
Keine Weihnachtsfans, aber begeistert von Krippenfiguren: Tetta (links) und Lo von Malediva.
Malediva - das sind:
• Lo Malinke (Gesang, Texte)
• Tetta Müller (Gesang, Kostüme)
• Florian Ludewig (Klavier).
Seit 1997 treten die drei als Chanson- und Kabarett-Trio auf. Für ihre Shows, in denen es vorzugsweise um zwischenmenschliche Beziehungen, das Leben in der Provinz und das Verhältnis untereinander geht, erhielten sie die wichtigste deutsche Auszeichnung für Kabarett und Chanson: den Deutschen Kleinkunstpreis 2006.
Malinke und Müller, beide aufgewachsen in Kassel, haben 2001 nach zwölfjähriger Verlobungszeit geheiratet und leben in Prenzlauer Berg.

Konsumstress ist dem Künstlerpaar fremd: Sie haben alle Weihnachtsgeschenke in einer Stunde beisammen.

"Wir lieben Lebkuchen", sagt Tetta – auch schon im August.
Fotos: Barbara Dietl
Für alle, die Weihnachten gerne behaglich und duftend, aber weniger harmoniesüchtig und rührselig erleben wollen, bereiten Malediva auch in diesem Jahr wieder eine romantische Feier nach Art des Hauses. In der Bar jeder Vernunft präsentieren sie ihr "Weihnachtsspecial" mit modernen Chansons, und zwar vom 22. bis 26. Dezember 2010, www.bar-jeder-vernunft.de, Karten: 883 15 82.
Sie haben die wichtigste deutsche Kabarettauszeichnung erhalten und sitzen seit nunmehr elf Jahren auf der Bühne: Malediva. Mit BerlinerAkzente sprechen Lo Malinke (40) und Tetta Müller (40) über Männer, die kein Deo benutzen, wie man in einer Stunde alle Weihnachtsgeschenke zusammen hat und warum sie nicht anders können, als selbst zu hohen Festen böse zu sein.
Ab zu den Malediven bedeutet: Privatwohnung in Prenzlauer Berg, geräumiger Altbau und Beagle-Hündin Berta, die die Besucher schwanzwedelnd begrüßt. Malediva haben seit Vormittag Plätzchen gebacken. Doch die Vorweihnachts-Idylle erweist sich schnell als heiße Luft…
BerlinerAkzente: Kurt Tucholsky hat mal gesagt: „Die meisten Leute feiern Weihnachten, weil die meisten Leute Weihnachten feiern.“ Warum feiert ihr es nicht nur, sondern bietet seit 2005 ein alljährliches Weihnachtsspecial?
Tetta: Das war nicht unsere Idee, sondern die der Bar jeder Vernunft. Wir gehören nicht zu den Weihnachtsfans.
Lo: Sprich, hier bitte nur für dich. Nur für dich…
Warum habt ihr euch dann darauf eingelassen?
Tetta: Es war der Reiz, etwas zu machen, was man nicht von sich aus tun würde.
Lo: Weihnachten in meiner Familie war immer die Hölle! Ganz furchtbar. Niemand hatte wirklich Freude dran, vier, fünf Tage aufeinander zu hocken. Aber was ich an Weihnachten liebe, ist die Folklore. Wir haben immer einen Baum in unserer Wohnung, der 3,40 Meter hoch ist. Aber wir ziehen immer das Religiöse ab, weil wir beide überhaupt nicht gläubig sind.
Weihnachten bei den Malediven: Wie müssen wir uns das vorstellen? Lametta, Adventskranz und gemeinsames Trällern oder Punsch-Besäufnis, Lebkuchen-Völlerei und Rangeleien, wer den Baum schmücken darf?
Lo: Weihnachten bei uns ist unglaublich stylisch. Wir verwandeln diese ganze Folklore in was unglaublich Elegantes. Wir haben nur echte Edeltanne hier stehen. Aus Tradition gehen wir Heiligabend um 18 Uhr bei einem Freund Essen. Um 21 Uhr haben wir dann immer unsere Vorstellung.
Tetta: Aber die Vorstellung am Heiligabend ist anders. Alle, die kommen, sind so froh, zuhause weg zu sein! Dadurch ist die Stimmung immer ganz phantastisch. Es wird stets sehr, sehr spät (lacht).
Das hohe Fest ist auch das Fest hoher Erwartungen. Da will man alles hineinstopfen, was man an Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit während des ganzen Jahres versäumt hat. Wie geht ihr mit diesem Erwartungsdruck um?
