Teenager bringen
Touris auf Touren

Zeigen die Hinterhöfe Berlins: Die jungen Stadtführer der "Wir sind Berlin gUG".
Ganz neue Touren:
"Wir sind Berlin gUG"
Schlesische Str. 19
10997 Berlin (Kreuzberg)
Tel. 69 56 40 01
www.wirsindberlin.eu

Eine zehnte Klasse aus Bielefeld folgt der Stadtführerin gebannt durchs unbekannte Berlin.
Direkt ins Kiezleben statt zu den gewöhnlichen Touri-Ecken: Mit den jungen Stadtführern von „Wir sind Berlin gUG“ kommt bestimmt kein Gähnen auf. Ob durchs multikulturelle Kreuzberg oder durch die Hinterhöfe am Hackeschen Markt – die jugendlichen Stadtführer nehmen Altersgenossen dorthin mit, wo sonst kein Tourist hinkommt: in ihren Kiez.
Grau sind die Fassaden im Innenhof des Haus Schwarzenberg, das sich nur zwei Häuser neben den touristisch so stark frequentierten Hackeschen Höfen befindet. „So wie hier haben in Ost-Berlin nach der Wende fast alle Häuser ausgesehen“, erzählt Stadtführerin Laura. „Heute ist das heruntergekommene Haus ein alternatives Kleinod, das den übrigen Schickimicki-Geschäften im Viertel hartnäckig die Stirn bietet.“
Zehntklässler hängen an den Lippen der Stadtführerin
Lauras Zuhörer sind Zehntklässler eines Bielefelder Gymnasiums. Aber kaum einer von ihnen verzieht – wie bei gängigen Stadtführungen oft üblich – vor Langeweile das Gesicht. Niemand quittiert Lauras Ausführungen mit einem Gähnen. Im Gegenteil: Die meisten der 15- bis 16-Jährigen hängen gespannt an ihren Lippen, ja stellen sogar Fragen zur Stadt-Geschichte.
Laura zeigt ihr Berlin
Die junge Tour-Leiterin sorgt dafür, dass die obligatorische Stadtführung vieler Schulklassen auf Berlin-Klassenfahrt nicht zwangsläufig zur Hängepartie und Pflichtveranstaltung wird. Auf Touren wie beispielsweise der Route „Mittendrin in Berlin“ entführen die Kiez-Experten ihre jugendlichen Besucher zumeist an Orte, die sonst im Schatten gängiger Sehenswürdigkeiten stehen würden.
Wenn normales Leben eine spannende Stadttour wird
Ziel dieser etwas anderen Stadt-Touren ist es, den Jugendlichen das normale und spannende Leben in den Berliner Stadtteilen zu zeigen. Dabei geht es dem Unternehmen "Wir sind Berlin gUG" aber nicht nur um die jungen Berlin-Besucher. Vielmehr stehen die jungen Kiez-Experten selbst im Vordergrund.
Das Projekt hatte man im März 2002 ins Leben gerufen, damals noch unter dem Namen "Ich bin ein Berliner" und vom FiPP e.V. umgesetzt. Dabei wurde aber bereits von Anfang an auf den Bildungseffekt gesetzt, den das Entwickeln von Stadtführungen für die beteiligten Jugendlichen mit sich bringt.
Jugendliche Stadtführer lernen sich zu präsentieren
Als Stadtführer trainieren die jungen Leute permanent ihre sprachlichen Fähigkeiten, lernen aber auch, sich vor Publikum zu präsentieren und darüber hinaus Informationen systematisch aufzubereiten. So sind dies doch wichtige Schlüsselqualifikationen, vor allem für das spätere Berufsleben.
Von den insgesamt zwölf Touren führen allein sechs durch Kreuzberg. Während sich „Kreuzberg bunt und widerspenstig“ der Hausbesetzer-Szene der siebziger und achtziger Jahre widmet, macht der Stadtspaziergang „Öko oder Ego“ zum Beispiel am Landwehrkanal in einem „Carloft-Gebäude“ Station, in dem die Bewohner ihre Autos via Aufzug quasi mit in ihre Wohnung nehmen können.
Persönliche Sichtweisen statt ödes Touri-Programm
In der multikulturellen Kiez-Tour „X-berg-Tag“ etwa bringen jugendliche Stadtführer ihre ganz persönliche Sichtweise vom Leben in ihrem Kiez zum Ausdruck. So nehmen sie die Besucher schon einmal mit ins türkische Männercafé oder führen sie in eine Moschee. Dagegen konzentriert sich die sogenannte „Mauertour“ auf das Schicksal der Menschen dies- und jenseits der Mauer während des eisernen Vorhangs.
Bis heute wurden Dutzende junger Stadtführer im Alter von 14 bis 23 Jahren ausgebildet. Weitere Jugendliche qualifizieren sich jährlich in einem Kursus, um das Team immer weiter zu verstärken. Die beliebten Stadtrouten werden mittlerweile bis zu 30 Mal im Monat gebucht – „zumeist von Schulklassen, aber vereinzelt auch von Fortbildungseinrichtungen oder politischen Institutionen“, weiß Geschäftsführerin Bettina Bluhm.
Und zum Schluss auf eine ganz besondere Tour
Nach einer Weile ist Laura mit ihren gut 25 Besuchern aus Bielefeld an der Strandbar Mitte gegenüber dem Bode-Museum angekommen. In einer kurzen Pause stärken sich die jungen Teilnehmer mit Orangina und Bionade, bevor es in Richtung Oranienburger Straße weitergeht. „Dann komme ich auch noch auf die berühmten Berliner Bordsteinschwalben zu sprechen“, verrät die Stadtführerin und schmunzelt bei den ratlosen Gesichtern. Sicherlich keine Station im normalen Touristenprogramm – aber ein unvergessliches Erlebnis bei einer Berlin-Tour.
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Autor:
Andreas Voigt
Lesen Sie auch unseren Beitrag "Working on the wild side of life" – über Henrik Tidefjärd, der Touristen mit seinen "Berlinagenten" die entlegenen Winkel der Hauptstadt zeigt.
Zuletzt aktualisiert: 14.04.2011