Auf der Walz – Gesellen auf Wanderschaft
Wandergesellen: die Zimmerer Peter (l.) und Nils-Peter.
Berufe im Portrait
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Gruppenbild beim Fest der Nationen in Berlin: die rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen.
Hier gibt's Infos
Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen Deutschlands. Mindest-Wanderzeit: 3 Jahre und 1 Tag. Kontakt: Josef Struhkamp, Lechenicher Str. 9, 50937 Köln, Tel.: 0221/482 637, www.rechtschaffene-zimmerer.de
Mehr Adressen
Vereinigung der rechtschaffenen fremden Maurer- und Steinhauergesellen.Kontakt: Dirk Schulze, Hamburg, Tel.: 0700/790 63 300, www.rechtschaffene-maurer.de/
Fremder Freiheitsschacht. Kontakt: Klaus Siebert, Tübingen, Tel.: 07071/763 023,
www.fremderfreiheitsschacht.de/
Rolandschacht. Kontakt: Jörg Keggenhoff, Nebel, Tel.: 04682/20 19, www.rolandsbruder.de
Freie Vogtländer. Kontakt: Dieter Theurich, Hannover, Tel.: 0511/61 25 20
Freier Begegnungsschacht Nimmt auch Frauen auf.
Axt und Kelle Nimmt auch Frauen auf.
Dachorganisation: Confederation der europäischen Gesellenzünfte. Kontakt: Antonius Kielmann, Tel.: 04171/690 370
Im Mittelalter wurden nur Gesellen Meister, die auf der Walz gewesen waren. Heute sind die Wanderjahre freiwillig, aber immer noch beliebte Möglichkeit, sich weiterzubilden, Kontakte zu knüpfen und die Welt zu sehen. Zurzeit sind 650 bis 800 deutsche Wandergesellen unterwegs. Tendenz: steigend.
"Willst du in Schweden ein Holzhaus renovieren?" Ein Zimmerer reicht einem Kollegen den Zettel mit den Daten rüber. Sie sehen anders aus als "normale" Handwerker, tragen eine schwarze Cord-Kluft, einen Ohrring im linken Ohr und schwarze Hüte mit Krempe. Es sind Wandergesellen, die der "Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen Deutschlands" angehören. Solche Vereinigungen werden auch Schächte genannt. Und der Schacht der "rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen" soll die älteste Gesellenbruderschaft sein, die den Niedergang der Zünfte überlebt hat.
Mindestens zwei Jahre auf freiwilliger Tippelei
Die Wanderjahre, auch Walz oder Tippelei genannt, waren im Mittelalter bis Ende des 19. Jahrhunderts für einen Gesellen Voraussetzung, um Meister werden zu können. Heute ist die Teilnahme freiwillig, aber immer noch an Regeln gebunden: Auf die Walz gehen darf nur, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, schuldenfrei, nicht vorbestraft, ledig und jünger als 30 Jahre alt ist. Je nach Schacht muss ein Wandergeselle, auch Fremder genannt, mindestens zwei, beziehungsweise meist drei Jahre und einen Tag, unterwegs sein.
Stets rechtschaffen und ehrbar
Dabei darf er seinem Heimatort nicht zu nahe kommen. Bei den meisten Schächten ist ein Bannkreis von 50 bis 60 Kilometern vorgeschrieben. Der Fremde darf kein Handy bei sich führen und muss sich stets rechtschaffen und ehrbar verhalten. Aus gutem Grund. Schließlich ist er auf seiner Wanderschaft auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft auf die Unterstützung anderer angewiesen und muss einen guten Eindruck erwecken. Übernachtet wird während der Walz in Zunft- oder Jugendherbergen, bei einem Meister vor Ort, aber auch mal im Freien.
"Zurzeit sind etwa 650 bis 800 deutsche Wandergesellen unterwegs, Tendenz steigend", sagt Antonius Kielmann von der Confederation der europäischen Gesellenzünfte. Der Anstieg lässt sich nicht nur auf eine romantische Form der Zeitarbeit oder wandernde Weiterbildung zurückführen, sondern hat auch mit Arbeitslosigkeit zu tun. Wer zu Hause keinen Job findet, zieht erst einmal in die Fremde.
