Job & Karriere

Ohne Schuhe in den Job

Deutsche Personaler haben das Vorstellungsgespräch per Webcam entdeckt. Auch für die Bewerber hat es einige Vorteile. Doch wehe, wenn der Mitbewohner im Schlafanzug durchs Bild schlurft oder plötzlich die Katze auf die Tastatur springt.

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Erster Eindruck per Videointerview: Er senkt auch die Reisekosten – für Bewerber und Arbeitgeber.

Als Daniel Neuberger sein Vorstellungsgespräch beim Versandhandelskonzern OTTO hatte, musste der Online-Produktmanager für den Weg von München nach Hamburg nicht mal seine Schuhe anziehen: Sein Vorstellungsgespräch erfolgte via Webcam.

"Wir erhalten schneller einen ersten persönlichen Eindruck"

Im Februar 2009 beschritt der Konzern in Sachen Personaleinstellung neue Wege und wurde damit Vorreiter in Deutschland. Vor allem zwei Gründe sprechen für die stream-basierte Methode des Bewerbercastings – wie Frauke Baumgarten erklärte, damalige Leiterin des OTTO-Recruitments: "Wir erhalten schneller einen ersten persönlichen Eindruck vom Kandidaten, und das Videointerview senkt die Reisekosten – auf beiden Seiten." Kein Wunder, dass auch Daniel Neuberger begeistert war, als nach seiner schriftlichen Bewerbung und einem Telefonat die Anfrage zum Webcam-Gespräch kam: "Ich habe damals in München gearbeitet und hätte mir für den Termin einen Tag Urlaub nehmen müssen, so war es viel einfacher."

Wie bei einem normalen Vorstellungsgespräch wurden Tag und Uhrzeit festgelegt, und auch Daniel Neuberger bereitete sich wie immer vor: "Ich habe mir die Website noch mal angeschaut, mir Fragen überlegt, alles wie bei einem Live-Vorstellungsgespräch vor Ort." In seinem Anzug saß er dann in seiner Wohnung am Schreibtisch und wartete auf den Beginn der Websession – nur auf die Schuhe verzichtete er, denn die sind unter dem Tisch sowieso nicht zu sehen.

Nicht auf die leichte Schulter nehmen

"Ich habe das Gespräch sehr ernst genommen", betont Neuberger. Das rät auch Frauke Baumgarten den Bewerbern: "Sie sollten das Video-Interview nicht auf die leichte Schulter nehmen. Man sollte während des Interviews absolut ungestört sein, alle Unterlagen und vielleicht auch ein Glas Wasser zur Hand haben. Von Vorteil ist zudem, wenn der Kandidat schon Erfahrung mit 'Skype'-Telefonie hat."

Bild vergrößernMann Webcam

Wer mit seinem Auftreten vor der Kamera die Personaler überzeugen will, sollte dafür sorgen, dass es während des Gesprächs keine Störungen gibt.

Genau diese Punkte hält auch Rouven Schäfer für die wichtigsten. Der Kölner arbeitet in der Personalabteilung der Werbeagentur "DocCheck" und führt regelmäßig Vorstellungsgespräche per Webcam. Vor einigen Jahren startete die Firma die ersten Versuche mit Skype-Interviews. Damals war allerdings die Technik noch nicht komplett ausgereift: "Viele Bewerber hatten Probleme mit der Internetverbindung, heute funktioniert das aber sehr gut."

Die Kamera zeigt, ob ein Bewerber geeignet ist

DocCheck nutzt das Webcam-Gespräch, ebenso wie OTTO, als Zwischenstufe in der Bewerberauswahl: "Viele Bewerber arbeiten in anderen deutschen Städten oder im Ausland, in Israel, Spanien oder England beispielsweise, für sie ist es kompliziert für einen Tag nach Köln zu kommen. Und ein Gespräch via Kamera zeigt oft schon sehr schnell, ob der Kandidat geeignet ist. Wir achten ja nicht nur auf die Zeugnisse, sondern auch sehr auf das Auftreten und Körperhaltung."

Wichtig ist Rouven Schäfer auch, dass der Bewerber engagiert ist: "Wir arbeiten sehr online-orientiert, da verlangen wir natürlich von unseren Bewerbern, dass sie mit Freude und Neugier an so eine Innovation, wie das Webcam-Gespräch, herangehen. Wer mir also sagt, dass er keine Möglichkeit für ein Skype-Interview hat, zeigt sich nicht sonderlich lösungsorientiert."

Die Hälfte der Bewerber fällt durch

Die Hälfte der Bewerber kann der Personaler nach einem solchen Gespräch via Webcam ausschließen. "Wenn die Katze auf die Tastatur springt oder der Mitbewohner im Schlafanzug durchs Bild schlurft, macht das natürlich keinen professionellen Eindruck", schmunzelt Rouven Schäfer.

Bei Daniel Neubergers erstem Webcam-Vorstellungsgespräch blieben solche Störungen glücklicherweise aus. Auch die Technik streikte nicht. Bild und Ton, alles funktionierte auf Anhieb. Mit seinem Auftreten konnte er die Personaler von OTTO überzeugen und schaffte den Sprung in die nächste Auswahlrunde. Für die reiste er dann doch noch nach Hamburg. Schließlich will ja nicht nur das Unternehmen den Kandidaten kennenlernen, sondern dieser auch den potenziellen Arbeitgeber.

Bild vergrößernFrau Computer Papier

Vorbereitung ist alles: Das Vorstellungsgespräch per Webcam läuft (fast) wie ein persönliches Treffen.

Persönliche Begegnung nicht zu ersetzen

Diesen Aspekt finden auch Bewerbungsprofis wichtig. Für Thomas Rübel vom Büro für Berufsstrategie in Berlin ist die persönliche Begegnung durch nichts zu ersetzen: "Ich denke, dass ein Gespräch per Webcam immer künstlich bleibt. Vielleicht fühlt sich der Kandidat seltsam beobachtet, denn es ist für ihn keine vertraute Situation. Dadurch wird er nicht authentisch sein und weniger professionell, denn die meisten Leute wissen nicht, wie sie sich vor einer Kamera verhalten sollen. Diese Störfaktoren, die durch das Medium entstehen, sollte der Arbeitgeber berücksichtigen."

OTTO und DocCheck waren mit ihrer innovativen Methode in Deutschland Vorreiter. Andere Unternehmen folgten ihnen sehr bald. Thomas Rübel geht sogar davon aus, dass sich das Bewerbungsgespräch in Zukunft noch weiter in diese Richtung entwickeln wird: "Es bringt eine enorme Zeit und Geldersparnis. Und häufig steht ja wirklich schon nach wenigen Minuten fest, ob ein Bewerber in Frage kommt oder nicht. Für einen Erstkontakt ist das sehr interessant." Er persönlich bevorzugt jedoch immer noch die klassische Kombination aus schriftlicher Bewerbung, Telefongespräch und persönlicher Einladung. Dieser Meinung ist auch Rouven Schäfer. Nur auf Grund eines Webcam-Gesprächs würde er keinen Bewerber einstellen. "Das ist eine Ergänzung, die herkömmlichen Gespräche wird es wohl nicht ersetzen."

Kontakt zum Autor: Marie-Charlotte Maas


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Zuletzt aktualisiert: 01.10.2014 · Fotos: shutterstock (4)

 

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