Frank Lingohr: „Das Wichtigste ist,
die Börse zu ignorieren“

Fondsberater Frank Lingohr sucht systematisch nach unterbewerteten Aktien.
Das Lingohr-Prinzip
Bei den Fonds, die Frank Lingohr und sein Team beraten, sind die Kauf- und Verkaufempfehlungen weitgehend automatisiert. Ein computergestütztes, mathematisches System ersetzt persönliche, emotionale Entscheidungen bei der Aktienauswahl. Nur Papiere, die ganz bestimmte Anlagebedingungen erfüllen, werden gekauft. Auswahlkriterien sind beispielsweise der innere Unternehmenswert, die Dividendenrendite, die Relation aus Buchwert und Aktien-Kurs und die Steigerung der Kapitalrendite. Dabei werden die Kriterien je nach Land unterschiedlich gewertet.
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Der LINGOHR-SYSTEMATIC-LBB-INVEST zählt seit Jahren zu den Besten in seiner Vergleichsgruppe (s. Grafik). Er investiert international in Aktien, wobei der Schwerpunkt auf der Eurozone (44,9 Prozent), Nordamerika (18) und den asiatischen Tigerstaaten (14,1) liegt. Die drei Top-Sektoren sind Finanzen, Industriematerialien und Energie.
Insgesamt betreut Lingohrs Unternehmen derzeit 3,7 Milliarden Euro. Die Fonds, die ausschließlich Lingohrs Namen tragen, werden nur bei der LBB INVEST aufgelegt, der LINGOHR-SYSTEMATIC-LBB-INVEST war 1996 der erste. Auf ihm basiert die bisherige Erfolgsgeschichte des Unternehmens. Außerdem ist Lingohr Berater für insgesamt zehn weitere Publikumsfonds, die unter den Namen der jeweiligen Anbieter vertrieben werden.
"Dax-Prognosen kann man sich schenken", sagt Frank Lingohr.
„Seine“ Fonds zählen seit Jahren zu den besten Geldanlagen. Bei direkten Vergleichen hat die Konkurrenz meist das Nachsehen. Im Gespräch mit BerlinerAkzente hat Frank Lingohr sein Erfolgsgeheimnis verraten.
Herr Lingohr, wo steht der Dax am Ende des Jahres?
Ich habe wirklich keine Ahnung. Das ist mir auch völlig egal, denn es hat überhaupt keine Relevanz. Derartige Prognosen kann man sich schenken. Ich halte es mit dem „Rheinischen Grundgesetz“, in dem es unter anderem heißt: „Et kütt, wie et kütt“ und „Et hätt noch emmer joot jejange!“
Der Fonds LINGOHR-SYSTEMATIC-LBB-INVEST entwickelt sich seit Jahren überdurchschnittlich. Verraten Sie uns Ihr Erfolgsgeheimnis.
Das Wichtigste ist, die Börse zu ignorieren und sich nur um die Unternehmen zu kümmern. Die entscheidende Frage ist: Würde ich das gesamte Unternehmen zu diesem Preis kaufen? Dann ist die Aktie unterbewertet und hat Potenzial. Außerdem gilt es, eigene Emotionen komplett auszuschalten, weil emotionales Handeln in unserem Geschäft ziemlich sicher dazu führt, dass man schlechter abschneidet als die Indizes.
Das heißt, Sie schauen stur auf die Zahlen?
Genau. Für den LINGOHR-SYSTEMATIC-LBB-INVEST beobachten wir konstant 2.500 Unternehmen, insgesamt sind es sogar 22.000. Jeden Montag aktualisieren wir unser Datenmaterial und erstellen für jedes Land eine aktuelle Rangliste von eins bis 100. Dafür wird jedes Unternehmen mit verschiedenen Modellen bewertet, die Ergebnisse werden gewichtet und addiert. Nur, wer jeweils zwischen eins und 20 liegt, wird ein Kaufkandidat. Die schauen wir uns dann ganz genau an und beschäftigen uns intensiv mit dem Geschäftsmodell. Außerdem investieren wir in jedes Land und dort wiederum in jede Aktie den gleichen Betrag, denn Übergewichtung bedeutet, eine Wette einzugehen.
Wie ist diese Anlagephilosophie entstanden?
Diesen rein fundamentalen Ansatz habe ich entwickelt und arbeite seit 1976 danach. Es geht darum, alle vorhandenen Daten richtig zusammenzufügen – das ist unser Handwerk, und das beherrschen wir.
Warum hat die Konkurrenz Ihr System noch nicht kopiert?
