
Mit einem zarten Pflänzchen ist es nicht getan, damit sich Mitarbeiter wohler fühlen.
Wenn Mitarbeiter sich Schreibtische teilen, bleibt kaum Raum für persönliche Gegenstände. Doch wie viel Privates brauchen wir im Büro, damit wir produktiv sind? Wissenschaftler erforschen, was unser Wohlbefinden am Arbeitsplatz steigert.
Ein Foto vom Freund, eine Ansichtskarte aus dem letzten Urlaub oder der eigene Kaffeebecher: alles persönliche Gegenstände, auf die Roxana Bouadjadja in ihrem Job verzichtet. Die 30-Jährige arbeitet in einem Callcenter in Berlin direkt am Spreeufer – und selten am gleichen Schreibtisch.
Täglich an einem anderen Schreibtisch
Rund 400 Mitarbeiter telefonieren im „Competence Call Center“ in Spitzenzeiten gleichzeitig. Die Glastische der Arbeitsplätze, die sich über drei Etagen verteilen, präsentieren sich picobello aufgeräumt, der dunkle Teppich schluckt Schall, und die schlichten Bilder an den weißen Wänden bieten kaum Ablenkung fürs Auge. Einziges Schmuckstück: ein traumhafter Ausblick auf die Spree.
Doch Bouadjadja vermisst an ihrer Arbeitsstätte nichts: „Ich habe vorher lange in der Verwaltung gearbeitet, hatte ein festes Büro mit einem riesigen Schreibtisch. Dort habe ich auch keine persönlichen Sachen aufgestellt.“ Vielmehr kommt es ihr auf Sauberkeit und eine moderne Ausstattung an.
Das ideale Büro
Welche Büroeinrichtung sorgt für das höchste Wohlbefinden? Dieser Frage geht das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation nach. Im Rahmen des Projekts
"Office 21"
...fanden die Forscher in der „Soft Success Factors“-Studie (2004) heraus, dass bestimmte Faktoren die „Büroattraktivität“ unabhängig von Modetrends und subjektiven Geschmäckern steigern: Die Dekoration mit privaten Gegenständen ist weniger wichtig als ein hochwertiger Gesamteindruck. Hierzu gehören: Mut zum Einsatz „warmer“ Farbtöne, unterschiedlicher Materialien (Glas, Holz, Textilien) und eine ergonomische Möblierung. Um welchen Prozentsatz sich die Produktivität durch die Einflüsse des Office Designs steigern lassen, daran arbeiten die Forscher derzeit. Arbeitspsychologen messen dem Aufstellen persönlicher Dinge im Büro dennoch einen hohen Stellenwert bei.

In einer kargen Umgebung mag niemand gerne arbeiten. Das wirkt sich auch auf die Produktivität aus.
Welche Umgebung macht produktiv?
Damit ist Roxana Bouadjadja nicht allein. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation aus Stuttgart erforscht, welche Umgebungsfaktoren unser Wohlbefinden am Arbeitsplatz steigern und uns produktiver machen.
Überraschendes Ergebnis einer Studie: Die Dekoration und Ausschmückung des Arbeitsplatzes mit persönlichen Gegenständen hat darauf keinen signifikanten Einfluss. Für eine „hohe Büroattraktivität“ ist es viel wichtiger, dass der Mitarbeiter eine bewusste Gestaltung erkennt, sagt Stefan Rief, Leiter des Forschungsprojekts „Office 21“. „Es geht um die Arbeitsumgebung insgesamt und nicht nur um den eigenen Schreibtisch.“ Dieser müsse nicht unbedingt individuell gestaltet sein, sollte aber attraktiv, hochwertig, ergonomisch und inspirierend sein.
"Flexible Office" heißt das neue Zauberwort
So bekommt der feste Schreibtisch im Büro der Zukunft in vielen Branchen mehr und mehr Konkurrenz. „Flexible Office“ und „Shared Desk“ heißen die Zauberwörter, hinter denen sich vor allem das ökonomische Interesse vieler Unternehmen verbirgt, die Bürofläche so effizient wie möglich zu nutzen. Konferenzen, Auswärtstermine oder Projektarbeiten sorgen schon jetzt dafür, dass Mitarbeiter ihren Schreibtisch bis zu einem Drittel ihrer Arbeitszeit ungenutzt lassen.
