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"Bossing" ist weit verbreitet: Für bis zu 70 Prozent der Mobbing-Fälle sollen Vorgesetzte verantwortlich sein.

Hier finden Betroffene Hilfe


Mobbingberatung Berlin-Brandenburg
Uhlandstraße 127
www.mobbingberatung-bb.de
Tel.: 030/86 39 15 72

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Weitere Adressen


ANTI MoBB e.V.
Verein gegen Mobbing, Bossing, Bullying
Telefonsprechstunde täglich ab 18 Uhr unter Tel.: 03222/10 31 499
und Mo, Di, Do von 18 bis 20 Uhr unter Tel.: 030/934 953 18

Selbsthilfegruppen in Friedrichshain/Kreuzberg (Tel.: 030/291 83 48) und Treptow-Köpenick (Tel.: 030/631 09 85)
Mehr Infos unter: www.anti-mobb-ev.de

www.strategien-gegen-mobbing.de
Diese Webseite des Kölner Beraters und Coaches Michael Odenkirchen listet nicht nur übersichtlich Ursachen und Folgen von Mobbing auf, sondern gibt Betroffenen auch wertvolle Tipps, wie sie sich verhalten können.

Jeder neunte Arbeitnehmer in Deutschland ist schon einmal gemobbt worden, und an mindestens jedem zweiten Fall ist der Chef beteiligt. Für die Opfer hat die Schikane meist üble Folgen – für Firma und Volkswirtschaft aber auch.

Ihr schlimmstes Berufsjahr liegt zehn Jahre zurück. Aber wenn sich Sandra M. (Name geändert) mit einem Kollegen von damals trifft und dieser über den ehemaligen Arbeitgeber redet, bekommt sie noch heute Beklemmungen. Hals und Magen schnüren sich zusammen, der Puls schnellt hoch, und auch das Versagensgefühl ist schlagartig wieder da.

Unter dem Druck schlichen sich Fehler ein

Damals, auf ihrer zweiten Arbeitsstelle, ist die junge Grafikerin in einem Berliner Verlag gemobbt worden. Nicht etwa von den Kollegen, sondern von den Chefs.

Erst wurde sie schlampig eingearbeitet, dann wurde wegen angeblicher Fehler die Probezeit verlängert – und als sich unter diesem Druck tatsächlich Fehler einschlichen, gab es kein Halten mehr: Am Anfang ging es um Kommafehler, am Ende lästerten die Chefs über ihren Nachnamen und die Art, wie sie Papier in den Drucker einlegte. Inzwischen arbeitet Sandra M. längst in einer Agentur, in der sie geschätzt wird, und trotzdem fragt sie sich bis heute hin und wieder: War es doch meine Schuld? War ich vielleicht wirklich nicht gut genug?

Bossing-Quote bei bis zu 70 Prozent

Mobbing am Arbeitsplatz ist immer der pure Psychoterror – doch wenn er von den Chefs ausgeht, ist die Wirkung geradezu vernichtend. Und dieses sogenannte "Bossing" ist weit verbreitet: Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) ist jeder neunte Deutsche im erwerbsfähigen Alter schon einmal gemobbt worden. Schätzungsweise drei Prozent aller Beschäftigten werden aktuell in ihrem Job "systematisch und über einen längeren Zeitraum schikaniert, drangsaliert, benachteiligt und ausgegrenzt" – so die BAUA-Definition von Mobbing.

Ausgerechnet von den Führungskräften geht der Psychokrieg im Büro überproportional häufig aus: Nach Einschätzung der BAUA stecken die Vorgesetzten hinter vierzig Prozent der Fälle, in weiteren zehn Prozent mobben Chefs und Mitarbeiter gemeinsam. Einige Experten gehen sogar von einer "Bossing"-Quote von siebzig Prozent aus.

Führungsschwäche und ungesunde Strukturen

Häufig sei Bossing das Ergebnis von Führungsschwäche und ungesunden Strukturen im Betrieb, sagt der Frankfurter Arbeitspsychologe Dieter Zapf: "Wenn in einem Unternehmen systematisch gemobbt wird, zeugt das von schlechtem Management." Manchmal stünden aber auch einfach persönliche Animositäten zwischen "Bosser" und Opfer im Raum.

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Am Ende: Experten schätzen den jährlichen Schaden durch Mobbing auf einen üppigen zweistelligen Milliardenbetrag.

Was genau bei Karsten T. (Name geändert) der Grund war, weiß er bis heute nicht. Fest steht, dass sich der 40-jährige Industrie-Designer auf seiner letzten Stelle innerhalb von sechs Monaten von einem hoch motivierten Mitarbeiter in ein körperliches und seelisches Wrack verwandelte. Am Ende saß er in seinem Büro nur noch die Zeit ab. Nicht, weil er nicht hätte arbeiten wollen, sondern weil er es nicht mehr konnte.