Eine Reihe anderer Anbieter arbeitet mittlerweile mit einem ähnlichen System, aber wir verraten ja auch nicht alle unsere Modelle. Außerdem halten die meisten den konsequenten Ansatz nicht lange genug durch. Und wer sich einmal darüber hinweg setzt, der tut es immer wieder.
Wie groß ist Ihr Team?
Zurzeit haben wir vier Portfolio-Manager, aber demnächst werden noch zwei dazu kommen. Insgesamt beschäftigen wir 22 Mitarbeiter.
Ihr typischer Arbeitstag – wie beginnt der?
Mit Zeitungslesen morgens um sechs bei mir zuhause. Hier hat auch alles angefangen – in der Garage. Die gibt es immer noch, und hier habe ich auch noch ein Büro. Gegen 9.30 Uhr bin ich dann im Unternehmen, das nur etwa 800 Meter entfernt ist, und checke alle Portfolios durch. Die laufen in beiden Büros online. Danach besteht der größte Teil des Tages aus Lesen – von Analysen zum Beispiel und Geschäftszahlen, vor allem um das System zu verbessern.
Sie verfeinern es ständig?
Selbstverständlich, es entwickelt sich immer weiter. Man muss einen gewissen Verfolgungswahn haben, um zu überleben. Die Konkurrenz schläft ja nicht.
Apropos. Alles ist so systematisiert. Gibt es auch einen festen Tag, an dem Sie kaufen?
(lacht) Es gibt Fonds, in denen täglich etwas passiert. Das ist bei uns nicht der Fall. Das wundert viele. Uns hat einmal ein Kunde im Mittleren Osten, ein institutioneller Anleger, angerufen, weil im Portfolio lange Zeit gar nichts geschah. Ich habe ihn beruhigt: ,Es ist alles in Ordnung. Wir müssen nichts tun.’ Im Durchschnitt bleiben wir unseren Anlageideen zurzeit 623 Tage treu. Manche Unternehmen sind seit Jahren drin.
Aus Ihrer Erfahrung: Was ist der größte Fehler, den Kleinanleger machen?
Sie schauen zu häufig hin. Sie sollten viel ruhiger werden und langsamer in ihren Handlungen. Außerdem sollten sie nicht so viel Zeitung lesen und Fernsehen schauen.
Was raten Sie Kleinanlegern, die jetzt Geld zur Verfügung haben? Auf welche Anlagestrategie sollten sie setzen?
Wer nicht wirklich selbst etwas von dem Geschäft versteht oder viel darüber lernen will, sollte in Fonds investieren. Die sind übrigens nicht nur etwas für Kleinanleger. Unser größter Kunde hat 100 Millionen Euro bei uns investiert. Auch für unseren ältesten Kunden betreuen wir einen zweistelligen Millionen-Betrag.
Und bei Ihnen persönlich? Was war Ihr größter Anlagefehler?
Aus dem Top-Fehler habe ich gelernt: Ich unterhalte mich grundsätzlich nicht mehr mit Managern der Firmen, in die ich investiere. Wer ein Unternehmen führt, ist meist auch ein Top-Verkäufer – und manchmal schlimmstenfalls ein Lügner. Wir fordern nur die Geschäftszahlen ein und informieren uns über Analysten, allerdings mit Vorsicht. Nehmen Sie als Beispiel nur den US-Energiekonzern Enron. Wir haben sechs Wochen für die Prüfung gebraucht, aber das Unternehmen nicht verstanden. Deshalb haben wir nicht gekauft. 2001 ist Enron Pleite gegangen, und es hat sich gezeigt, dass das Management vor allem aus Lügnern und Betrügern bestand.
Haben Sie mit Ihrem System jemals falsch gelegen?
Wie man’s nimmt. 1999/2000 hat mich das System daran gehindert, Internet-Aktien zu kaufen. Wir haben gesagt, die Papiere sind zu teuer. Die Monate danach waren eine schmerzliche Erfahrung, weil die Konkurrenz vorübergehend erfolgreicher war als wir. Aber am Ende haben wir ja schließlich doch richtig gelegen, wie man heute weiß.
Herr Lingohr, worin liegt der Reiz Ihres Geschäfts?
Der Reiz ist, jederzeit an allen anderen messbar zu sein. Da ist auch ein spielerisches Element dabei und die Möglichkeit, täglich sein Wettbewerbsdenken ausleben und sich vergleichen zu können. Am Ende geht es immer nur um Wahrscheinlichkeiten – die Wahrscheinlichkeit von Gewinn und Verlust.