Job & Karriere

Erst Nippen, dann Tippen

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Schon von draußen sind die aufgereihten Laptops zu sehen: das „Sankt Oberholz“ am Rosenthaler Platz
Foto: angermann, Flickr

Büroarbeit war gestern. Der trendige Berliner spart die Miete und macht das Café zum Office – dank kostenlosem WLAN-Zugang.

Ein Notebook, Handy und Internetzugang – mehr braucht Justus (30) nicht, um die Geschäfte mit seiner Firma in Indien abzuwickeln. Das Café „Strandbad-Mitte“ hat er sich zum Büro umfunktioniert. Wo Studentinnen amüsiert plaudern und Geschäftsleute hastig zu Mittag essen, chattet er mit Kollegen auf der anderen Seite der Welt, macht das „generelle Management“ und bastelt am Online-Auftritt seiner Firma, die Nachrichten fürs Internet schreibt. Und das von morgens bis abends – jeden Werktag in der Woche.

Justus kommt ohne festes Büro bestens klar

Denn Justus hat momentan kein Büro. Sein dunkelblauer Wollpulli sieht nicht nach Business-Outfit aus. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Ein bisschen komisch komme er sich ja schon vor, den ganzen Tag im Café zu sitzen. Dann zieht er manchmal von einem Restaurant ins andere. Möglich macht’s der kostenlose WLAN-Anschluss („wireless lan“ – also: drahtloser Internetzugang), den immer mehr Bars, Kneipen und Gaststätten bereitstellen. Sogar im Sushi-Laden um die Ecke kann in Berlin-Mitte der Laptop aufgeklappt werden.

Mehr als 120 Orte listet die Internetseite cafespots.de allein für Berlin auf. Jeder kann hier auf kostenlose „Hot Spots“ in ganz Deutschland hinweisen. Und von denen gibt es in der Hauptstadt deutlich mehr als in allen anderen Großstädten. So kommen Köln, München und Hamburg noch nicht einmal auf die Hälfte der Gratis-WLAN-Standorte Berlins. Sogar an Tankstellen ist das kostenlose Surfen möglich.

Kostenloses WLAN in der Nähe

Wer seine Postleitzahl auf der Seite eingibt, bekommt automatisch die Standorte in nächster Nähe ausgespuckt. Doch manche Tipps entpuppen sich als Link ins Leere. Den „Schnittchenbetrieb“ in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg sucht man zum Beispiel vergeblich.

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Das Café als Office: Arbeiten kann man heute schließlich von überall aus.

Die Vorzüge des Arbeitens mit WLAN im Café liegen für Justus auf der Hand. „Man hat hier seinen Kaffee und viel Abwechslung. Im Büro wird mir oft langweilig, dann fange ich an zu trödeln. Hier bin ich viel produktiver, und wenn es mal zu laut wird, setze ich mir einfach Kopfhörer auf.“ Heutzutage könne man doch von überall aus arbeiten, sogar auf der Fähre nach Griechenland oder am Strand von Italien. „Da gibt es für mich wirklich nicht viele Gründe, im Büro zu sitzen“, sagt er.

Wenn das Café zur Bürogemeinschaft wird

Besonders in eine Lokalität zieht es die kreative Elite Berlins: das „Sankt Oberholz“ am Rosenthaler Platz. Schon von draußen sind die aufgereihten Laptops zu sehen. Mal sind sie mit roten Glitzerherzen verziert, mal mit punkigen Aufklebern beklebt. Meistens prangt ein Apfel-Zeichen auf weißem Gehäuse. Dahinter sitzen zur Mittagszeit insgesamt zwei Dutzend kreativ aussehende Leute um die 30, nippen an ihrem Latte Macchiato und schauen schweigend auf ihre Monitore. Lärm machen nur das Tassengeklimper an der Bar und das amerikanische Rock-Duo „White Stripes“ aus der Stereoanlage.

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Treffpunkt der kreativen Elite Berlins: das „Sankt Oberholz“.

Am Fenster sitzt ein junger Mann im grauen Kapuzenpulli und surft im Internet, während er seine Fettuccine mit Rucola isst. Einen Tisch weiter klebt ein Stammkunde ganz in Schwarz mit seinem Ohr am Handy. Eine Etage höher steckt ein Vierer-Frauen-Grüppchen die Köpfe zusammen und starrt auf den Rechner.

Vor allem Kreative nutzen die WLAN-Freiheit

Seit zwei Jahren bietet der Laden auf zwei Etagen kostenloses Internetsurfen an. „Es wurde schlagartig angenommen“, sagt Mitinhaberin Koulla Louca. „Es gibt Kunden, die frühstücken hier und trinken nachmittags ihren Kaffee am Laptop.“ In der Regel sind es Kreative, also Künstler, Fotografen, Graphiker, Übersetzer, Autoren, aber auch Studenten.

Jan, 26, hat den Begriff „Hausarbeit“ für sich uminterpretiert. Neben dem Soziologie-Studenten mit Brille und ärmellosem T-Shirt liegt ein dicker Wälzer mit dem Titel „Sozialpsychologie“. „Ich schreibe gerade an meiner Hausarbeit und kann nicht lange am Stück arbeiten. Dann döse ich hier vor mich hin und mache anschließend weiter“, sagt er. Bis zu dreimal die Woche geht er zum Arbeiten ins Café. Er mag die Ablenkung, hat gerne andere Leute um sich.

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„Es gibt Kunden, die frühstücken hier und trinken nachmittags ihren Kaffee am Laptop“, sagt Mitinhaberin Koulla Louca.
Foto: angermann, Flickr

Und nach erledigter Arbeit ein Glas Sekt

Auch Christina, 25, kann besser im Café als zuhause arbeiten. Bis zu fünf Stunden sitzt die selbstständige Dolmetscherin manchmal im „Sankt Oberholz“. Momentan übersetzt sie die Internetseite einer Immobilienagentur auf Spanisch und Italienisch. Dabei flitzen die Finger mit knallrotem Nagellack über die Tastatur und greifen ab und zu zur Kaffeetasse. So etwas wie das „Sankt Oberholz“ gebe es in Italien nicht, sagt die Halbitalienerin. „Die Cafés sind meistens viel zu klein, und der Espresso wird schnell im Stehen getrunken.“

Umso mehr schätzt sie das Arbeiten in Berliner Cafés. Morgens zu Beginn ein frisches Sandwich von der Theke und zum Abschluss ein Glas Sekt, wenn sie viel geschafft hat – „Wo hat man das so einfach?“ Doch für heute gibt es kein Glas Sekt. „Ich hab' noch einiges zu tun“, sagt sie und setzt zum Weiterarbeiten an. Und so zeigt sich: Manchmal braucht es doch mehr als Notebook, Handy und WLAN, um in Ruhe arbeiten zu können – zum Beispiel eine Tür, hinter der man sich einfach mal zurückziehen kann.

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010