"Charlottenburger" für Werkzeug und Gepäck
Als Erkennungszeichen dient die Kluft. Zu der gehören neben dem Cordanzug auch die Staude, ein kragenloses Hemd, eine Weste mit acht Knöpfen (stehen für die Forderung einer acht-Stunden-Woche), der Wanderstock „Stenz“ und die Ehrbarkeit, eine Art Schlips, an deren Farbe man die Zugehörigkeit zum Schacht erkennen kann. Ihr Werkzeug und Reisegepäck verstauen die Fremden im sogenannten "Charlottenburger", auch liebevoll "Charlie" genannt. Das ist ein etwa 80 x 80 Zentimeter großes bunt bedrucktes Tuch. Da es etwas dauert, bis alles richtig gerollt ist, hängen links und rechts noch "Speckjäger", in denen das Nötigste für den täglichen Bedarf untergebracht ist.
Im Sommer Skandinavien, im Winter Spanien
Nils-Peter aus Rottweil ist Zimmerer und steht vor seinem ersten Winter. Den Sommer über hat er in Skandinavien gearbeitet, jetzt zieht es ihn nach Spanien. "Übernachtungsmöglichkeiten finden sich immer – eine WG, bei einem Pastor oder einem Vereinsmitglied." Das schönste an der Wanderschaft sei nicht nur die Weiterbildung, sondern auch in der Welt herumzukommen.
Das findet auch Peter aus Greifswald. Seit zweieinhalb Jahren ist er auf der Walz, war schon in Dänemark und Schottland: "Es ist toll zu sehen, wie viel Vertrauen und Höflichkeit einem wildfremde Menschen entgegenbringen!" Länger als ein halbes Jahr darf er sich nicht an einem Ort aufhalten, dann muss die Reise weitergehen. Im Winter soll es nach Australien oder Neuseeland gehen. Normalerweise gehen Wandergesellen zu Fuß, aber wenn Ozeane zu überwinden sind, darf auch mal ein Flieger bestiegen werden.
Frauen wandern nur selten mit
Die "Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schiefergesellen Deutschlands" hat weltweit mehrere Dutzend Herbergen. "Unter anderem in Australien, Namibia, den USA, Kanada, Norwegen und Schweden. Seit neuestem auch in Schottland", zählt Josef Struhkamp auf. Ihn selber zog es vor zwölf Jahren nach Venezuela und China. Dass in seiner Vereinigung – wie bei den meisten traditionellen Schächten – keine Frauen mitwandern dürfen, ist das "denkbar knappe" Ergebnis einer Urabstimmung, die vor 15 Jahren gemacht wurde. Aber auch Frauen gehen inzwischen organisiert auf die Walz. 1979 gründeten einige Gesellen, die einen moderneren Schacht verlangten "Axt und Kelle". 1986 folgte der "Freie Begegnungsschacht". Beide nehmen Frauen und Männer auf.
Schnell ist klar, warum der "Seltentreffer" seinen Namen hat
Beim Fest der Nationen am Prager Platz in Charlottenburg-Wilmersdorf konnten die Besucher den Wandergesellen bereits über die Schulter schauen: Holzböcke sind aufgebaut, Zimmerer werkeln an einem Dachstuhl, und Kinder dürfen unter fachkundiger Anleitung Nägel in ein Holzbrett hauen. Neben bekanntem Werkzeug liegt ein "Seltentreffer", eine T-förmige Queraxt, mit der im Fachwerkbau Zapfenlöcher ausgehauen werden. Das erfordert Präzision und Erfahrung – und lässt ahnen, wie das Werkzeug zu seinem Namen kam. Für die aktiven Wandergesellen sind Stadtfeste mehr als nur Treffpunkte mit Gleichgesinnten und Altgesellen. Es sind Austausch- und Jobbörsen.