Anna Maria Mühe: "Ich würde mein Kind nie verlassen"
Anna Maria Mühe: "Der Film ,Novemberkind' ist so etwas wie mein Baby. Er bedeutet mir ganz viel."
"Novemberkind" - der Film
In „Novemberkind“ wirft Regisseur Christian Schwochow einen Blick zurück in die DDR und erzählt die Geschichte der 20-jährigen Anne, die sich in einen jungen Deserteur verliebt. Für ihre Liebe flüchten die beiden in den Westen und lassen dabei sogar Annes sechs Monate alte Tochter Inga zurück. 25 Jahre später macht sich Inga auf die Suche nach ihrer Mutter. Anna Maria Mühe spielt beide Frauen, Mutter Anne und Tochter Inga.
"Novemberkind" erzählt die Geschichte der 20-jährigen Anne.
"Ich liebe es, Steuererklärungen zu machen", sagt die 23-Jährige.
Zur Person: Anna Maria Mühe
Mit ihren 23 Jahren hat Anna Maria Mühe bereits zahlreiche Preise gesammelt. Für "Novemberkind" bekam die Berlinerin den Nachwuchsdarstellerpreis beim Filmkunstfest in Schwerin. 2007 erhielt sie den "Undine Award" als beste jugendliche Darstellerin in einem Fernsehfilm und 2006 die Goldene Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Außerdem wurde sie für ihre Rollen in "Was nützt die Liebe in Gedanken" (2004) und "Große Mädchen weinen nicht" (2003) ausgezeichnet.
Mit 15 entdeckt
Die Tochter der Schauspieler Jenny Gröllmann (1947-2006) und Ulrich Mühe (1953-2007) wurde 2001 von der Regisseurin Maria von Heland entdeckt. Ihre erste Rolle spielte sie in dem Film "Große Mädchen weinen nicht". Seitdem war sie u.a. in "Schwesterherz" und "Wir sagen Du, Schatz!" sowie in TV-Filmen wie "Delphinsommer", "Sieh zu, dass Du Land gewinnst", "Meine böse Freundin" und "Der Kriminalist - Gefallene Engel" zu sehen.
"Preise sind nicht das Wichtigste. Ich mache keine Filme, weil ich weiß, die Rolle könnte preiswürdig sein", sagt die Berlinerin.
Sie kommt rein – und das Café strahlt. 1,60 Meter Frohsinn und gute Laune. Kann dieses Gesicht, können diese Augen wohl auch missgelaunt ausschauen? Anna Maria Mühe wählt den Stuhl und nicht die gepolsterte Bank und bestellt den frisch gepressten Orangensaft. Sie war gerade ein paar Tage in Island, wo ihr Sponsor Volkswagen der Presse den neuen Golf vorstellte. Und sie hatte sogar einen Tag Sonne in Island – welch ein Glückskind. In „Novemberkind“ von Christian Schwochow (siehe gelber Kasten) spielt die Berlinerin ihre erste Doppelrolle – „eine große Herausforderung“, sagt die 23-Jährige im Interview mit BerlinerAkzente. Der Film sei so etwas wie ihr Baby: „Er bedeutet mir ganz viel.“
Wie fühlt sich das an, gleichzeitig seine eigene Mutter zu sein?
Das war meine bisher größte Herausforderung als Schauspielerin. Teilweise habe ich ja dreimal am Tag zwischen Mutter und Tochter gewechselt. Das hat nur funktioniert, weil ich die Rollen von Anfang an als zwei Drehbücher gesehen und getrennt voneinander vorbereitet habe. So konnte ich die Figuren einzeln kennen lernen und dann später zusammen bringen. Ich bin ein extremer Bauchmensch, und das war für beide Rollen wichtig. Nur mit dem Kopf an etwas heranzugehen, das würde mich sehr einengen. Trotzdem war es schwierig, einen Faden zwischen den ganz verschiedenen Charakteren zu spannen. Man muss ja die Mutter zumindest irgendwie verstehen können.
Anne lässt ihre Tochter zurück – für die Liebe zu dem Deserteur Juri.
Genau, aber ich wollte sie nicht als Rabenmutter hinstellen. Ich habe sie damals sogar extrem verteidigt. Jetzt als Anna denke ich natürlich, ich würde mein Kind nie zurück lassen, egal für welchen Mann. Trotzdem muss ich beim Drehen dahinter stehen, egal welche Rolle welchen Weg geht.
Und am Abend gerät im Kopf alles durcheinander?
Zum Glück nicht. Was dabei sehr geholfen hat, war das Kostüm. Die Rolle der Mutter spielt ja in den Achtziger-Jahren. Da hatte ich ganz andere Haare, diese typischen Wellen aus den Achtzigern. Und ich hatte als Mutter auch einen Leberfleck. Das sind Kleinigkeiten, die helfen. Dann sitze ich in der Maske, sehe die Verwandlung, und denke so, ah ja, okay, jetzt Inga weg und Anne her.
Inga geht nach 25 Jahren auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Würdest Du Dich selbst auf eine solche Identitätssuche einlassen?
(zögert) Ich glaube schon. Wenn ich nicht wüsste, wo ich herkomme, das würde mich verrückt machen. Da würde ich mit Sicherheit auch anfangen zu wühlen.
