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Wenn der Schein trügt

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Ziel der Betrüger sind vor allem Einzelhändler. Dort erreichen Falschnoten dann die Kunden.

Die Deutschen zahlen immer öfter mit Falschgeld: Zwanzig Prozent mehr Fälschungen gingen seit Jahresbeginn durch ihre Hände. Die Betrüger haben besonders den Ballungsraum Berlin im Visier, denn hier lassen sich "Falschnoten" schnell, anonym und effizient unter die Leute bringen. Ein Report über 300-Euro-Scheine, den Blütentrainer und nackte Frauen auf Geldscheinen, die zumindest eines nicht erregen: Verdacht.

Hand aufs Herz: Fällt Ihnen ad hoc das zentrale Sicherheitsmerkmal für den Fünfzig-Euro-Schein ein? Haben Sie spontan eine Ahnung, was den echten Zehn-Euro-Schein von den meisten "Falschnoten" unterscheidet? Keine Sorge, mit Ihrer Ahnungslosigkeit sind Sie nicht allein.

Fast jede zehnte Falschgeldnote stammt aus Berlin

Rund 33.000 falsche Euro-Banknoten hat die Deutsche Bundesbank im ersten Halbjahr 2010 bereits eingezogen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind das zwanzig Prozent mehr. Allein in Berlin stellte die Polizei 3.100 falsche Scheine sicher. Damit kommt fast jede zehnte Falschgeldnote aus der Hauptstadt. Für die Kriminellen ist der im Volksmund bekannte "falsche Fuffziger" immer noch ein Kassenschlager. Doch damit vorerst genug der Zahlen.

Alle Fälschungen landen früher oder später bei Edgar Kornübe von der Deutschen Bundesbank. Im "Nationalen Analysezentrum" in Mainz, früher "Falschgeldstelle", kümmert sich der stellvertretende Leiter zusammen mit vierzig Mitarbeitern um die "physische Analyse" der corpi delicti. "Die Fälscher werden keinesfalls besser. Das ist auch gar nicht nötig", sagt Kornübe. Bereits eine durchschnittliche Qualität würde ausreichen, um den Schein arglosen Menschen unterzujubeln.

Berliner "Blütenzauber" in den Einkaufsmeilen

Das kann zum Beispiel der 300- oder 800-Euro-Schein sein, den arglose Kassierer tatsächlich annahmen. Auch nackte Frauen auf Euro-Scheinen, die in Umlauf gerieten, sind dem Noten-Experten bereits unter die Lupe gekommen. Am meisten hat ihn ein 1000-Mark-Schein aus DM-Zeiten beeindruckt, den der Fälscher per Hand in stundenlanger Detailarbeit nachgezeichnet hatte. Bei so viel künstlerischer Leistung zollt selbst der Falschgeld-Fachmann Respekt – "aber es war wohl am Ende ein ganz schlechter Stundenlohn".

Die Täter sitzen meist in Süd- oder Osteuropa. Arbeitslose Drucker zum Beispiel, die statt Papier eben Falschgeld professionell drucken. Mit einem Bündel falscher Noten spazieren dann kleine Gauner-Grüppchen durch Einkaufsmeilen und -zentren, bezahlen mit großen Scheinen kleine Waren, um das Falschgeld möglichst schnell in echtes einzutauschen. Am häufigsten betroffen sind Ballungszentren wie Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet und die Rhein-Main-Region. Hier können die Betrüger anonym, schnell und damit effizient ihren "Blütenzauber" betreiben.

Bild vergrößernUv Lampe

Kassierer sind oft zu wenig geschult: Der Blick unter die UV-Lampe reicht nicht aus.

Kontrolle unter UV-Lampe an der Kasse reicht nicht aus

Volkswirtschaftlicher Gesamtschaden: 1,9 Millionen Euro. Gemessen an den Milliardengräbern der Finanzkrise sind das "Peanuts". Das meinen anscheinend auch viele Einzelhändler, die ihre Mitarbeiter noch besser schulen oder noch mehr Kontrollgeräte anschaffen könnten. Doch das kostet natürlich ebenfalls. So ziehen Supermarkt-Kassiererinnen die Scheine immer noch blitzschnell unter einer UV-Lampe durch, obwohl das allein nicht ausreicht, wie Jens Bachmann, stellvertretender Leiter des Falschgeldkommissariates der Berliner Polizei, sagt. Denn fluoreszierende Merkmale könnten Fälscher einfach kopieren.

