Stadt & Szene

Titel 20er 692

Bild vergrößern20er 1

Vor Partybeginn: mit Federboa perfekt gestylt für den Abend.

Die Partys


Die Bohème-Sauvage-Partys von Else Edelstahl finden regelmäßig statt: www.boheme-sauvage.de

Bild vergrößern20er 2

Einmal im 20er-Jahre-Kleid die Blicke auf sich ziehen.

Das Outfit


Und hier gibt’s Kleidsames und Anzügliches:

Charming Styles
Maßschneiderei und Verkauf von Second-Hand-Textilien und -Accessoires, Andrea Kiersch, Erich-Weinert-Straße 3 (Prenzlauer Berg), Tel. 91 20 88 28, www.charmingstyles.de

Mimi
Verkauf/Verleih von Textilien + Accessoires aus der Zeit von 1850 - 1950, Neuanfertigungen nach histor. Vorbildern, Goltzstraße 5 (Schöneberg), Tel. 23 63 84 38, www.mimi-berlin.de

Weitere Adressen:


Bonnie & Kleid
Verkauf und Verleih von 20er-Jahre-Outfits, Gneisenaustraße 9 (Kreuzberg), Tel. 69 50 96 84, www.bonnieundkleid.com

Adlershofer Requisiten- und Kostümfundus
Ernst-Augustin-Straße 7 (Adlershof), Tel. 67 04 42 22, www.fundus-berlin.de

Glencheck
Mode & Accessoires – von Gamaschen bis zu Damenhüten, Originale von 1920 bis 1950, Joachim-Friedrich-Straße 34 (Wilmersdorf), Tel. 8 91 21 99, www.glencheck-berlin.de

Calypso Shoestores
Rosenthaler Straße 23 (Mitte) und Oderberger Straße 61 (Prenzlauer Berg), www.calypsoshoes.com

Für die schmucke Wasserwelle sorgt:

Frisör Marianne Graff
Bremer Straße 71 (Moabit), Tel. 3 95 18 97, www.mariannegraff.de

Bild vergrößern20er 3

Verruchte Zeit: Ein Herr fällt über das Fräulein mit Bauchladen her.

Die Musik


Die passende Musik spielt hier:

Damentanzorchester Escapade
Petra Sauerwald, Tel. 8 21 88 42
www.escapade-berlin.de

Bild vergrößern20er 6

Auf Tuchfühlung auf der Tanzfläche.

Ausschweifende Feste, Paillettenkleider, Absinth und Zigarettenspitze – der Geist der Zwanzigerjahre weht wieder durch die Berliner Partylandschaft. Da mutet so manche Festivität wie der Tanz auf dem Vulkan mit Wasserwelle und Federboa an. Unsere Autorin Katrin Starke hat mitgeschwooft. Und für die stilechte Party musste natürlich erst einmal das passende Outfit her.

Jeans, T-Shirts und Turnschuhe sind strengstens verboten. So viel hat Inga Jacob (27) unmissverständlich vorher klargestellt. Als Else Edelstahl huldigt sie mit ihrer Partyreihe "Bohème Sauvage" der Zeit zwischen 1870 und 1940.

Ein gewagtes Kleid mit Spagettiträgern

Im Mittelpunkt stehen die "Roaring Twenties", die verrückten Jahre zwischen den Weltkriegen, die Jahre des Tanzes auf dem Vulkan. Für eine stilechte Party ist also erst einmal eine Einkaufstour angesagt: Ein gewagtes Kleid mit Spagettiträgern, Nahtstrümpfen und dicker Perlenkette muss her.

Da hilft nur ein Besuch bei "Charming Styles" in Prenzlauer Berg. "Aha, die nächste Party bei Else Edelstahl steht also ins Haus", weiß Andrea Kiersch sofort. Selbst eine Freundin von Zwanzigerjahre-Partys, machte sich die 39-Jährige vor sieben Jahren mit ihrer Maßschneiderei selbstständig.

Schnittmuster der Oma dienen als Basis

Die studierte Anglistin hat sich ihr Handwerk bei ihrer Oma, einer Schneidermeisterin, abgeschaut. Viele der von der Oma geerbten Schnittmuster dienen Andrea Kiersch heute noch als Basis für ihre Kreationen.

"Zur Zwanzigerjahre-Party darf’s schon extrem ausgefallen sein. Samt, Federn, Fransen – eben der ganz große Auftritt", hilft Andrea Kiersch einem unentschlossenen Pärchen. Die Wahl des Herrn fällt auf ein weißes Stehkragenhemd mit Klappmanschetten, Fliege, Weste und dazu schwarz-weiße Charleston-Schuhe.

Der Herr trägt Pomade, die Dame Wasserwelle

Die Haare werden mit reichlich Gel oder Pomade streng nach hinten gekämmt. Für die Dame hat Andrea Kiersch noch den ultimativen Tipp parat: "Die Wasserwelle zu ihrem Outfit bekommen Sie bei Marianne Graff in Moabit."

Am Partyabend übernimmt Else Edelstahl höchstpersönlich die Einlasskontrolle. Sie hat die blondierten Haare in Wellen gelegt, die Lippen blutrot geschminkt. Im Austausch gegen die zwölf Euro Eintritt reicht sie einen Aperitif und 30 Millionen Reichsmark über den Tresen.

