Nie wieder Auftragsflaute

Wenn das Wetter es zulässt, arbeitet Carmen Rittel auf dem Dach.
Freiberufler gibt es viele, aber längst nicht alle sind auch erfolgreich. Spezielle Jobbörsen helfen. Worauf es ankommt und wie man sich als Selbständiger in der Hauptstadt behauptet – darüber berichten Freelancer. Und Experten geben Tipps, wie man sich nicht verzettelt und ein klares Ziel vor Augen behält.
Nirgendwo sonst in der Republik tummeln sich derart viele Freelancer wie in Berlin. Annähernd 70.000 sind es allein in der immer wieder gerühmten Kreativwirtschaft an der Spree. Tendenz steigend. Doch wie akquirieren freie Journalisten, Grafikdesigner, Schauspieler, Sänger, Tischler oder ITler eigentlich ihre Aufträge? Welche Strategien gibt es, um die Selbstvermarktung zu optimieren? Und welche Netzwerke und Plattformen können Freiberufler nutzen, um ihre Leistungen feil zu bieten und miteinander in Kontakt zu treten?
Netzwerken und gute Arbeit als Erfolgsrezept
Die Kommunikationsdesignerin Carmen Rittel (27) weiß darüber einiges zu berichten. Bereit seit zweieinhalb Jahren ist sie selbstständig, entwirft professionelle Websites sowie sämtliche Grafiken im Multimedia-Bereich für Werbeagenturen und Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Ihr Erfolgsrezept: Netzwerken, gute Arbeit und Mundpropaganda.
Jobbörsen für Freiberufler:
Für Selbstständige gibt es mittlerweile ganz spezifische Jobbörsen und Arbeitskontaktplattformen:
• Neben branchenübergreifenden Portalen wie etwa www.onlyforrent.de oder www.interlance.com
• spezialisieren sich Jobbörsen wie beispielsweise www.guxme.de weitgehend auf Künstler und Anbieter aus der Unterhaltungs- und Werbebranche.
• Dagegen konzentriert sich www.gulp.de ausschließlich auf ITler,
• während sich das Jobportal www.coroflot.com wiederum an Designer richtet.
• Über das Netzwerk Xing lassen sich Kontakte zu Menschen aus so gut wie allen Branchen knüpfen.
„Ich hatte das Glück, schon während meines Studiums an der ‚Berliner technischen Kunsthochschule’ von vielen Dozenten aus der Praxis unterrichtet zu werden“, berichtet die Grafikdesignerin aus Prenzlauer Berg. Dadurch hätten sich schon bald nach dem Studium erste Aufträge ergeben.
Bürogemeinschaften bieten Unterstützung
Zudem mietete Carmen Rittel bereits im ersten Jahr einen Arbeitsplatz in einer Bürogemeinschaft. „Das hatte den Vorteil, dass wir uns nicht nur ab und an gegenseitig die Jobs zuschoben, sondern uns auch in allen Belangen der Freiberuflichkeit, so etwa in Fragen der Arbeitsorganisation, Honorargestaltung oder dem Vertragrecht unterstützten“, verrät Carmen Rittel.
Jobangebote findet sie aber nicht nur über ihre mittlerweile zahlreichen Kontakte in der Werbebranche. Darüber hinaus nutzt die gebürtige Schwerinerin einschlägige Jobbörsen wie zum Beispiel „Das Auge“ oder „Coroflot“. Auch über virtuelle Business-Netzwerke wie etwa „Xing“ „sind schon Arbeitsgelegenheiten zu Stande gekommen“, sagt Rittel.
Für einen Auftrag bis nach Shanghai geflogen
Ihre Jobsuche beschränkt sie dabei nicht nur auf Berlin. „Viele freiberufliche Grafikdesigner gehen heute für projekt- und zeitlich begrenzte Jobs immer öfter auch ins Ausland.“ Flexibilität sei deshalb oberstes Gebot. Sie selbst, schließe es nicht aus bei einem guten Jobangebot einigen ihrer Kollegen zu folgen und „eine Zeit lang in Shanghai zu arbeiten“.
Weil immer mehr Berliner ihre Brötchen als Freiberufler verdienen, gründete Katja Schiefelbein im Oktober vergangenen Jahres Berlins erste Arbeitsvermittlungsplattform im Internet nur für Freiberufler und Selbstständige. Seitdem haben sich auf www.onlyforrent.de mehr als 1.800 Freelancer ein Profil angelegt, „mit unter anderem sämtlichen Kontaktdaten, einem kleinen Werbetext über sich selbst sowie bis zu zehn Fotos“, erklärt Schiefelbein.
Freelancer for Rent im Internet
Kosten entstünden den Nutzern dabei nicht. „Das Portal soll sich langfristig nur über Google-Anzeigen finanzieren“, verrät die Jobvermittlerin. Insgesamt gibt es auf „Only for rent“ nahezu dreißig Jobkategorien sowie unzählige Unterrubriken.

