Der Weg ins Showbusiness führt nicht nur über Castingshows und Dieter Bohlen: An der Berliner Rockpopschule werden Berufsmusiker ausgebildet. Zwar garantiert das Pop-Diplom keinen Chart-Erfolg, aber die meisten Absolventen bleiben im Geschäft. Eine Geschichte von Träumen, Stars und harter Arbeit.

Die 23-jährige Juliana hat auf ihr Herz gehört: "Meine Mutter steht voll hinter meiner Ausbildung."

Acey Jee singt auf Englisch und Spanisch.

Gemeinsame Probe: Acey Jee, Juliana und Mike (von rechts).

"Ich versuche, all das in den Lehrplan reinzupacken, was mir selbst in meiner Ausbildung gefehlt hat", sagt Schulleiterin Katja Lehmann (Mitte).
Katja Lehmann hat nichts gegen Castingshows im Fernsehen. Mit Dieter Bohlen und Co. möchte die Chefin der Berliner Rockpopschule allerdings nicht in einen Topf geworfen werden. Zwar träumen auch die jungen Leute, die bei ihr vorsingen, von einer Karriere im Showbusiness. Aber wer sich in Lehmanns Privatschule für einen Platz in der Masterclass bewirbt, schielt nicht auf den schnellen Erfolg.
Von Glamour keine Spur
Doch ist ein Popsänger mit Abschluss oder gar ein Diplom-Rockgitarrist überhaupt sinnvoll? „Es geht nicht um das Zeugnis – das jeder Absolvent natürlich bekommt“, stellt Schulleiterin Lehmann klar. Statt dessen will sie talentiertem Nachwuchs den Weg ebnen, sich dauerhaft in der Musik-Branche behaupten zu können. Und für ein hartes Geschäft braucht es eben auch eine harte Schule, setzt die studierte Sängerin auf eine vielseitige Ausbildung mit 15 Wochenstunden Unterricht an vier Tagen in der Woche plus Vor- und Nachbereitung.
Glamour sucht man in der kleinen Schule in der Pflügerstraße – untergebracht in einem ehemaligen Ladengeschäft samt angeschlossener Erdgeschosswohnung – vergebens: Ein Plakat von Jimi Hendrix oder eine Single von den „Ärzten“ an der Wand müssen genügen, um die Schüler zum Lernen zu motivieren.
Musiker mit kreativem Geist
„Einigermaßen gut singen oder passabel ein Instrument spielen, das können viele“, sagt die 32-Jährige. Aber Lehmann geht es nicht um die Sternchen am Pophimmel, die schnell wieder verglühen. „Ich möchte Sänger und Musiker mit Persönlichkeit, mit Ausstrahlung und kreativem Geist – also Leute, die wirklich etwas mitzuteilen haben – und sie auf das Niveau bringen, das es ihnen ermöglicht, im Profilager zu bestehen“, erklärt sie.
Deswegen werden an der Rockpopschule seit acht Jahren neben Gesang und verschiedenen Instrumenten auch Harmonielehre und Sprecherziehung, Schauspiel und Tanz unterrichtet. Außerdem stehen Aufnahmetechnik und Künstlermanagement auf dem Lehrplan. „Wann Zahlungen an die Gema fällig werden, wie man seine Rechte schützt, Konzerte organisiert, Verträge schließt – all das gehört schließlich zum Musikeralltag.“ Eine Erfahrung, die Katja Lehmann ebenso gemacht hat wie ihr Dozententeam: Alle, die in ihrer Nachwuchsschmiede lehren, sind Berufsmusiker. Das gilt nicht nur für die elf festen Dozenten, sondern auch für die mehr als 50 Honorarkräfte.
Schulleiterin bastelt an eigener CD