Du warst vier, als die Mauer gefallen ist. Ist es Dir schwer gefallen, Dich für „Novemberkind“ in das Lebensgefühl der DDR hinein zu versetzen?
Nein, denn Christian Schwochow, der aus der DDR kommt, hat einfach die Gabe, das gut erzählen zu können. Und da habe ich einfach nur die Ohren gespitzt und zugehört. Er sagt, dass jetzt viele aus seiner Generation langsam anfangen, sich zu fragen, was damals eigentlich alles passiert ist. Und was sie da eigentlich alles verloren haben. Es gibt einfach noch viele Heimatlose aus der Zeit.
Hast Du den Film vor der Premiere gesehen?
Nein, beim Festival in Saarbrücken war es das erste Mal. So ist es mir auch am liebsten. Denn mit Publikum ist das unglaublich spannend. Wie die reagieren, und weil ich ja selber nicht weiß, was da auf mich zukommt. Das ist ein unglaublicher Kick, man ist total nervös, bis dann das Licht angeht und sich alle nach einem umdrehen.
Der Film hat Dir gleich noch einen weiteren Preis eingebracht.
(strahlt) Ja, drei sogar, zwei Publikumspreise und für mich den Nachwuchsdarstellerpreis beim Filmkunstfest in Schwerin. Schön! (lacht)
Wie wichtig sind Dir Preise?
Ach, Preise sind sehr vergänglich. In dem Moment sind sie etwas ganz Schönes und eine unglaubliche Anerkennung, aber man darf sich nicht darauf ausruhen, sondern muss weitermachen. Preise sind nicht das Wichtigste. Ich mache keine Filme, weil ich weiß, die Rolle könnte preiswürdig sein.
Drei Filme kommen im November raus. Bist du ein Workaholic?
Vielleicht manchmal. Ich liebe es zu arbeiten. Diesmal hat sich aber auch einfach alles gefügt. Es kam eins nach dem anderen, immer mit einer Woche Pause. Das war schön.
Dann musstest Du eigentlich noch nie lange auf Aufträge warten?
Doch natürlich. Vor ein paar Jahren, im Winter, da kam ein halbes Jahr lang einfach nichts, und da habe ich mich auch in den Club gestellt und als Barkeeperin gejobbt. Weil mich dieses Warten kirre gemacht hat.
Gerade im Winter – das ist depressionsverdächtig.
Nein, ich bin kein depressiver Typ. Ich bin schon ein positiver Mensch. Ich hatte nur das Gefühl, ich muss was machen, und kann nicht jeden Tag zuhause sitzen und warten, dass die Agentur anruft. Und als ich mich dann im Club eingelebt hatte, kam auch prompt das nächste Angebot.
Du hast gerade mit Til Schweiger gedreht: “1 ½ Ritter – Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde“. Wer hat da wen angesprochen?
Til hat persönlich angefragt und mir eine Gastrolle angeboten. Die drei Szenen waren sehr lustig. Wir kamen einfach gut miteinander klar.
Du bist also nicht auf die ernsten Rollen festgelegt?
Nein, gar nicht, ich würde gerne etwas "Leichtes" machen, gerne auch mal eine Liebeskomödie. Aber es muss etwas sein, hinter dem ich stehen kann. Es gibt schon viel Schrott.
Dafür hat Dich Julie Delpy für ihren Film „The Countess“ besetzt. Arbeitest Du an Deinem internationalen Durchbruch?
Es ist natürlich eine Ehre, mit dieser Frau zu drehen, denn sie ist großartig und hat eine tolle Ausstrahlung. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, internationale Filme wären kein Ziel für mich. Aber nicht unter allen Umständen – ich fühle mich hier ganz wohl in Deutschland. Außerdem sind auch internationale Projekte nicht per se gut.
Bei all der Arbeit: Wie entspannst Du?
Viele Freunde treffen. Denn in den Drehphasen sieht man ja niemanden. Es gibt auch nur ein, zwei Leute, mit denen ich in der Zeit telefoniere, weil ich mich da wirklich komplett in die Drehzeit reinfallen lasse. Anschließend genieße ich dann einfach die Freiheit. Aber man muss ja auch so viel machen, wenn man weg war, so viel Büroquatsch, Post und Rechnungen. Obwohl ich diese Arbeit liebe. Ich liebe auch, Steuererklärungen zu machen. Das ist großartig.
Passt das zum Bauchmenschen?
Nein. (lacht) In solchen Phasen wird der Bauchmensch verkopft.
Sehen wir Dich bald im Theater?
Oh, gerne. Ich würde gerne mal Theater spielen. Und das muss auch gar keine Hauptrolle sein. Am liebsten erst einmal was Kleines, etwas im Hintergrund.
Was hindert Dich?
Die Angebote. Und auch zeitlich ist es schwierig, denn während eines Gastspiels kann ich nicht drehen. Doch beim richtigen Angebot würde ich das trotzdem sofort machen. Ich glaube, dass es sehr spannend ist, mit dem Publikum zu arbeiten, denn anders als beim Film bekommst Du eine direkte Reaktion.
Du hast einen Wunsch frei. Was wünschst Du Dir?
(überlegt) Dass man wieder überall rauchen darf. (lacht laut)