Auf Umwegen zum Traumjob

Cem Arnold Süzer übte schon als Kind vor dem Spiegel.
Nicht immer lohnt es sich, seinem ungeliebten Beruf treu zu bleiben. Sich neu zu orientieren, kann der Weg zum Traumjob sein. Fünf Jobwechsler erzählen über neue Chancen und Perspektiven: eine Physiotherapeutin, ein Sänger, ein Arzt, eine Modedesignerin und ein Selbstständiger für Filmpostproduktion.
Cem Arnold Süzer (39), Wirtschaftswissenschaftler und Sänger
Ich wollte immer schon Musiker werden. Wenn ich allein war, habe ich vor dem Spiegel geposed. Mein Vater hat mich mal dabei erwischt und dachte, ich hätte den Verstand verloren. Für ihn war es das Wichtigste, eine Familie ernähren zu können. Meine Eltern haben mir früh vermittelt, dass die Musik nur ein nettes Hobby ist. Ich habe mir nicht viele Hoffnungen gemacht, weil ich ja weder Noten lesen noch ein Instrument spielen konnte. Trotzdem war ich im Chor und in Schülerbands.
Nach dem Abi dachte ich, dass ich Manager werden will – schön Porsche fahren und coole Klamotten tragen... Die 80er Jahre waren ja eine sehr Konsum orientierte Zeit. Also habe ich Wirtschaftswissenschaften studiert. Viel Zahlen, Mathe und Statistik, schrecklich. Neben der Uni habe ich weiter Musik gemacht. Und irgendwann konnte ich sogar ganz gut davon leben.
Die Diplomarbeit habe ich übrigens erst zehn Jahre später geschrieben – in einer Rekordzeit von drei Monaten. Thema: „Die Auswirkungen von Innovationen im Bereich der Unterhaltungselektronik auf die Struktur des Bild- und Tonträgermarktes“. Die habe ich mit „Eins“ abgeschlossen und die Urkunde meinen Eltern geschenkt.
Inzwischen mache ich musikalisch fast alles, was sich bietet. So trete ich auch auf Kreuzfahrten auf der „MS Europa“ mit Showbands auf. Am liebsten singe ich Soul oder Jazz. Damit kann ich auch als alter Mann auf der Bühne noch glaubwürdig sein.
Paulina Gaugel (30), Physiotherapeutin, vorher Lehramts- und Jurastudentin
„Du kannst auch Putzfrau werden. Hauptsache, Du bist glücklich“, hat mein Vater immer gesagt. Ich habe das immer mit Gleichgültigkeit ausgelegt. Mein Opa war viel leistungsorientierter: „Wer nichts schafft, ist nichts“. Und meine Mutter erzählte immer Geschichten von früher, als alle Juristen werden wollten, um die RAF-Terroristen zu verteidigen. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nur, dass ich irgendwas studieren muss.
Ich habe mit Biologie und Englisch angefangen, wollte aber auf keinen Fall Lehrerin werden und fühlte mich dabei wie eine Heuchlerin. In der Schule war es so furchtbar wie erwartet: Die Kids hatten Kopfhörer im Unterricht auf, überall Nummern an den Türen – wie in der Psychiatrie. Ich bin dann nach Israel in einen Kibbuz geflüchtet. Für ein Jahr war dann ein Jurastudium noch so eine Verlegenheitsentscheidung. Bis ich mit Mitte 20 zum ersten Mal ehrlich zu mir war, nur gekellnert und mir keinen Stress gemacht habe.
Die Ausbildung zur Physiotherapeutin war die totale Umstellung zu meinem Lotterleben bis dahin. In der ersten Stunde hatten wir morgens um acht Uhr Bindegewebsmassage und sollten uns alle ausziehen. Ein krasser Einstieg, ich kannte ja noch niemanden! Normalerweise geht man doch erst mal einen Kaffee trinken, bevor man den nackten Hintern von jemandem sieht.
In der ganzen Zeit habe ich aber nicht ein Mal ans Abbrechen gedacht. Dabei wurde ich so gefordert wie noch nie in meinem Leben und habe mehr gelernt als für jede Klausur. Jetzt habe ich einen Beruf und komme gut klar mit den Patienten – ein sehr befriedigendes Gefühl.