„Ich versuche, all das in den Lehrplan reinzupacken, was mir selbst in meiner Ausbildung gefehlt hat“, sagt die gebürtige Schwäbin Lehmann, die Rock-Pop-Gesang an der Fachschule in Dinkelsbühl studiert hat. „Damals gab es noch nichts anderes auf dem Gebiet der Populärmusik“, erinnert sich die quirlige Frau, die gerade an einer Solo-CD bastelt. Inzwischen kann das Fach auch an der Hamburger Hochschule für Theater und Musik studiert werden. Und seit 2003 gibt es die Popakademie in Mannheim – eine Hochschule, die Musiker, Produzenten und Manager ausbildet und vom Land Baden-Württemberg, der Stadt Mannheim und dem Musikkonzern Universal finanziert wird. Eine Unterstützung, von der Katja Lehmann nur träumen kann.
500 Bewerber pro Jahrgang
„Wir kriegen noch nicht mal Förderung vom Senat", sagt die Schulleiterin, die sich um so mehr über Sponsoren freut, die mal mit Equipment, mal mit Stipendien einspringen. Auch der staatliche Segen blieb der „anerkannten Privatschule“ bislang versagt. Auf Bafög können Lehmanns Eleven daher nicht hoffen. Im Gegenteil: Sie müssen für ihren Platz auf der Schulbank ziemlich tief ins Portmonnee greifen. 450 Euro pro Monat sind in der Masterclass (Ausbildungsdauer: ein Jahr) fällig. Doch die Summe schreckt den Pop-Nachwuchs nicht ab: Rund 500 Bewerber pro Jahrgang melden sich – aber maximal zehn werden angenommen.
Alles auf eine Karte gesetzt
„Ich habe Geld auf die hohe Kante gelegt“, erzählt Meisterschülerin Acey Jee. Die 30-jährige Singer-Songwriterin aus Bochum (Hauptfach Gesang, Nebenfach Klavier) hat neben ihrem Spanisch-Studium sechs Jahre lang in einer Rockband gesungen – und mit ihrer Ausbildung an der Rockpopschule „jetzt alles auf eine Karte gesetzt“. Ihre Mitschülerin Juliana (23) hat es da etwas leichter, was die finanzielle Belastung betrifft: Die gebürtige Berlinerin wohnt noch zu Hause. „Und meine Mutter steht voll hinter meiner Ausbildung. Ich soll auf mein Herz hören, hat sie mir gesagt.“ Auch Nick (20), der Gitarre als Hauptfach belegt und gleich nach dem Abitur seinen Platz in der Masterclass bekommen hat, ist Berliner.
„Wir sind ja keine Starschmiede“
Der 34-jährige Mike dagegen hat schon einige Jahre im Berufsleben seinen Mann gestanden, zwölf Jahre war der gebürtige Thüringer Soldat der Bundeswehr. Als Gitarrist der Göttinger Coverband „Blue Peppers“ kennt er das Musikgeschäft zwar bereits seit Jahren. „Aber noch reicht die Musik nicht für den Lebensunterhalt“, sagt er. Das soll sich ändern, wenn er erst den Abschluss der Rockpopschule in der Tasche hat. Denn dass er die Musik zu seinem Beruf machen will, daran hat Mike ebensowenig Zweifel wie seine drei Mitschüler. „Rund 80 Prozent unserer Absolventen bleiben im Beruf“, sagt Katja Lehmann nicht ohne Stolz. Wenn auch die gelernten Popmusiker nicht unbedingt oben in den Charts landen. „Wir sind ja keine Starschmiede“, stellt Lehmann klar.
Demoband vom Abschlusskonzert
Trotzdem: Bei Labels ist die Rockpopschule nicht unbekannt. Beim Abschlusskonzert eines jeden Jahrgangs – „Record Release Party“ genannt, weil für Bewerbungen auch gleich ein Demoband mitgeschnitten wird – sitzen nicht selten Produzenten im Publikum. Schließlich hat Katja Lehmann in den vergangenen Jahren ein enges Netzwerk in der Musikszene geknüpft, zu dem beispielsweise auch Bands wie „Tele“ oder „Wir sind Helden“ gehören. Und so springt für die Absolventen manchmal vielleicht doch ein Plattenvertrag raus.
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Autor:
Katrin Starke
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Zuletzt aktualisiert: 31.08.2009 · Fotos:
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