"Kurz vor dem Selbstmord"

E-Mails liefen auf dem Bildschirm ein, aber ihren Sinn erfasste er nicht mehr. Eigene Texte zu schreiben, dazu war er nicht mehr in der Lage. Er hatte Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen und ein nervöses Augenzucken. Er konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken. Und wenn seine Familie ihn nicht aufgefangen hätte – "ich glaube, dann ist man kurz vorm Selbstmord", sagt er.

Voller Schwung hatte T. ein halbes Jahr zuvor seine neue Stelle angetreten, doch kurz darauf fing die Chefin an, ihn zu kritisieren. Er sei schlampig und stur, mache zu viele Rechtschreibfehler, deshalb solle er ihr jede Mail vorlegen. Sie nahm ihm Projekte weg, verbot ihm, wichtige Kontaktleute anzurufen, und warf ihm hinterher genau das vor. "Irgendwann wusste ich gar nicht mehr, was ich noch machen sollte und was meine Aufgabe war", erzählt Karsten T. Am Ende konnte er nicht mehr arbeiten: "Ich habe mich immer stark über meine Arbeit definiert, aber zu dem Zeitpunkt saß ich da wie in einer dunklen Kiste und dachte, ich bin nichts mehr wert."

Der Unternehmensspitze fällt Bossing selten auf

Chefs, die mobben, sind nach Ansicht von Experten nicht selten unsichere Persönlichkeiten. "Wer innerlich gefestigt ist, wird sich zum Beispiel durch eine einzelne Kritik nicht anfechten lassen", erläutert Zapf. Wer hingegen in seinem Selbstwertgefühl nicht stabil sei, reagiere schon auf die erste Konfrontation aggressiv. Führungskräfte, die sich fachlich unterlegen oder persönlich minderwertig fühlen, laufen Gefahr, ihre Unsicherheit zu kompensieren, indem sie Mitarbeiter erniedrigen. Da sie aus einer Position der Macht heraus handeln, sind ihre Opfer von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es sei denn die oberste Chefetage greift ein.

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Häufig ist Bossing das Ergebnis von Führungsschwäche und ungesunden Strukturen im Betrieb.

Die Unternehmensspitze bekommt häufig jedoch gar nicht mit, wenn Führungskräfte im mittleren oder unteren Management die Mitarbeiter drangsalieren. "Solange der Laden läuft, fällt es oben gar nicht auf", sagt Mobbing-Forscher Zapf. Vielen Firmen fehle allerdings schlicht der Mumm, Mobbing von Führungskräften zu bekämpfen, vor allem wenn diese inhaltlich kompetent seien. Und allzu oft hapere es an der Qualitätskontrolle bei der Besetzung der Führungsebenen. "Bei jedem Bleistift wird überlegt, ob er wirklich notwendig ist", sagt Zapf. "Aber im sozialen Bereich ist es mit dem Controlling nicht weit her."

Selbstständigkeit als Ausweg aus der Psycho-Spirale

Wie viel das Mobbing die einzelnen Unternehmen und die Volkswirtschaft kostet, ist schwer zu ermitteln. Experten schätzen, dass der jährliche Schaden, der durch Fehlzeiten, Produktionsausfälle, Abfindungen, Therapien und Frühverrentungen entsteht, sich auf einen üppigen zweistelligen Milliardenbetrag beläuft. In etlichen Fällen wird Bossing aber auch von ganz oben angeordnet. "Es ist definitiv so, dass manche Organisationen Leute absichtlich rausmobben, statt ihnen zu kündigen", sagt Dieter Zapf: "Wenn es offiziell unmöglich ist, jemanden loszuwerden, dann wird Mobbing auch strategisch angewendet."

Auch der Industrie-Designer Karsten T. hatte das Gefühl, dass seine Chefin den permanenten Druck auf ihn und seine Kollegen mit Rückendeckung ausübte. Als er schon längst nicht mehr im Unternehmen war, erfuhr er, dass er bereits das vierte Mobbing-Opfer auf derselben Stelle gewesen war. "Ich hatte den Eindruck, dass das von oben toleriert wurde", sagt er. "Geschadet hat es meiner Chefin jedenfalls nicht. Sie ist zur Abteilungsleiterin aufgestiegen." Karsten T. hat inzwischen eine Therapie gemacht. Im Beruf ist er wieder glücklich und erfolgreich – als Selbstständiger.

Kontakt zum Autor: Marion Meyer-Radtke ()


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Zuletzt aktualisiert: 12.08.2010 · Fotos: colourbox.com (4)