Marcel Berger hatte große Versagensängste im Studium.
Marcel Berger (38), Assistenzarzt für Gastroenterologie und Infektiologie, gelernter Frisör
Frisör war immer mein Wunschberuf. Mit der Zeit fing ich an, mich mehr für die chemischen Vorgänge zu interessieren als fürs Styling. Und als ich nach ein paar Jahren im Beruf eine Kontaktallergie gegen Oxydationshaarfarben bekam, wollte ich mich mit Anfang 20 umorientieren, obwohl der Kontakt zu den Kunden und zu meinem Chef immer gut war. Zum Abschied hat er in mein Zeugnis geschrieben: “...scheidet auf eigenen Wunsch aus, weil er Medizin studieren will“.
Das anschließende Abitur und der Medizinertest waren kein Problem. Im Studium hatte ich allerdings große Versagensängste unter all den Akademikern. Im Krankenhaus habe ich oft verschwiegen, was ich vorher gemacht habe – die Irritation wäre einfach zu groß gewesen. Dabei ist die Pharmaindustrie der Kosmetikwelt gar nicht so unähnlich. Beide entwickeln sich ständig weiter und wollen mit ihren Produkten den Menschen helfen. In der Medizin ist die Verantwortung natürlich wesentlich höher.
Die Arbeitsbedingungen als Arzt in der Klinik sind nicht immer optimal, aber als Frisör hätte ich mir keine eigene Wohnung und kein Auto leisten können. Schlimm ist für mich, so wenig Zeit zu haben. Oft muss ich jemanden in zehn Minuten über eine Diagnose aufklären, die sein Leben verändern wird. Mal bin ich dabei ganz professionell, manchmal geht es mir aber so nah, dass ich weinen muss. In solchen Momenten sehne ich mich nach der Leichtigkeit in meinem Leben als Frisör zurück.

Jacqueline Huste hat eine Festanstellung gekündigt und ist nach New York gegangen.
Jacqueline Huste (36), Architektin und Gründerin des Modelabels „Wolfen“
Das Architektur-Studium in Dessau mit Anfang 20 hat mir noch ganz gut gefallen. Anschließend im Job habe ich aber bald gemerkt, dass ich nur 90 Prozent gab und nicht mit der Leidenschaft wie meine Kollegen dabei war, die gern auch mal die Nacht durcharbeiteten. Meine Eltern fanden es total bekloppt, als ich 1999 meine unbefristete Festanstellung bei Gerkan, Marg und Partner gekündigt habe und nach New York gegangen bin. Dort wollte ich sehen, ob ich die Architektur vermisse. Statt mich für Häuser zu interessieren, wühlte ich aber ständig in irgendwelchen alten jüdischen Stoffläden rum. Daran merkte ich, dass mir Mode viel mehr Spaß macht.
Zurück in Berlin habe ich das Mode-Label „77“ aus Mitte entdeckt und hatte das Glück, mit dem Gründer zusammen arbeiten zu dürfen. Auch wenn mir die Sachen zu grafisch in der Umsetzung waren, fand ich sie sehr interessant und innovativ. Ich habe dort einfach sehr viel gelernt. Eine Zeit lang haben wir uns ganz gut ergänzt, aber irgendwann hatte ich die Idee, einen eigenen Laden aufzumachen. Nachdem ich in einigen Modeläden eigens designte Einzelstücke verkauft hatte, habe ich vergangenen Herbst meine Boutique „Wolfen“ eröffnet. Die Gewinnspanne ist besser. Außerdem kann ich – unabhängig vom Kollektionszwang – das verkaufen, was ich will. Gibt es nur fünf Meter von einer Stoffsorte, mache ich eben nur zwei Teile daraus.

Urs Cordua fand bei Kerzenschein und Tee seine neue Berufung.
Urs Cordua (42), selbstständig, macht Filmpostproduktion für Schauspielervideos
Architektur habe ich nur ein Semester studiert. Ich habe es gehasst, zu sitzen und zu zeichnen. Danach bin ich Taxi gefahren, habe Musik gemacht und wollte einen Imbiss eröffnen. Irgendwann habe ich mich mit Kerze und einer Tasse Tee hingesetzt und mich mal ganz ehrlich gefragt, was ich eigentlich machen will. Es sollte etwas Technisches und Künstlerisches sein, gern draußen. Ich wollte in Bewegung sein und zusammen mit Leuten. Der Beruf des Kameramanns schien mir dabei ideal. So kam ich zum Film.
1988 habe ich bei einem Praktikum Schneiden gelernt. Meine Firma „Corduafilm“ ist ganz spontan entstanden: Ein Freund, der Schauspieler ist, fragte mich, ob ich ihm bei seinem Demoband helfen kann. Dann kam seine Freundin mit demselben Wunsch zu mir, dann die Freundin der Freundin. Und so wurde immer mehr daraus. Früher habe ich immer gesagt, dass ich Cutter bin. Mittlerweile bezeichne ich mich als Selbstständiger, der Filmpostproduktion macht. Das funktioniert irgendwie besser. Neben Industrie- und Dokumentarfilm, sind wir auf den Schnitt von Demobändern für Schauspieler spezialisiert. Manchmal drehen wir auch neue Szenen für die Demobänder unserer Kunden.
Ich habe es gut getroffen, auch wenn ich nun doch vor dem Rechner gelandet bin, was ich ja nie wollte. Dafür habe ich meine eigenen Projekte. Sie sind meine Visionen, die mir gegen meine Angst, stehen zu bleiben, helfen. Was das konkret ist, möchte ich noch nicht verraten.
Zuletzt aktualisiert: 07.06.2011