Womit Berliner ihr Geld verdienen
Von der Luftverkäuferin bis zum Tatortreiniger
Gestatten: Mein Arbeitsplatz!
Berufserkundung der skurrilen Art
Sie heilen die Wehwehchen von Pflanzen, bekommen Geld für den Theaterbesuch, machen Menschen braun oder wischen Blut auf: BerlinerAkzente stellt Menschen vor, die auf ungewöhnliche Art ihr Geld verdienen.
Warum Kunden für Luft bezahlen. Wie aus dem Loch in der Lieblingsjeans ein edler Flicken wird. Und warum manche Tierbesitzer ihre Vierbeiner mehr lieben als ihre Ehepartner – unsere Autoren Lydia Leipert und Andreas Voigt haben sich auf eine Berufserkundung der skurrilen Art begeben.
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Berufserkundung der skurrilen Art
Sie heilen die Wehwehchen von Pflanzen, bekommen Geld für den Theaterbesuch, machen Menschen braun oder wischen Blut auf: BerlinerAkzente stellt Menschen vor, die auf ungewöhnliche Art ihr Geld verdienen.
Warum Kunden für Luft bezahlen. Wie aus dem Loch in der Lieblingsjeans ein edler Flicken wird. Und warum manche Tierbesitzer ihre Vierbeiner mehr lieben als ihre Ehepartner – unsere Autoren Lydia Leipert und Andreas Voigt haben sich auf eine Berufserkundung der skurrilen Art begeben.
Der Pflanzendoktor
Der Pflanzendoktor
Er sieht aus wie ein richtiger Arzt. In weißer, wetterfester Arbeitskleidung kommt Jenne Packwitz, sobald es Probleme in den Gärten seiner Kunden gibt. Ausgerüstet mit Spezialwerkzeug, wie etwa einem „Photometer“ zur Nährstoffermittlung und einer nahezu kompletten Pflanzenapotheke, begibt sich Deutschlands erster mobiler Pflanzendoktor auf Ursachenforschung.
Meist stellt Packwitz, 35, typische Wehwehchen „wie zum Beispiel Mehltau auf der Azalee, vergilbte Blätter bei Rhododendronbüschen oder Spinnmilben auf Oleanderbüschen" fest. Das passende Mittelchen überreicht er seinen Kunden samt Anwendungsbeschreibung meist nur wenige Minuten später.
Allerdings sollte es, befindet der Pflanzenprofi, soweit eigentlich erst gar nicht kommen. Der Pflanzendoktor sieht seine „Mission“ folglich darin, Gartenbesitzern Tipps und Ratschläge an die Hand zu geben, „um Pflanzenkrankheiten von vorneherein vorzubeugen“. Denn anders als vor 150 Jahren, als bis in weite Teile der Berliner Bevölkerung ein enormes Gartenwissen vorhanden gewesen war, „schaden heute viele Gartenbesitzer ihren Pflanzen durch pure Unwissenheit selbst“, weiß Packwitz.
Der Pflanzendoktor gehört zum Pflanzencenter „Der Holländer“ am Olympiastadion. Dort kam man nach vielen Anfragen über Gartenpflanzen im vergangenen Sommer auf die Idee, einen mobilen Pflanzendoktor einzusetzen. Als langjähriger Mitarbeiter im Pflanzenschutz und gelernter Zierpflanzengärtner sowie studierter Geo-Ökologe bot sich Jenne Packwitz geradezu für den ungewöhnlichen Job an.
Seit Beginn seiner Arbeit im April dieses Jahres hat er zusammen mit seinen inzwischen zwei Kollegen schon mehr als 300 Kunden-Gärten auf „Herz und Nieren“ untersucht. Der Preis: 50 Euro pro Stunde.
Mehr Infos unter: www.berliner-pflanzendoktor.de/
Foto: Andreas Voigt
Die Kulturbegleiterin
Die Kulturbegleiterin
Mit ihren Kunden geht Bri Meyer-Campsen ins Theater, Konzert oder Kino. Oder die 55-Jährige leistet ihren vornehmlich älteren und demenzkranken Klienten beim Friseur-Besuch oder bei einer Tasse Kaffee im KaDeWe Gesellschaft.