Tetta: Den hab ich schon vor langer Zeit über Bord geworfen. Wenn die Erwartungen hoch sind, ist auch die Enttäuschung groß. Im Programm sprechen wir das ja humorvoll an. Wie es abgeht in Familien, wie man sich streitet. Dann macht es Spaß, wenn man drüber lachen kann.
Also werdet ihr jetzt nicht lieb, nur weil der Weihnachtsbaum hinter euch steht.
Tetta: Nein, das geht nicht.
Lo: Wir repräsentieren ja immer die dunkle Seite: zerbrochene Familien, die in Hass verbunden bleiben. Wir haben geschrieben und plötzlich festgestellt: nur Anti-Weihnachtslieder, nur Anti-Geschichten. Mittlerweile gibt es sogar ein Anti-Weihnachtsgedicht, das furchtbar endet, weil die beiden sich zerstreiten. Wir können nicht anders.
Kommen wir mal weg von Weihnachten: In euren letzten Programmen habt ihr euch völlig ungeschminkt gezeigt. Warum?
Tetta: Wir wussten gar nicht mehr, warum wir das mit dem Schminken machen. Das Programm hat sich verändert. Lo und Tetta wurden bodenständiger, scheinbar privater und alltäglicher. Und dann brauchten wir das nicht mehr. Außerdem: Mit 25 Schminke im Gesicht zu haben, ist noch ganz nett. Aber irgendwann geht’s nicht mehr.
Spielt ihr noch weiter mit dem Thema Androgynität?
Tetta: Ne, das ist ganz verloren gegangen jetzt.
Jetzt bröckelt mein zweiter Interviewteil weg… Hat es auch damit zu tun, dass Männer heutzutage weiblicher sein dürfen?
Tetta: Doch, ich glaube ja. In der Gesellschaft gibt es nicht mehr die Schwierigkeiten wie in den Achtzigern. Ich erinnere mich, dass die Männer kein Deo benutzt haben.
Lo: Ich finde diese Metrosexualität verstörend. Das bedeutet nämlich nicht, dass diese Männer eine größere Toleranz gegenüber tuntigen Männern haben. Die hauen mir trotzdem sofort eins aufs Maul. Aber was komisch ist: Ohne Schminke provozieren wir die Zuschauer mehr als früher. Früher haben die gedacht: ‚Wir sind zwei Wesen vom anderen Stern’ – jetzt ist es so, wenn wir in Bocholt vor 400 Leuten aus dem Abo sitzen: Da merkst du richtig, wie die 'ne Viertelstunde brauchen, um zu kapieren, dass da zwei Schwule sitzen.
Schminkt ihr euch auch privat gelegentlich? Mal ehrlich, wie viele Geschenke unterm Weihnachtsbaum kommen aus der Kosmetikabteilung?
Tetta: Du kannst gerne ins Bad schauen. Von uns hat jeder nur ein Parfüm. Wahrscheinlich hat’s mit dem Beruf zu tun. Wenn man das immer auf der Bühne machen muss, hat man privat keine Lust mehr dazu.
Die ersten Lebkuchen gab es schon im August! Habt ihr da zugegriffen, oder findet ihr das genauso furchtbar wie ich?
Tetta: Moralisch gesehen ist das natürlich grauenvoll (lacht). Aber als sie bei uns im August im Supermarkt lagen, haben wir sofort welche gekauft. Wir lieben Lebkuchen!
Und wie geht ihr sonst mit dem Konsumstress um, der mit Weihnachten einhergeht? In überfüllten Geschäften Weihnachtskäufe machen zu müssen, verursacht ja eher Santa Claustrophobie?
Tetta: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was die Leute da machen. Ich kaufe für jeden ein Geschenk, überleg mir das vorher und dann hab ich alles in einer Stunde.
Du hast in einer Stunde alle deine Weihnachtsgeschenke?!
Lo: Ja, das schafft man in einer Dreiviertelstunde. Man geht die Straße einmal rauf und runter.
Zum Schluss: Ein paar Tipps von den Profis – wie übersteht man Weihnachten am besten?
Lo: Alkohol, kein Zwang – und Freunde. Man sollte alles raus nehmen, was zu viel Druck bedeutet. Wir hatten mal ein ganz tolles Fest, da musste jeder statt einem Geschenk ein Gedicht mitbringen. Das war wundervoll, als jeder sein Gedicht vorlas. Da sind alle sentimental geworden. Der Besinnlichkeit des Festes entrinnt man nie, aber jeder muss für sich bestimmen, was Weihnachten ausmacht. Man darf sich nirgendwo reindrücken lassen.
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Autor:
Jörg Oberwittler
(Website)
Zuletzt aktualisiert: 29.11.2010