Alte Berufe neu entdeckt
Lange galten sie als "unhip" und drohten auszusterben. Dabei entdecken viele junge Auszubildende, wie viel Spaß altes Handwerk macht. Und wie viel Wissen verloren gehen würde, wenn alte Handwerkstraditionen nicht an die nächste Generation weitergegeben werden würden. BerlinerAkzente stellt fünf junge Berlinerinnen und Berliner vor und fragt, warum ihre Berufe sie glücklich machen.
Maßschuhmacher
Florian Cardinal, 24, aus Wedding: Geselle
Vier bis sechs Wochen braucht ein guter Schuh. Wenn ein Azubi einen einfachen Schuh herstellt, kostet das 450 Euro, vom Meister persönlich ab 1.000 Euro aufwärts. Ich bin von klein auf mit Leder aufgewachsen, weil mein Vater Schuster ist. Die Arbeit mit Leder mag ich sehr gern. Leder ist ein Naturprodukt. Jedes Stück sieht anders aus, zum Beispiel, wenn es vom Pferd oder vom Rind stammt.
Ich habe bei Grimm’s Schuhe in Zehlendorf gelernt, wo ich auch jetzt als Geselle arbeite. Da wird alles noch von Hand gemacht: Der Schaft wird mit Nägeln an der Brandsohle befestigt und mit einem Pechfaden angenäht. Mein Meister hat mir eine ganz alte Technik beigebracht, die nur noch wenige beherrschen: wie man mit Schweineborsten näht. Die gehen nämlich viel feiner durch das Leder als eine Metallnadel. Ich selbst habe mir natürlich auch schon ein eigenes Paar Schuhe genäht: einen Herrenschuh in Derby-Form, schwarz mit Lochmusterung. Die Schuhe ziehe ich aber nur zu besonderen Anlässen an. Sie sind wahnsinnig bequem.
Buchbinderin
Julia Lauenstein 20, aus Neukölln:
Auszubildende im ersten Lehrjahr
Ich wollte schon immer etwas Künstlerisches machen und interessiere mich schon länger für Bücher, vor allem für Illustrationen und Typografie. Erst dachte ich, ich könnte vielleicht Buchkunst in Halle oder Leipzig studieren. Aber dann wurde mir klar, dass ich zunächst das Handwerk von Grund auf erlernen möchte. Wie stelle ich so etwas Hochwertiges her? Am Anfang habe ich gelernt, mit Pappe, Klebstoff und Geweberücken umzugehen. Dabei ist es sehr wichtig, dass ich sehr sauber arbeite.
Früher war ich schnell frustriert, wenn etwas nicht von Anfang an gelang. Durch die Ausbildung habe ich gelernt, nicht so schnell aufzugeben. Außerdem freue ich mich, wenn einem Kunden mein in Seide gebundenes Fotoalbum gefällt. Manche Kunden lassen auch alte Bücher bei uns restaurieren. Das werde ich auch noch lernen, genauso wie ein Buch mit Leder oder Pergament einzubinden. Das ist dann die ganz hohe Buchbinderkunst. Das Studium kann ich nach meiner Ausbildung immer noch machen.
Steinmetz
Gerrit Arndt, 26, aus Neukölln:
Auszubildender im zweiten Lehrjahr
Als angehender Steinmetz bin ich oft auf dem Friedhof. Ein Großteil der Arbeiten meines Meisters sind Grabsteine. Für mich ist Steinmetz ein sehr traditionsreicher und ehrbarer Beruf mit einer Geschichte von zig Jahrhunderten. Ich mag die schwere Arbeit, wenn ich viel Körperkraft reinlegen muss, um einen Granit zu spitzen. Und mich dann wieder zurücknehmen muss, wenn ich eine ganz feine Schrift in den polierten Stein einschlage und nachher vergolde.
Mein Meister lässt mich viel ausprobieren: Drei Monate lang durfte ich an einem Bildhauerwettbewerb in Spanien teilnehmen. Nach meiner Ausbildung will ich ganz traditionell auf Wanderschaft gehen – so richtig in Zunftkleidung: sandfarbene Hose mit doppeltem Reißverschluss. Ich will zu unterschiedlichen Domhütten in Europa aufbrechen, mir in Ägypten die Pyramiden als älteste Zeugen der Steinmetzkunst anschauen und in Südamerika die Tempelanlagen besuchen. Zeit genug habe ich ja: Drei Jahre und einen Tag sind Steinmetze auf Wanderschaft. "Drei kurze Jahre und ein langer Tag" heißt das im Steinmetzjargon.
Forstwirtin
Josephine Fischer, 23, aus Köpenick:
Auszubildende im dritten Lehrjahr
Ich bin eher durch Zufall auf meine Ausbildung gestoßen. Zuerst hatte ich eine Lehre als Hotelfachfrau begonnen. Aber das war nichts für mich, sich ständig um die Gäste zu kümmern. Dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin lieber draußen. Ich wohne im Grünen direkt am Wasser, gehe mit meinem Hund im Wald spazieren und rudere in meiner Freizeit. Da passt es richtig gut, dass ich die Ausbildung zur Forstwirtin im Revier Rahnsdorf in Köpenick machen kann.
Im Sommer bin ich um halb sieben morgens schon im Wald, und es ist himmlisch: der Geruch des Waldes, das Vogelgezwitscher! Im Frühjahr bauen wir viele Zäune, im Sommer schauen wir, wie die Bäume gewachsen sind, im Herbst wird gepflanzt und im Winter gefällt. Als ich das erste Mal einen Baum gefällt habe, war ich ganz schön aufgeregt. Die Erde bebte richtig, als er zu Boden krachte, und mein Herz flatterte. Was war ich k. o. am Anfang meiner Ausbildung, weil ich den ganzen Tag an der frischen Luft war. Meine Freunde sind mittlerweile ganz neidisch. Die haben alle Bürojobs.
Schmied
Andreas Werner, 25, aus Wedding:
Auszubildender im dritten Lehrjahr
Schmied ist eigentlich eine alte Bezeichnung für meinen Job. Offiziell lerne ich in der Hofschmiede Dahlem Metallbauer mit der Fachrichtung Metallgestaltung. Ich schmiede Tore und Zäune oder fertige für Künstler Skulpturen nach ihren Wünschen an. Bei einem alten Huf- und Dorfschmied habe ich im Rahmen meiner Ausbildung gelernt, wie man mit Feuer bei 1.300 Grad schweißt.
Normalerweise schweißen wir ja mit Gas. Da habe ich Schmuckelemente geschmiedet, zum Beispiel Früchte mit Blattwerk für einen Zaun. Stahl ist einfach mein Element. Es hat eine gewisse Kraft durch seine Stabilität, eine schöne Ästhetik. Aber wir reproduzieren auch Altes: Zuletzt hat meine Schmiede die Einfriedung für das Goethe-Denkmal im Tiergarten geschmiedet. Dafür musste ich eigenes Werkzeug bauen, um die Voluten, also die Spiralen, hinzukriegen. Selber etwas mit seinen Händen zu formen und das aus widerspenstigem Material, das macht mich wahnsinnig glücklich.
Kontakt zum
Autor:
Wiebke Nieland
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Zuletzt aktualisiert: 30.06.2011
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Fotos:
Sarah Eick (4)