Gründete eine Freien-Datenbank: Katja Schiefelbein.
Die mit Abstand meisten Einträge, mit mehr als 1000 Profilen, „zählt dabei die Rubrik „Promotion, Werbung und Messe“, erzählt Schiefelbein, die früher eine Agentur für Promotion und Hostessen führte und deshalb noch über viele Kontakte in der Branche verfügt. Weitere Kategorien sind typische Freelancerbranchen wie etwa „Künstler und Artisten, „Film, Foto, Video und Theater“, „Gastronomie & Event“, „Grafik und Design“ oder „Journalismus und Textproduktion“.
Für 99 Euro werden sogar Karteileichen aussortiert
Ganz ähnlich verfährt Oliver Trümmers mit seinem schon vor zehn Jahren gegründeten Jobkontaktportal www.interlance.com. Allerdings sind die Jobprofile seiner Kunden im Gegensatz zu Schiefelbeins „Only for rent“ bereits nach drei Monaten mit einer Jahreskostenpauschale in Höhe von 99 Euro verbunden. Dafür garantiert der Schwabe aber auch die permanente Pflege und Aktualität seiner Jobprofile.
„Karteileichen werden bei uns sofort aussortiert“, betont der Jobvermittler. Laut Oliver Trümmers ein Qualitätsmerkmal, das sowohl Arbeitssuchenden als auch potenziellen Auftraggebern letztendlich zu Gute käme. Außerdem in den 99 Euro mit inbegriffen, „ist eine gute Platzierung der Userprofile auf allen gängigen Suchmaschinen“, verspricht Trümmers.
Zusammengefasst:
Die Erfolgsstrategien
• Mit anderen Freiberuflern netzwerken: Bürogemeinschaften bieten Austausch-Möglichkeiten für Aufträge, Arbeitsorganisation und Honorargestaltung – auch über verschiedene Berufszweige hinweg.
• Bestehende Kontakte nutzen: zum Beispiel während des Studiums.
• Internet: Sich in virtuelle Business-Netzwerke eintragen lassen.
• Flexibilität zahlt sich aus: Gute Aufträge finden sich auch im Ausland oder in anderen Bundesländern.
• Risiko streuen und auf mehrere Auftraggeber bauen, statt nur einen Großkunden zu bedienen.
• Regelmäßig Zwischenbilanz ziehen und Ziele setzen. So bleibt ein klares Ziel vor Augen.
Journalist, Englischlehrer und Stadtführer in einem
Auch Claus Eschemann (39) nutzt einschlägige Jobkontaktportale, um auf seine Leistungen aufmerksam zu machen. Der Schöneberger ist bereits seit sechs Jahren selbstständig. „Anfangs arbeitete ich fast ausschließlich als freier Journalist unter anderem für das Monatsmagazin "Finanztest" der "Stiftung Warentest", erzählt Eschemann im Rückblick. Doch davon allein konnte der
studierte Volkswirt nicht leben.
Also beschloss er sich seiner übrigen Fähigkeiten und Talente zu bedienen. Seit ein paar Jahren arbeitet Claus Eschemann nunmehr nebenher als Englischlehrer und führt außerdem als Reiseleiter englischsprachige Touristen durch Berlin und andere Touristenregionen Deutschlands. Der umtriebige Schöneberger rät Neueinsteigern keine Scheu zu haben vor der Selbstständigkeit, mahnt aber gleichzeitig zur Vorsicht: Wichtig seien ein funktionierendes Kontaktnetzwerk sowie Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit.
Viele starten mit falschen Vorstellungen Freiendasein
„Viele Freiberufler gehen häufig mit falschen Vorstellungen in die Selbstständigkeit“, weiß Gunter Haake, Geschäftsführer der ver.di-Tochter „mediafon“, die Freelancer in allen beruflichen Fragen berät. Haake beklagt die weit verbreitete Vorstellung, als Freiberufler in Berlin mit relativ wenig Geld auch langfristig über die Runden kommen zu können. „Das geht eine Weile gut, doch dann muss der nächste Schritt folgen“, betont Haake und meint damit „dass man anstatt einen besser mehrere solvente Auftraggeber im Rücken haben sollte, die ihre Auftragnehmer auch zu fairen Konditionen bezahlen.“
Denn viele würden vergessen, Rücklagen beispielsweise für den Krankheitsfall zu bilden geschweige denn sich um die Altersvorsorge zu kümmern. Der mediafon-Berater rät deshalb Freiberuflern, „sich ab und an den Spiegel vorzuhalten, Ziele zu setzen und diese regelmäßig zu überprüfen.“
Kontakt zum
Autor:
Andreas Voigt
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010