Um die Echtheit eines Scheines zu überprüfen, sind keine Geräte nötig. Besser ist das Prinzip "Fühlen – Kippen – Sehen", das auch die Deutsche Bundesbank empfiehlt. Schon am Papier lässt sich oft eine Falschnote erkennen. Echtes Geld fühlt sich nicht labbrig, sondern griffig an. Wer einen Fünfzig-Euro-Schein auf die Rückseite dreht und kippt, stellt fest, dass die "50" unten rechts die Farbe wechselt. Beim 5-, 10- und 20-Euro-Schein garantiert der Perlglanzstreifen auf der Rückseite in der Regel die Echtheit. Diesen könnten Fälscher schwer nachahmen, sagt Bachmann.

Auch Otto-Normal-Verbraucher kann es treffen

Doch nicht nur Kassiererinnen und Einzelhändler sollten aufmerksam weiterlesen. Auch der Otto-Normal-Verbraucher kann eine falsche Note im Portmonee finden und macht sich bei der Weitergabe laut Gesetz dann strafbar. Nach derzeitigem Stand haben von 10.000 Einwohnern in diesem Jahr bereits acht eine Falschnote in den Händen gehalten. Das kann zum Beispiel dem Ebay-Verkäufer passieren, der bei der Übergabe der Ware ein Bündel Scheine in die Hand gedrückt bekommt, oder dem Supermarkt-Kunden, wenn die Kassiererin einen falschen Schein nicht erkennt und dann als Wechselgeld an den Nächsten in der Schlange weitergibt.

Die Bandbreite der Täter reicht von heranwachsenden Kleinganoven, die in ihrem Kiez mit schlecht gemachten "Kopie-Fälschungen" auf Einkaufstour gehen, bis hin zur siebenköpfigen Profi-Bande aus Berlin, die 2009 an Himmelfahrt nahe München von der Polizei gestellt wurde – mit 2.200 Falschgeldnoten im Nennwert von 200.000 Euro im Gepäck.

Bluetentrainer

Der Blütentrainer schult den Blick für die Sicherheitsmerkmale der Euro-Scheine.

Blütentrainer stellt echte und falsche Noten gegenüber

Die Berliner Polizei bietet Schulungen für Kassenpersonal an. Im Internet informiert der "Blütentrainer" (Pop-Up-Blocker deaktivieren) auf spielerische Weise, worauf Bürger bei ihren Bezahlungsmitteln achten sollen. Ein echter und ein falscher Schein sind gegenübergestellt. Der Spieler muss anklicken, an welchen Stellen sich beide unterscheiden. Fehlende Sterne, falsche Kirchenfenster, unterschiedliche Schriftarten – keine leichte Aufgabe.

Dass die Zahlen für die nächsten Jahre weiter ansteigen werden, glauben die Falschexperten allerdings nicht. Es seien Wellenbewegungen, die kommen und gehen. Und derzeit sei man eben auf einem "Wellenberg". Europaweit sind die Falschgeld-Funde übrigens derzeit sogar rückläufig. Anscheinend haben sich Gaunerbanden dieses Jahr auf Deutschland gestürzt. Ganz vermeiden lassen sich Fälschungen indes nie. "Dazu ist das Geschäft zu verlockend", sagt Bachmann. Sogar im alten Rom seien Münzen nachgemacht worden. "Geldfälschung gibt es genauso lang wie die Prostitution. Da wird sich in Zukunft wenig ändern."

Übrigens: Auch Münzen werden gefälscht. Doch die fallen vom Schadenswert kaum ins Gewicht. 3.000 Falschmünzen waren es im Jahr 2009, vornehmlich 1- und 2-Euro-Münzen und 50-Cent-Stücke. Gesamtschaden: 4.700 Euro.


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Zuletzt aktualisiert: 01.09.2010 · Fotos: colourbox.com (3)