„Viele ältere Menschen sehnen sich geradezu danach, wieder einmal das Haus zu verlassen, um in die Oper oder ins Kino zu gehen“, weiß die gebürtige Norddeutsche. Viele würden es aber auf Grund ihrer körperlichen Gebrechen und der meist nur bedingten Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen nicht wagen.
Meyer-Campsen will jedoch nicht nur für gute Gesellschaft sorgen und dafür, dass ihre betagten Kunden unversehrt von A nach B gelangen. Die Sozialpädagogin, die jahrelang als Berufsbetreuerin arbeitete, versteht sich vielmehr als eine Art Zofe. „Es geht darum, dem Kunden ein nicht alltägliches Erlebnis zu verschaffen, dass seinen kulturellen Vorlieben entspricht“, erklärt Meyer-Campsen.
Viel Wert legt sie deshalb auch auf ein elegantes und gepflegtes Auftreten. Denn ganz gleich, ob sie ihre Kunden ins Theater oder zur Maniküre begleitet: Die Handgelenke der Berlinerin mit den kurzen roten Haaren schmücken stets passend zur Kleidung farbige Tuchstulpen.
Ein dezent aufgetragenes Make-up und ein Seidenschal sind weitere Markenzeichen von Bri Meyer-Campsen. „Zu meinem Job gehört es eben nicht nur, individuelle, seniorengerechte Pläne zum Ausgehen zu entwickeln, sondern auch mit einem schönen Outfit dazu beizutragen, dass sich meine Kunden wohlfühlen“, sagt die Kulturbegleiterin, die für ihre Dienstleistung 25 Euro pro Stunde berechnet, Kunden mit schmaler Rente aber auch gerne entgegenkommt.
Interessierte können sich unter Tel. 42 08 12 98 anmelden.
Foto: Büro „Die Kulturbegleiterin“
Die Braun-Macherin
Die Braun-Macherin
Sie ist sehr hübsch, sehr schlank – und sehr braun. Perfekt für ihren Job, denn Sarah Müller macht Menschen braun. Fünf Spray-Kabinen versprechen dunkle Haut aus dem Automaten.
Müller selbst, geboren in Sri Lanka, hat das Mystic-Tan-Bräunungssystem zwar gar nicht nötig: „Ich hab’ das trotzdem zwei Mal probiert, damit ich es den Kunden besser erklären kann“, sagt die 22-Jährige.
Ganz einfach ist die Prozedur, „Tannen“ genannt, nicht: ausziehen, die Haare in ein Haarnetz und Hände und Füße mit einer Lotion eincremen, denn die nehmen sonst eine leicht gelbliche Farbe an. Erst dann geht’s los: In der Kabine werden die Gäste automatisch mit Selbstbräuner besprüht. Achtung: Wer sich nicht dreht, bleibt auf einer Seite ganz weiß.
Ist es nicht komisch, sich maschinell besprühen zu lassen? „Viele Kunden sind darüber eigentlich ziemlich froh. Denn manche haben sich schon von Menschen besprühen lassen“, sagt Sarah Müller. „Die meinten, sie wären sich wie in einer Autolackiererei vorgekommen, denn man wird ja überall, also auch im Intimbereich besprüht.“ Der große Vorteil von Mystic Tan sei, dass es ohne UV-Strahlen auskomme, erklärt Müller.
Mehr Infos: www.mystictan.de
Die Ankleiderin
Die Ankleiderin
„Kann man eine enge Korsage oder ein Rokoko-Kleid allein anziehen?“, fragt Maike Wiehle diejenigen, die sie verblüfft anschauen, wenn sie ihren Beruf nennt: Ankleiderin. Seit fast 20 Jahren kümmert sie sich im Deutschen Theater darum, dass die Schauspielerinnen richtig und vor allem pünktlich angezogen sind.
Dabei geht es manchmal um Sekunden. Während der Vorstellung stürzt die Schauspielerin in den kleinen Raum neben der Bühne, reißt sich ihr Kleid und ihre Perücke vom Leib – da hat Maike Wiehle ihr schon fast Jeans, Socken und Schuhe angezogen. Und Augenblicke später steht die Schauspielerin als komplett neue Figur wieder im Rampenlicht. Eine perfekte Choreographie, die beherrscht sein will.
