Job & Karriere

Voll drin statt außen vor

Menschen mit Behinderung sind überdurchschnittlich häufig arbeitslos, haben prekäre Arbeitsverhältnisse und einen Lohn, von dem sie kaum leben können. 31 Leuchtturmprojekte in Berlin beweisen, dass es anders geht. Dass Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich zusammen arbeiten können. Doch Behindertenverbände kritisieren: Noch immer behindern zu viele Unternehmen und Politiker Menschen mit Handicap am Zugang zum Arbeitsmarkt.

Bild vergrößernModellprojekt3

Das „Café Tasso“ ermöglicht Menschen mit Behinderung das gleichberechtigte Mitarbeiten.

Recht auf Teilhabe


Artikel 27 der UN-Konvention

„Die Vertragsstaaten anerkennen das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit und insbesondere die Möglichkeit, in einem offenen, integrativen und zugänglichen Arbeitsmarkt und
Arbeitsumfeld den Lebensunterhalt zu verdienen.“

Erfolgsmodell Integrationsprojekte

SinneWerk gGmbH
Liegnitzer Straße 15
10999 Berlin
www.sinnewerk.de
Tel. 680 796 89-0

Café Tasso - Das andere Antiquariat
Bücher, Bio-Speisen und –Getränke
Frankfurter Alle 11
10247 Berlin-Friedrichshain
www.cafe-tasso.de
Live-Musik, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Improtheater
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag ab 9.30 Uhr, Sonntag ab 10 Uhr

Morgenstern – Antiquariat und Café
Schützenstraße 54
12165 Berlin-Steglitz
www.morgenstern-berlin.de
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 9 bis 19 Uhr

Gesucht!
Voraussichtlich ab Juli möchte das „Morgenstern“ auch Gastronomie anbieten. Dafür werden noch Mitarbeiter mit Handicap gesucht!

Berliner Behindertenverband e.V. (BBV e.V.)
Jägerstraße 63D
10117 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch 12 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung
www.bbv-ev.de
Tel. 20 43 847

Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin
- Integrationsamt -
Sächsische Straße 28-30
10707 Berlin
Tel. 9 02 29-0

Bild vergrößernModellprojekt1

In dem Bücherladen mit Café begegnen sich alle auf Augenhöhe.

Bild vergrößernModellprojekt2

Mit diesem Prinzip ist die Einrichtung eines von 31 Berliner Modellprojekten. Doch nicht jeder Unternehmer ist so offen gegenüber Menschen mit Handicap.

Wie viele ihrer Mitarbeiter eine Behinderung haben – da muss Annette Queck, Restaurantleiterin vom Café Tasso, lange überlegen. Und genau das spricht für die selbstverständliche Integration von Menschen mit Behinderung in die gemeinnützige Einrichtung der SinneWerk gGmbH.

Hauptstadt im Bundesvergleich vorbildlich

Als Integrationsbetrieb unterstützt sie Menschen mit Behinderung, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Von den 32 Festangestellten haben 17 ein körperliches oder psychisches Handicap. Der eine im Knie, der andere im Rücken. Es gibt Mitarbeiter mit Lernstörungen oder mangelnder Motorik, mit Multiple Sklerose oder epileptischen Anfällen. Sie alle kümmern sich um die Bücher: Fast jede Ecke des „Café Tasso“ in Friedrichshain ist mit insgesamt 20.000 Büchern vollgestapelt. Leseratten können sich in den verwinkelten Regalmetern regelrecht verlieren.

Genau 634 Integrationsunternehmen und -abteilungen gibt es in Deutschland, in denen 9.000 Menschen mit einer schweren Behinderung arbeiten. 31 Projekte davon in Berlin. Damit ist die Hauptstadt im Bundesvergleich vorbildlich. Die Branchen reichen vom Dienstleistungsbereich über das produzierende Gewerbe, Catering, vom Hotelbetrieb bis zum Garten- und Landschaftsbau. Es sind wirtschaftlich geführte Unternehmen, die einen Doppelauftrag erfüllen: Menschen mit einer schweren Behinderung zu beschäftigen und sich gleichzeitig wirtschaftlich am Markt zu behaupten. Dafür erhalten sie eine öffentliche Förderung als Nachteilsausgleich.

Begegnung auf Augenhöhe und frei von Vorurteilen

Das Prinzip der Zusammenarbeit: Alle Mitarbeiter sollen sich auf Augenhöhe und frei von Vorurteilen begegnen. Meist wird daraus für Behinderte eine Dauerbeschäftigung oder ein gelungener (Wieder-)Einstieg in den ganz normalen Arbeitsmarkt. Doch es steht nicht allein der soziale Aspekt im Vordergrund. „Integrationsprojekte sind nicht nur menschlich wichtig, sondern auch volkswirtschaftlich betrachtet günstiger als Arbeitslosigkeit oder die Beschäftigung in einer Behindertenwerkstatt“, sagt Ulf Meyer-Golling, Leiter der Berliner Integrationsamtes und freut sich, dass kontinuierlich Vorschläge für wirtschaftlich konkurrenzfähige Geschäftsideen bei ihm auf dem Schreibtisch landen, die Menschen mit Behinderung ins Boot holen.

