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Ich bin ein Spießer - und ich steh' dazu

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Alternative Familie mit Kult-Status: die Darsteller aus dem LBS-Werbespot

Spießer-Film

"Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden" - der Original-Werbespot der LBS ist schnell Kult geworden. Hier können Sie ihn noch einmal sehen.

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Ein leicht verlottertes Wohnwagencamp, irgendwo am Rande der Stadt. Die kleine Lena schwärmt ihrem Vater Horst vor: von einem Mädchen aus der Klasse, die in einem eigenen Haus wohnt, wo jeder sein eigenes Zimmer hat, und von Bernd mit der schicken Dachgeschosswohnung, von der man einen tollen Blick über die ganze Stadt hat. „Alles Spießer“, grummelt der Vater. „Du Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden“, sagt Lena strahlend, während Horst völlig entsetzt aus der Wäsche guckt. Hat er als Hippie-Vater auf der ganzen Linie versagt?

Nach dem Erfolg des „Muttiwohners“ ist auch der zweite LBS-Werbespot Kult geworden. Inzwischen gibt es Spießer-T-Shirts, Spießer-Bildschirmschoner und ein Spießer-ABC von Autowäsche über Häkeldecke, Jägerzaun und Schonbezüge bis Zinnsoldat. Und längst wird überall diskutiert, wer denn nun der wahre Spießer ist: der in der schicken Wohnung oder Horst, weil er so engstirnig an alten Denkmustern klebt?

Schubladendenken gilt nicht

Der Werbespot ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: Schubladendenken gilt längst nicht mehr. Wer Müsli isst, muss nicht unbedingt Grün wählen. Wer tagsüber Anzug trägt, geht abends zum Hard-Rock-Konzert. Die Komplexität der Gesellschaft hat zugenommen. Frühere Assoziationsketten wie "Kleingarten gleich Vereinsmeierei gleich Stammtisch" sind aufgelöst, sagt der Berliner Kulturpsychologe und Kommunikationstrainer Markus Kuchnicak. Stattdessen heißt es "Laube gleich Sonne gleich Erholung". Heute lebt jeder seine Gewohnheiten, so unterschiedlich sie sein mögen, aus. Die Grenzen zwischen Kleinbürger und Lebenskünstler sind fließend. Der Architekt zieht in die Laube, und hippe Trendsetter bedienen sich gern aus dem kleinbürgerlichen Milieu und benutzen Versatzstücke als Zitate. Der Begriff Spießer ist damit eigentlich veraltet sagt Kuchnicak, denn er stammt aus der Zeit der Drei-Klassengesellschaft. Eine Gesellschaftsstruktur, die es gar nicht mehr gibt. Heute sprechen Trendforscher von über zehn verschiedenen sozialen Milieus, die sich zum Teil überschneiden.

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Sonntag ist "Tatort"-Tag, sagt Felix Neubauer

Uncool sein ist cool

Lange Zeit wollte keiner Spießer sein, die 68er schon gar nicht. Heute gilt uncool sein als cool. Ob Tatort gucken, wöchentliches Autowaschen, Briefmarkensammlung oder Urlaub in Bayern mit Oma und Opa – all das hat man früher schamhaft verschwiegen, um nicht als Spießbürger zu gelten, was die Fundamentalbeleidigung schlechthin war. Heute outet man sich ganz locker mit seinen Marotten. 18-Jährige bestellen sich im Internet ganz lässig das T-Shirt mit Aufdruck 100 % Spießer. Überhaupt – was ist eigentlich spießig? Häkelrolle im Auto, Jägerzaun, Feinripp in Weiß, Kuckucksuhr? „Wer sich selbst stigmatisiert oder ironisch mit seinem Spießertum auseinandersetzt, erspart sich die Rechtfertigung“, erklärt Markus Kuchnicak. Denn das kokette Spiel mit Spießersymbolen bedeutet die Flucht nach vorne: „Okay, ich trage zu Hause Birkenstock, na und?!“

 
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Bekennender Saubermann: Michael "Bully" Herbig Foto: PRO7

Bausparen ist cool


Keine Frage von Spießigkeit: Ausführliche Infos zum Bausparen gibt es in allen PrivatkundenCentern der Berliner Sparkasse, bei der LBS und hier im Internet.