Aber als Ankleiderin ist man nicht nur fürs An-, Um- und Ausziehen zuständig. „Ich muss mich genau so darum kümmern, dass die Klamotten intakt bleiben und dass sie im gleichen Zustand sind wie vor der Vorstellung“, erklärt Maike Wiehle. Deshalb geht der Weg zum Beruf der Ankleiderin normalerweise über eine Schneiderlehre.
Bei ihr war das anders: „Eigentlich bin ich ausgebildete Krippenerzieherin. Aber schon meine Eltern haben am Deutschen Theater gearbeitet“, sagt sie. Und als sie gefragt wurde, ob sie als Ankleiderin anfangen möchte, zögerte sie nicht. „Die Arbeit mit den Kindern hat mir dafür auch viel gebracht, da habe ich einiges über Psychologie gelernt und das kann ich hier brauchen.“ Denn natürlich kommt sie vielen Damen sehr nah. „Für den Beruf braucht man deshalb Taktgefühl. Man muss auch wissen, wann man mal wegschauen muss.“
Die Luftverkäuferin
Die Luftverkäuferin
Hier gibt’s was in die Nase: Christine Anderson gehört der erste Sauerstoffladen in Berlin. Wer ihren „Floatstore“ besucht, kann zwanzig Minuten lang ab zwölf Euro Sauerstoff ohne Ende bekommen: auf einer Liege oder in einem der Float-Tanks, die mit Solewasser gefüllt sind.
Die 46-Jährige hat schon in ihrem ersten Beruf als Krankenschwester viel mit Sauerstoff gearbeitet: „Das ist das erste, was der Patient im Rettungswagen bekommt – das beruhigt“, sagt sie und betont gleichzeitig den Wellnessfaktor: „Sauerstoff hilft gegen Hautalterung.“
Ihr Sohn, ein Motorcross-Sportler, wird regelmäßig von ihr mit Sauerstoff ausgestattet: „Ich gebe ihm vor jedem Rennen eine kleine Flasche mit, die er dann inhaliert – wie viele andere Spitzensportler.“ Aber nicht nur die schwören auf den rein medizinischen Sauerstoff.
„Manager kommen zu mir, um ihn als Mittel gegen den Jetlag einzuatmen und einmal war auch eine Gruppe junger Männer da, die sich für die Partynacht fit machen wollten“, sagt Christine Anderson. Na, dann: Einmal tief einatmen bitte!
Mehr Infos: www.float-store.de
Foto: Lydia Leipert
Die Klamottenpimperin
Die Klamottenpimperin
Sie rettet die Lieblingsjeans, die irgendwann einfach durchgescheuert ist. Oder die Bluse, die zwar total cool sitzt, aber ein blödes Herzchen an der Schulter hat. Klara Linthe pimpt Klamotten. Das heißt, sie hübscht die Kleider auf, die entweder schon angeschlagen sind oder an denen irgendein Detail nervt.
„Ein von Motten zerfressenes Shirt zum Beispiel kann ich mit kleinen Stickereien und Perlen so verschönern, dass es viel edler aussieht als vorher“, sagt Klara Linthe. Der Trick: Es ist zwar eine Reparatur, sieht aber aus wie eine Veredelung.
Die Liebe zum Nähen hat sie von ihrer Großmutter, einer Schneidermeisterin. Klara Li, so lautet der Künstlername von Klara Linthe, liegt alles Handwerkliche: Sie hat eine Lehre als Maßschuhmacherin hinter sich und eine Zeit lang Mode, Malerei und Schmuckgestaltung studiert.
Und was kostet einmal Pimpen? „Das kommt ganz auf Material und Aufwand an, aber ich verlange für meine Arbeit einen Stundenlohn von 26 Euro.“
Mehr Infos: www.klaralinthe.de
Foto: Lydia Leipert
Die Tiersterbebegleiterin
Die Tiersterbebegleiterin
Sie ist da, wenn es ernst wird für Hund und Herrchen. Gabriele Zuske, Tierpsychologin und -homöopathin bietet „Tiersterbebegleitung“ an. „Ich versuche, mit homöopathischen Mitteln die Schmerzen der Tiere zu lindern oder sie beim Lösen von dieser Welt zu unterstützen“, sagt die 48-Jährige.
