Die Sitzposition ist ungewöhnlich, nur 30 Zentimeter über dem Erdboden. Die Position des Fahrzeuglenkers ebenfalls: Er steht – und das auch noch hinter dem Fahrgast. Am ungewöhnlichsten aber ist der Antrieb: 28 Beine mit dichtem Fell. Die am Potsdamer Platz startenden Schlittenhunde-Touren sind deutschlandweit einmalig.

Kaya jault, Jaboo schüttelt sich den Schlaf aus dem Fell, Inuk hebt noch einmal das Bein. Schon sind die sieben Schlittenhunde startklar. Mit einem leichten Ruck setzt sich der Rollwagen in Bewegung. „Paco, links. Links, Paco“, dirigiert Daniel Hurst (39) den Leithund in Richtung Brandenburger Tor. Paco ändert die Richtung, wie befohlen. Die sechs Vierbeiner in seinem Schlepptau folgen. Das Gespann nimmt Fahrt auf. Passanten bleiben staunend stehen.

Mit dem Hunde-Gespann bis zum Hotel

Daniel Hurst bringen die überraschten Blicke nicht aus der Ruhe. Seit drei Jahren startet der Wahl-Brandenburger vom Potsdamer Platz aus mit seinen „Wölfen“ zu Berliner Sightseeing-Touren der besonderen Art.

Am liebsten fährt er durch den Tiergarten und zeigt seinen Fahrgästen Sehenswürdigkeiten wie die Siegessäule oder das Kanzleramt. „Wenn ein Tourist aber in sein Hotel am Zoo gebracht werden will, dann fahre ich ihn auch da hin“, sagt Hurst. Seinen Hunden mache der Großstadtlärm nichts aus.

Kaninchen voraus – da gehen die Hunde richtig ab

Dennoch führt er Paco, Tani, Nayad und Co. am liebsten durchs Grüne – zumal sie dann im Neuen See stets eine Runde schwimmen dürfen. Für Hursts Tiere ist das Wellness pur, und die Fahrgäste schütteln beim Zuschauen endgültig den letzten Rest vom Sightseeing-Stress ab.

Abends können die Touren durch den Tiergarten auch mal zum echten Abenteuer werden. „Wenn die Kaninchen unterwegs sind, gehen die Hunde richtig ab“, lacht Hurst. Das sei dann Achterbahn-Feeling pur – wenn’s gewünscht wird. Dank der drei Bremsen am Rollwagen kann der Fahrer sein Hunde-Taxi aber in null Komma nichts zum Stehen bringen. Länger als zwei Meter sei der Bremsweg nicht, sagt Hurst, der stets darauf achtet, wer da hinter seinen Hunden Platz genommen hat.

Laufstark und zugkräftig

Mit Senioren fahre er eher nur zehn Stundenkilometer schnell. Die laufstarken Tiere könnten aber auch locker 40 Sachen schaffen, ohne sich dabei groß anzustrengen. „Das sind aktive Hunde, die müssen gefordert werden.“

Und auch wer meine, dass das Ziehen des Gespanns für die Tiere Quälerei sein könnte, sei auf dem Holzweg: „Schlittenhunde können das Siebenfache ihres Körpergewichtes ziehen.“ Was sie in Hursts Gespann aber niemals müssen: Mehr als zwei Erwachsene und ein Kind haben auf seinem Wagen eh nicht Platz.

Fell wie eine Thermosflasche

Ein bis zwei Stunden dauern die Touren. Während Hurst seine Hunde im Sommer nur morgens und abends hinter den Rollwagen spannt, sind sie in den drei übrigen Jahreszeiten ganztägig startklar. „Das Fell ist wie eine Thermosflasche“, erklärt er. „Was vor Kälte schützt, schützt auch vor Wärme.“ Allerdings nur bis zu Temperaturen um 25 Grad. Dann steigt die Körpertemperatur der Tiere, und Hurst spannt sie nicht mehr an.

20 bis 30 Kilometer können die Hunde im Sommer zurücklegen, im Winter schaffen sie gut und gerne 150 Kilometer. Wenn es schneit, tauscht Hurst seinen selbstgebauten Rollwagen einfach gegen einen Schlitten ein. Schließlich sind seine Schützlinge ja eigentlich Schlittenhunde.

Mit dem Schlitten nach Alaska

Wer sich einmal ansatzweise so fühlen möchte wie bei einer Schlittenfahrt am Polarkreis, sollte bei Hurst eine Tour durch den Naturpark Barnim buchen. Warm anziehen heißt es dabei jedoch. Denn eine solche Tour kann auch einen ganzen Tag dauern.

Mit seinen Hunden bis nach Alaska fahren, „von Berlin aus nach Sibirien und von da über die Beringstraße“ – das ist Daniel Hursts großer Traum. Bis in den Ural hat er es schon einmal geschafft. Von der Expedition durch Russland hat er auch eine Hündin mitgebracht für seine Zucht.

Wetterfeste Hunde als treue Begleiter

Elf Schlittenhunde nennt er sein Eigen. „Ich bin mit Hunden groß geworden“, erzählt der Mann mit dem grauen wuscheligen Haar, gekleidet in Trekking-Klamotten und robusten hohen Schuhen. Er sei Outdoor-Freak, ein Wandervogel, beschreibt Hurst sich selbst.

Und für seine Wanderungen habe er einen treuen Begleiter gesucht – einen „wetterfesten Hund“. Seine Wahl fiel auf einen Sibirian Husky, den schnellsten unter den Schlittenhunden. Nach und nach kamen immer mehr Huskys und Malamuten hinzu. Sieben waren es geworden, als der gelernte Krankenpfleger Hurst seinen Job verlor, weil sein Arbeitgeber pleite machte.

Therapie-Einsatz im Pflegeheim

Das Arbeitslosengeld reichte nicht, um die hungrigen Schnauzen zu füttern. Sich von seinen Tieren trennen? Das hätte Daniel Hurst nicht gekonnt. So ist er vor drei Jahren auf die Hunde-Touren gekommen, machte sich als „Musher“, wie die Gespannlenker in Fachkreisen heißen, selbstständig.

Darüber hinaus ist der Dogworker auch in Pflege- und Seniorenheimen anzutreffen: Drei seiner Tiere werden für Therapiezwecke eingesetzt, haben dafür eigens eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer abgelegt.

Absolut gesellschaftsfähig – auch in der S-Bahn

Aber auch die anderen Hunde wissen sich perfekt zu benehmen, schließlich ist das die Grundvoraussetzung für Hursts Geschäft. „Sie sind sehr defensiv“, sagt der Musher. Selbst als ein Pferdegespann den Weg kreuzt, folgen sie brav den Befehlen ihres Herrchens.

„Und sie sind absolut gesellschaftsfähig“, fügt er hinzu. Man glaubt es ihm gern: Sonst wäre es wohl kaum möglich, dass er nach getaner Arbeit samt seiner Hundemeute mit der S-Bahn zurück ins heimische Zepernick fährt.

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010