"Bully" Herbig und sein Putzfimmel

Selbst Promis tragen ihre „Spießigkeit“ inzwischen öffentlich zur Schau. Fritzi Haberland bekannte vor kurzem: „Ich bin ein totaler Rentnerurlauber. Mir reicht es, an einem Ort zu sein, zu lesen und zu baden. Das langweilt mich überhaupt nicht.“ Popsängerin Inga Humpe erklärt ausgerechnet Blusen zu ihrem modischen Ideal. Und Michael „Bully“ Herbig hat kein Problem damit, als pingeliger Saubermann dazustehen. „Es gab Zeiten, da habe ich ständig die Duscharmaturen abgewischt, damit sich keine Kalkflecken bilden. Heute mache ich das nur noch am Waschtisch“, bekennt der 36-Jährige. Zudem hat er es gern, „wenn Leute die Schuhe ausziehen, bevor sie zu mir in die Wohnung kommen“. Auch Harald Schmidt gibt sich gern mit seinem Hang zu Bier und Wandern als superkonservativ aus.

Protest gegen den Frust der 68er

Der klassische Spießer, gegen den man in den 50er und 60er Jahren protestierte, war immer derselbe Typ: kleingeistig, unflexibel, rechthaberisch, überzeugt von der Richtigkeit seines Denkens und seiner Werte. So einer wie Ekel Alfred eben. Die neue Spießigkeit gilt Soziologen auch als Ausdruck eines Protestes gegen den Frust der 68er Generation, die als krasse Nichtspießer gegen den Muff und Mief der Nachkriegseltern mobil machten, auf Konventionen pfiffen, Traditionen verteufelten. “Allerdings“, schreibt Linus Reichlin in der „Zeit“, „wurden wir älter und mit uns unsere Progressivität. Die Ansichten, die 1968 noch gefährlich und umwälzend waren, hatten jetzt alle.“ Genau dagegen mucken die Kids von heute auf. Soziologen sprechen von ihnen als den Neocons. Ihnen erscheint das Spießertum verführerisch, weil es sich passgenau gegen jene in Stellung bringen lässt, die es einst vehement abschaffen wollten. Neocons sind Jugendliche, die liebend gern konservativ sein wollen als Antwort auf 50-Jährige, die nicht erwachsen werden wollen. Die neue Spießigkeit hat eher experimentellen Charakter. Kuchnicak: „Dahinter steckt eine Wertedebatte: Wie wollen wir eigentlich leben? Heute wird nicht danach entscheiden, was richtig oder falsch ist. Menschen dürfen unterschiedlichste Erfahrungen machen. “

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Auch er steht zum Spießertum Foto: ARD

Renaissance der Tanztees

Man probiert Altes auf neue Weise aus, genießt z.B. den Schrebergarten als grüne Oase, ohne jeden Tag die Beete zu harken. Oder: Wer ein Haus kauft, muss nicht darin alt werden, sondern zieht, wenn die Kinder groß sind, wieder in die Stadt. Kuchnicak stellt an sich selber fest, dass er inzwischen die lange verpönte Hausmannskost seiner Mutter lobt und dass seine Freunde plötzlich anfangen, Kindheitserinnerungen und Traditionen nicht abzulehnen, sondern zu verklären. Trendbüros berichten von einer Renaissance der Tanztees und Benimmkurse, und Schüler bitten inzwischen ihre Lehrer, sich zur Abifeier doch bitte ordentlich anzuziehen. Wirklich cool allerdings wird das Uncoolsein, behauptet Markus Kuchnicak, wenn man sich von der Ironie verabschieden kann und bewusst und voller Überzeugung zu dem steht, was man fühlt und liebt, ob Schlager, Schrebergarten oder Schrankwand. Lieber ein glücklicher Spießer sein und das Leben genießen als ein sauertöpfischer Szenegänger. Letzendlich gilt, was immer galt: Spießig sind immer nur die anderen.

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