Im Hotel „Pfefferbett“ in Prenzlauer Berg arbeiten zum Beispiel Mitarbeiter mit psychischen Störungen selbstverständlich im Team mit, das gleiche gilt für die Berlin-Chemie, die schon seit Jahrzehnten Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung integriert. 39 geistig und körperlich behinderte Kollegen erledigen in einer Betriebsabteilung je nach Fähigkeiten und Fertigkeiten verschiedene Aufgaben. Die werden nicht extra für sie erfunden – sie gehören zum normalen Betriebsgeschehen, wie zum Beispiel kleinere pharmazeutische Lieferumfänge, die nur von Hand verpackt werden können.

Noch viel Gleichgültigkeit bei Politik und Wirtschaft

Viele wachsen durch ihre tägliche Arbeit und die dadurch erlebte Anerkennung regelrecht über sich hinaus. Betreut werden sie von Sozialpädagogen, die sie vor Überforderung schützen und sich auch ihrer täglichen Probleme annehmen. Zwar arbeiten die 39 in einem geschützten Bereich, aber nicht abgeschottet. Sie sind wie alle anderen 1.300 Chemie-Werker auch bei jedem Familientag, Lauf- oder Betriebsfest dabei.

Der Berliner Behindertenverband „Für Selbstbestimmung und Würde“ (BBV) kennt noch mehr gute Beispiele von selbstverständlicher Integration. „Es gibt eine gute Trägerlandschaft, engagierte Werkstätten und Lobenswertes aus dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin“, fasst der stellvertretende BBV-Vorsitzende André Nowak zusammen. Doch kritisch sieht André Nowak die Berliner Politik sowie die Arbeit von IHK, Handwerkskammer und Unternehmensverbänden, bei denen er auf viel Gleichgültigkeit stoßen würde.

Der Koalitionsvertrag ignoriert die Thematik

„Bei den ‚Bündnissen für Arbeit‘ fehlen in der Regel die Behindertenorganisationen am Tisch. In der Koalitionsvereinbarung steht nichts zur Schaffung von Arbeit für Menschen mit Behinderungen. Das wäre aber nötig, denn sie sind überdurchschnittlich arbeitslos oder haben prekäre Arbeitsverhältnisse und oft einen Lohn, von dem man nicht leben kann.“ Maßstab der gesetzlichen Rahmenbedingungen und der täglichen Arbeit müsse stets der Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention sein (siehe Kasten).

Das darin geforderte gleiche Recht auf Arbeit nehmen die 32 Festangestellten und zwölf geringfügig Beschäftigten der SinneWerk gGmbh in hochmotivierten Teams wahr. Dass mancher weniger belastbar ist, fällt im Alltag kaum auf. Im „Café Tasso“ finden wöchentlich 4.000 Bücher neue Besitzer, online sind es 600. Nachschub wird oft gleich im Café abgegeben, kommt aber vor allem per Post und aus bis zu zwanzig Berliner Haushalten täglich, aus denen mit zwei oder drei Autos 30 bis 40 Kisten Bücher- und CD-Spenden abgeholt werden.

Ableger in Steglitz eröffnet

Mit dem erwirtschafteten Geld können die integrativen Arbeitsplätze erhalten oder sogar neue geschaffen werden. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sich die SinneWerk-Gemeinschaft mehr als verdoppelt – und konnte im Dezember sogar einen neuen Ableger, das „Morgenstern – Antiquariat und Café“ in Steglitz, eröffnen.

Kontakt zum Autor: Hanne Walter


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Zuletzt aktualisiert: 14.06.2012 · Fotos: shutterstock, Hanne Walter (3)

 

Kommentare

von Fritz Mueller am 01/20/13 um 23:54

Die Sinnewerk gGmbH lässt sich “doppelt” bezahlen. Die Bücher werden umsonst gespendet und die meisten Beschäftigten bzw. die Arbeitsplätze werden öffentlich gefördert, z.B. durch Leistungen des Arbeitsamtes (Zuschüsse bei über 50-jährigen Arbeitslosen oder bei einer Schwerbehinderung). Dazu kommen Beschäftigte, die umsonst arbeiten, weil sie statt einer Gefängnisstrafe ihre Strafe kostenlos abarbeiten. Die meisten Beschäftigten haben nur Zeitarbeitsverträge oder sind Hartz 4-Aufstocker. Es wird weder nach Einzelhandelstarif- oder Buchhandelstarifvertrag bezahlt, einen Betriebsrat gibt es nicht.

 

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