30 Millionen für einen Aperitif und dann Pokern

"Ja, die Inflation schreitet voran. Für Champagner wird’s nicht reichen, aber mit etwas Glück für ein paar Runden Poker", meint ein Mann im Smoking lächelnd, lüpft seinen Zylinder und verschwindet in der Menschenmenge im Saal. Letzteren hat Inga Jacob festlich hergerichtet – die Wände mit parfümierten Stoffbahnen geschmückt und Schwarz-Weiß-Fotos der alten Stummfilm-Stars aufgehängt.

Damen in rückenfreien Kleidern und mit Federboas um den Hals stehen bei Herren in Nadelstreifenanzügen, flirten mit kokettem Augenaufschlag, als ein Dandy mit weißer Schlägerkappe und Knickerbockern durch den Raum schlendert. "Gestatten, Alexander von Stahl", stellt sich der Mann vor, der auf einem der Barhocker Platz genommen hat.

Ein Kriegsveteran auf "Bagger-Tour"

Er trägt Militäruniform und eine Klappe über dem rechten Auge. "Ich bin Kriegsveteran, Sie verstehen", beginnt er das Gespräch. Später gesteht er, dass er die Uniform im Adlershofer Requisiten- und Kostümfundus ausgeliehen hat und mit seiner "holden" Begleiterin zum ersten Mal zur "Bohème Sauvage" gekommen ist.

Dafür beherrscht er die Spielregeln schon perfekt: Mit seinem Kostüm ist er auch in seine Rolle geschlüpft, parliert gewandt über Politik und die Lage der Weltwirtschaft – nicht der heutigen, sondern über die Situation zu Zeiten der Weimarer Republik.

Dandys und Gigolos lauern auf Herzensdamen

Mit derlei ernsten Themen geben sich die Dandys und Gigolos längst nicht mehr ab. Sie warten auf den Beginn der Tanzstunde, um ihrer Herzensdame auf dem Parkett imponieren zu können. Charleston, Swing, Tango – die wichtigsten Schritte werden den Gästen erklärt. Die Musik dazu kommt vom (digitalen) Band – anders als im Pankower Café Garbaty, wo DJ Grammophon einmal im Monat noch Schellackplatten auflegt. Mit weißen Handschuhen, damit die Scheiben keine Kratzer bekommen.

Wer das ausschließen möchte, setzt auf Livemusik. Beispielsweise auf das Damentanzorchester Escapade, das seit 1999 den "Skandal im Harem" besingt oder bei musikalischen Perlen wie "In the Mood" die mondänen Zeiten erneut heraufbeschwört. "Die Zwanzigerjahre hatten musikalisch einfach mehr Gehalt", begründet Escapade-Mitglied Petra Sauerwald.

Die Größen der Unterwelt geben sich die Kugel

Die "Größen der Unterwelt" haben sich bei der "Bohème Sauvage" nach Mitternacht im Casino zu Poker, Black Jack und Roulette versammelt. An Möglichkeiten mangelt es nicht, das Reichsmark-Spielgeld auf den Kopf zu hauen. Es lebe also die Nacht. Wer weiß, was der nächste Morgen bringt – außer einem Kater vom Absinth.

Dabei hat die Tresenkraft ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der hochprozentige Wermut mit Sodawasser auf Trinkstärke gebracht werden sollte. Doch als die grün-bläulich schimmernde Flamme vom flambierten Zuckerwürfel zischend ins Glas tropft, hat so mancher Gast kein Ohr mehr für den Ratschlag, sondern kauft sich stattdessen noch ein Zigarillo bei dem Fräulein mit dem Bauchladen.

Von der WG-Party zur Salon-Sause

Mehr als fünf Jahre ist es her, dass die damalige Skandinavistikstudentin Inga Jacob zu ihren ersten Salons einlud – damals noch in ihr Friedrichshainer WG-Zimmer, das sie mit Art-déco-Spiegeln und -Stofftapeten stilecht ausstaffierte. Obwohl die Partytermine nur per Mundpropaganda weitergegeben wurden, platzte das Zimmer der Salonière bald aus allen Nähten.

Heute führt sie die Geschäfte der "Gesellschaft für mondäne Unterhaltung" und richtet monatlich die "Bohème Sauvage" aus. Dabei geht es ihr nicht darum, die wilden Zwanziger zu inszenieren, sondern sie in Vollendung zu zelebrieren.

Else will ins Ausland

So ist Bohème Sauvage für Inga Jacob auch keine Party, sondern "ein rauschendes Fest zu Ehren der Helden vergessener Nächte, an welche die Helden der heutigen erinnern". Und das übrigens künftig nicht mehr nur in Berlin. Auf jeden Fall wiederholen will Inga Jacob die Open-Air-Nacht auf dem Belvedere in Potsdam.

Das Experiment in diesem Sommer sei absolut gelungen – mit mehr als 450 Gästen. Außerdem will die Veranstalterin ihre Bohème Sauvage international etablieren: Zwanzigerjahre-Nächte in Athen und Thessaloniki sind schon fest geplant, und für nächstes Jahr hat sie St. Petersburg, Wien, Paris und New York ins Auge gefasst. "Aber das ist noch Zukunftsmusik."

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Lesen Sie mehr über den Laden "Charming Styles" für den großen Auftritt im Zwanzigerjahre-Outfit in unserem Artikel Die Palette der Pailette.

Sehen Sie auch den neuen V-Blog: "Ingmäään auf Steuerflucht, und Steffi startet eine Zeitreise" zu den Themen Zwanzigerjahre-Partys und Abgeltungsteuer.