Die Betreuung der Menschen ist aber mindestens genau so wichtig. „Viele hängen unglaublich an ihrem Tier, oft ist die Katze wichtiger als der Partner“, sagt Zuske. „Ich sage ihnen dann, dass das Tier bei ihnen eine gute Zeit hatte, und versuche sie so zu trösten.“
70 Euro verlangt sie für eine Stunde Betreuung, aber nicht nur wenn der Tod eines Tieres bevorsteht. Mittlerweile behandelt sie auch in anderen Fällen, zum Beispiel nierenkranke Katzen und ungewöhnlich aggressive Hunde in ganz Deutschland und darüber hinaus.
„Wenn zum Beispiel eine Katze in Österreich im ganzen Haus markiert, lasse ich mir per Mail einen Plan schicken von den Räumlichkeiten. Kenne ich die Orte, wo sie markiert, kann ich meist eine Ferndiagnose stellen – denn oft fehlt es an Dingen wie einem Kratzbaum oder einem weiteren Katzenklo.“
Mehr Infos per E-Mail: tierprobleme@tierpsychologe-online.de
Foto: Lydia Leipert
Der Tatort-Reiniger
Der Tatort-Reiniger
Das wichtigste an Christian Heistermanns Ausrüstung ist die Atemmaske. „Wenn ich Wohnungen betrete, in denen über Wochen eine Leiche lag, riecht es verdammt ekelhaft“, sagt der 39-Jährige. Gut, dass der Gebäudereinigermeister nicht zart besaitet ist.
Denn bei seinem Service „Tatortreinigung“, den er anbietet, muss er einiges aushalten. „Einmal wurden wir geholt, als eine Frau sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Bei einem anderen Einsatz hatte sich ein Mann tot gesoffen und zuvor überall in der Wohnung erbrochen“, sagt er.
Dann rückt Christian Heistermann mit seinem Team an, reinigt für 25 Euro die Stunde den Boden, die Wände und entfernt Gegenstände, die nicht mehr benutzt werden können. „Manchmal müssen wir auch Schädlingsbekämpfung machen, wenn ein toter Körper zu lange da lag. Dann müssen erstmal die ganzen Maden weg.“
Und wie kämpft man erfolgreich gegen den aufkommenden Ekel? „Sich kurz schütteln und dann schnell alles vergessen“, lautet Heistermanns Geheimrezept. Denn wie manche Menschen in Berlin sterben, kann einem schon ganz schön aufs Gemüt drücken.
Mehr Infos: www.heistermann.de
Foto: Lydia Leipert
Die BANG-Macherin
Die BANG-Macherin
Der Schrei eines außerirdischen Tieres für ein futuristisches Computerspiel. Oder das Quietschen eines Rennwagens für einen digitalen Formel-Eins-Wettkampf. Die Computerspielgeräusche, die Mona Mur – so der Künstlername der 48-Jährigen – produziert, haben viele Facetten.
„Ich mag es, zwischen den irrealen Klängen und denen der echten Welt hin und her zu springen“, sagt sie. In ihrem kleinen Neuköllner Tonstudio kreiert sie zum Beispiel Geräusche für Kampfcomputerspiele („je böser, je besser“), aber auch für Geschicklichkeits-Games, bei denen es darum geht, eine silberne Kugel durch verschiedene Level zu rollen.
Nicht nur bei den Geräuschen ist die Sounddesignerin vielseitig. Sie macht auch Hintergrundmusik für Spiele und sogar Filmmusik (die beispielsweise in Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ zu hören war).
Sounds jeder Art waren für Mona Mur schon immer wichtig. In den Achtzigerjahren war sie als Sängerin für eine Underground Punk- und Waveband in ganz Europa unterwegs und spielte zusammen mit Mitgliedern der „Einstürzenden Neubauten“. Schon da machte sie alles andere als gewöhnliche Geräusche.
Mehr Infos: www.monamur.com
Foto: Katja Ruge
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