Vor allem in Betrieben mit Schichtdienst, zum Beispiel in der Callcenter-Branche oder im Journalismus, teilen sich Mitarbeiter einen Schreibtisch und verwahren ihre persönliche Habe im Spind oder im Rollcontainer. „Es wäre für uns unökonomisch pro Mitarbeiter einen Tisch einzuplanen“, erklärt der Chef von Roxana Bouadjadja, Sebastian Holz vom Competence Call Center. „Bei 600 Angestellten bräuchten wir dann 600 Arbeitsplätze.“
Auf das Endergebnis kommt es an
Doch nicht nur logistische Gründe sorgen für einen Aufschwung der flexiblen Arbeitsorte. So stellte das Fraunhofer-Institut fest, dass die Produktivität des Mitarbeiters in einer gemischten Büroform am höchsten ist. Sprich: Wenn er Alternativen zum festen Schreibtisch hat. Der technologische Fortschritt mit Handy, Laptop und Internet macht dies mittlerweile ohne großen Aufwand möglich. Zudem kann der Arbeitnehmer seine Arbeit zunehmend freier gestalten, weil es mehr und mehr auf das Endergebnis ankommt als auf die Zeit, die wir am Schreibtisch absitzen.
Wie eine solche alternative Arbeitswelt von morgen aussieht, zeigt die Zentrale des niederländischen Versicherungskonzerns Interpolis. Die 1.500 Mitarbeiter der Repräsentanz in Tilburg können ihren Arbeitsplatz jeden Tag neu wählen. Ob konzentriertes Arbeiten in einer abgeschirmten Kreativ-Zelle, die Konferenz am Küchentisch im Restaurant oder das Meeting im weitläufigen Garten – die Philosophie des Hauses lautet: „Dein Arbeitsplatz ist, wo du dich gerade aufhältst.“
Das Büro der Zukunft
Acht niederländische Künstler und Designer haben sich des Verwaltungsgebäudes angenommen und so unterschiedliche Arbeitsbereiche geschaffen, dass die Mitarbeiter täglich die Qual der Wahl haben: von kuschelig bis Licht durchflutet, von puristisch bis verspielt. Welchen Anteil die Büroeinrichtung an der Umsatzsteigerung des Unternehmens hatte, bleibt die Frage. Zumindest schaffte es Interpolis innerhalb weniger Jahre aus der drohenden Insolvenz auf einen der vordersten Plätze im Ranking der niederländischen Unternehmen.
Doch zu den Zukunftsfantasien zum flexiblen Arbeitsplatz gesellen sich auch kritische Stimmen. Mitarbeiter brauchen das Gefühl von Individualität, und dazu tragen ganz entscheidend auch persönliche Gegenstände auf dem Schreibtisch bei, sagt Ernst Hoff, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie von der Freien Universität Berlin.

Persönliche Dinge am Arbeitsplatz erfüllen gleich zwei Funktionen, die das Wohlgefühl steigern.
Warum private Sachen wichtig bleiben
Die liebevoll gehegte Büropflanze, die Steine vom Strandurlaub, die persönliche Kaffeetasse oder die Bilderrahmen mit Familienfotos auf dem Schreibtisch erfüllen gleich zwei wichtige Funktionen: Sie verhindern, dass wir uns austauschbar fühlen, und sie vereinfachen die Kommunikation mit den Kollegen. „Weil man für den anderen als Person greifbarer wird“, erklärt Hoff. Private Gegenstände würden wir letztlich nicht nur für uns, sondern vor allem für die anderen aufstellen. Sie zeigen, wer wir sind.
Das Ergebnis der Fraunhofer-Studie zur Büroattraktivität sieht er daher kritisch: „Man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen. Persönliche Sachen sind und bleiben ein Identitätsaufhänger.“ Wichtig sei beides: ein attraktives Büroumfeld und Platz für Privates.
Je nach Branche würden immer noch viele Menschen ihre persönlichen Sachen im Büro aufstellen. „Und das wird auch in Zukunft so bleiben“, ist sich Hoff sicher. Denn: Unternehmen vereinnahmen ihre Mitarbeiter immer stärker und erwarten, dass diese ihre Individualität bewusst einsetzen. „Und das demonstrieren die Leute dann nun mal auch, wenn sie sich über Privates auf dem Schreibtisch als Individuen zu erkennen geben.“
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Autor:
Jörg Oberwittler
(Website)
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010